Monat: September 2016

Mut zum Jobwechsel

Gepostet am

Kürzlich haben wir die Bloggerin Jennifer Warkentin vorgestellt und interviewt. In ihrem aktuellen Blogbeitrag auf Geistesfindung schreibt sie über die Chancen und die positiven Effekte, die sich ergeben, wenn man Mut zum Jobwechsel beweist.
Link zum Artikel

„Wirtschaftsgeist“ trifft auf „Geistesfindung“. Die Bloggerin Jennifer Warkentin im Interview.

Gepostet am Aktualisiert am

Seit März 2015 begeistert Jennifer Warkentin, M.A., mit dem Blog Geistesfindung ihre Leserschaft mit lebhaften, authentischen Schilderungen persönlicher Erfahrungen an der Schnittstelle von Geisteswissenschaften und Wirtschaft. Im Wirtschaftsgeist-Interview spricht die in Hamburg wohnhafte HR-Managerin über ihre vielseitige Laufbahn und motiviert GeisteswissenschafterInnen, die vermeintlich „böse“ Wirtschaftswelt zu erkunden.

Frau Warkentin, möchten Sie uns ein bisschen zu Ihrem akademischen und beruflichen Background verraten?
Nach einem abgebrochenen Musikstudium für Jazzklavier, habe ich nun einen Magisterabschluss in Deutsch als Fremdsprache und Amerikanistik. Seit 2009 habe ich meinem Abschluss in der Tasche, hatte aber bereits während des Studiums angefangen zu arbeiten. Ich habe schon so einiges in meinem Leben beruflich mitgemacht, von freier Jazzpianistin bis hin zur pädagogischen Leiterin einer Sprachschule war alles dabei. Jetzt arbeite ich in einem Spezialbereich in der Personalabteilung und kümmere mich um Mitarbeiterentsendungen. Das bedeutet, dass unser Team zum Einsatz kommt, wenn feststeht, dass ein Mitarbeiter im Auftrag des Unternehmens in ein anderes Land „entsendet“ wird. Wir kümmern uns um die Vertragsgestaltung, die Klärung von steuerlichen und sozialversicherungsrechtlichen Fragen und die Einholung der Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis. Außerdem koordinieren wir die Wohnungs- und Schulsuche, bedenken Themen wie Wechselkursschwankungen und ob das Gehalt im Heimat- oder Gastland ausgezahlt wird, organisieren über Dienstleister den Umzug oder ein interkulturelles Training usw. Mein heutiges Berufsfeld habe ich hier genauer erklärt, wie ich vorab als Quereinsteiger auf der Dienstleisterseite in diesem Bereich gearbeitet habe, beschreibe ich hier.

Jennifer Warkentin
Jennifer Warkentin

Geisteswissenschaften und Wirtschaft werden oftmals als Gegensätze betrachtet. Wie haben Sie das wahrgenommen? Wie sieht das in Ihrem Umfeld aus?
Ich selbst habe mir unter der freien Wirtschaft immer was diffus Böses vorgestellt. Aus irgendeinem Grund schwebten mir gleich geldgierige Bankiers vor, die nur den Profit vor Augen hatten und von glitzernden Marmorhäusern in ihre Yacht umsteigen. Dieses Bild hat sich erst im Laufe der Zeit bei mir geändert. Vor allem, als mir langsam klar wurde, dass auch NGOs und gemeinnützige Vereine in irgendeiner Weise mit Geld umgehen müssen und dass Profit an sich nichts Böses ist, wenn man ihn klug erwirtschaftet. Wir alle müssen auf irgendeine Weise Geld verdienen. Ob wir ethisch vertreten können, was mir beruflich tagtäglich zu entscheiden haben, ist natürlich eine ganz andere Frage.
Leider begegne ich öfter Geisteswissenschaftlern, oft auch frischen Absolventen oder noch Studierenden, die eine sehr ablehnende Haltung gegenüber der freien Wirtschaft haben. Euch kann ich nur einladen der freien Wirtschaft einfach mal eine Chance zu geben. Sie zu erkunden und zu sehen, ob sie wirklich so „böse“ ist, ob der Mensch wirklich so schnell aus den Augen verloren wird, ob ethische Fragen völlig untergehen und es wirklich immer nur darum geht sich mehr Geld in die eigene Tasche zu scheffeln.
Grundsätzlich habe ich bisher noch nicht erlebt, dass man sich mir ablehnend gegenüber verhalten hat, weil ich Geisteswissenschaften studiert habe, aber das lag sicher auch daran, dass ich mir nicht zu schade war zum Beispiel Excel zu lernen oder im Logistikbereich Berechnungen von Volumen, Gewicht und Volumengewicht tagtäglich meisterte. Offenheit ist das Zauberwort.

Sie sind im HR-Bereich eines Unternehmens im Bereich Energieversorgung, -handel und –logistik tätig. Trifft man in diesem Umfeld auf andere GeisteswissenschafterInnen?
Bei meinem jetzigen Arbeitgeber gibt es einige weitere Geisteswissenschaftler in der Personalabteilung. In den anderen Abteilungen muss ich gestehen, habe ich noch nicht so oft gefragt, was jemand studiert hat.
Meine grundsätzliche Beobachtung ist, dass es in vielen Bereichen Geisteswissenschaftler gibt. Typischerweise sind sie entweder bei Schnittstellen tätig, wenn es darum geht zu koordinieren und organisieren (wie zum Beispiel Projektmanagement oder Assistenztätigkeiten) oder wenn es um Kommunikation geht (z.B. Kundendienst, Vertrieb). Ich habe auch schon einen Literaturwissenschaftler kennengelernt, der heute Versicherungsspezialist ist. Es gibt auch einige, die sich den technischen Anteil ihres Berufes komplett selbst angeeignet haben oder in neueren Berufsfeldern arbeiten wie dem Social Media Manager oder Fundraiser.

Seit wann gibt es den Blog „Geistesfindung“ – und was war Ihre Motivation dahinter?
Meinen Blog gibt es seit anderthalb Jahren, seit März 2015. Damals begann ich den Blog, als ich mal wieder arbeitslos war und in ein ziemliches Loch fiel. Ich weiß nicht genau, warum mich die Bewerbungsphase damals so extrem belastete, aber um mir den Tag zu strukturieren, schrieb ich zu Beginn jeden Werktag einen Beitrag. Ich erhoffte mir durch den Blog Austausch mit anderen Leidwesenden und brauchte Abwechslung, wenn ich wieder stupide vor dem Rechner saß und geduldig Stellen für Geisteswissenschaftler suchte. Außerdem hoffte ich, dass durch meine Schilderungen jemand sich etwas beim eigenen Berufseinstieg mitnehmen würde. Da ich auch fünf Jahre lang mit zwei Standbeinen selbstständig war, gab ich auch zu diesem Thema im Blog Tipps weiter.
Heute schreibe ich durchschnittlich einen Beitrag pro Woche. Ich möchte weiterhin mit persönlichen Berichten anderen Mut machen, ein wenig aus dem Nähkästchen plaudern und Tipps an die Hand geben.

Welche Leute lesen Ihren Blog? Bekommen Sie Rückmeldungen Ihrer Leserschaft?
Grundsätzlich besteht der Großteil meiner Leserschaft aus Studierenden oder Absolventen, die Fragen zum Berufseinstieg haben, es gibt aber auch einige Leser, die bereits fest im Berufsleben stehen und anscheinend einfach gerne meine Beiträge lesen. Reaktionen erhalte ich entweder per Kommentar oder vereinzelt per E-Mail. Manchmal sprechen mich Leser auch über Xing an. Ich freue mich immer, wenn Leute reagieren und kann weiterhin gerne per Kommentar auf dem Blog oder direkt per info at jennywarkentin.de kontaktiert werden.

Welche Tipps würden Sie GeisteswissenschafterInnen geben, die sich Gedanken über ihre berufliche Perspektive machen?
In letzter Zeit beobachte ich, dass bei Unternehmen ein Umdenken stattfindet. Man hat gemerkt, dass Geisteswissenschaftler meist sehr gut ausgebildete Soft Skills haben und die Hard Skills oder benötigten Fachkenntnisse mit ihrer hohen Motivation schnell erlernen. Erst heute habe ich zum Beispiel gelesen, dass Bertelsmann ein neues Traineeprogramm aufgebaut hat, das explizit geisteswissenschaftliche Studenten anspricht.
Lasst euch deshalb nicht reinreden, dass ihr brotlose Kunst studiert. Wenn ihr mit Leidenschaft dabei seid und euch nicht zu schade seid auch mal Fachfremdes auszuprobieren, bin ich mir sicher, dass ihr euer berufliches Plätzchen finden werdet. Bei mir hat es auch sechs Jahre gedauert bis ich sagen konnte beruflich angekommen zu sein. Aber die Geduld hat sich gelohnt. Ich finde es ein unglaublich befriedigendes Gefühl, wenn jemand aufgrund meiner vorbereiteten Unterlagen und meiner Koordinierung des gesamten Prozesses eine Arbeitserlaubnis erhält. Durchhalten lohnt sich!

Vielen herzlichen Dank für das äußerst spannende Interview! Wir freuen uns auf viele weitere Beiträge auf Ihrem Blog Geistesfindung.

Interview/Text: Roland Reiter