Karrierewege von GeisteswissenschafterInnen – Vol. 4

Gepostet am Aktualisiert am

Auf die Stifte fertig los…

ruft Christina Boiger und alle beginnen zu schreiben. Christina ist Schreibtrainerin – und außerdem Germanistin, Romanistin und Slawistin.

Als Schreibtrainerin ist sie auf verschiedensten Ebenen tätig. Zu ihren Hauptkunden zählen Hochschulen, etwa die Uni Wien, die FH Wien der WKW, die PH Salzburg, das WIFI Burgenland und natürlich all jene, die Unterstützung beim Schreiben suchen. Auf der anderen Seite stehen Firmenkunden mit ihren individuellen Aufträgen. „Bei den Firmen geht es vorrangig um Alltagstexte“, erklärt Christina, „zum Beispiel um den Bericht, den man für den Chef schreibt. Im Prinzip sind das die gleichen Strategien, die man auch an der Hochschule verwendet, wenn man wissenschaftliche Arbeiten schreibt“. Christina hält zudem Gastvorträge, leitet Workshops und bildet an der Universität Wien SchreibmentorInnen aus.
Dass sie mit sehr unterschiedlichen Textsorten zu tun hat, liegt auf der Hand: „Ich habe gelernt Texte zu analysieren, auf sprachwissenschaftlicher und literaturwissenschaftlicher Basis. Ich weiß, welche Register wann idealtypisch verwendet werden, und ich kann aus diesen Faktoren mein eigenes Modell für einen Text bauen. Was ich im Studium gelernt habe, ist die Basis für das, was ich jetzt tun kann – aber es hat mir niemand gesagt, dass ich das kann. Ich glaube, dass ich auch nicht reif genug war, das zu verstehen. Mir hat im Studium der Transfer gefehlt. Ich habe dort Texte analysiert, habe aber nicht gewusst, wie ich diese Fähigkeit verwenden kann und dass sie auch gebraucht wird.“

Christina Boiger / Foto-Credit: Christine Weinberger – fotograzie
Christina Boiger / Foto-Credit: Christine Weinberger – fotograzie

Begonnen hat alles im Jahr 2000 mit einem Lehramtsstudium (Spanisch, Deutsch) in Graz. Christina hätte zwar von Beginn an lieber Russisch studiert, doch Deutsch erschien damals als die sicherere Variante, um später auf dem anvisierten Arbeitsmarkt – der Schule – bestehen zu können. Während des Probejahrs im Schuljahr 2004/05 am Gymnasium in Kapfenberg wurde ihr jedoch klar, dass sie nicht ihr weiteres Leben an einer Schule unterrichten wollte. Also begann sie im Herbst 2005 bei Kaipo, einem Unternehmen, das für das AMS Steiermark Bildungsförderungen bearbeitete: Im Rahmen einer EU-Förderung wurde bestimmten Personengruppen der Kursbeitrag oder Anteile davon gefördert. Also gab Christina Anträge in Systeme ein, prüfte die Kursabsolvierung und die Fördermöglichkeiten. Doch diese Arbeit als Sachbearbeiterin füllte sie nicht aus. Schließlich begann sie nebenbei Russisch zu studieren: „Das, was ich von Anfang an wollte“ schmunzelt Christina.
Nach einem Jahr als Sachbearbeiterin wechselte sie zum Unternehmen BDI – BioEnergy International AG. Ausgeschrieben war damals zwar eine Stelle als Sekretärin mit Französischkenntnissen, doch Christinas Auftritt überzeugte. Sie begann als Assistentin im Vertrieb und bekam mit der Zeit immer mehr Aufgaben übertragen. So koordinierte sie etwa Kongresse und unterstütze die Firma auch im Marketingbereich: „Das war der Moment, in dem ich feststellte: Ich kann vieles anwenden. Mir wurde klar, dass ich mich weiterentwickeln möchte und dass ich es kann.“ Nach fast 5 Jahren im Betrieb kündigte sie, begann die Ausbildung zur Schreibtrainerin in Wien und beendete ihr Bachelor-Studium in Russisch. Parallel dazu arbeitete sie ab 2011 an der FH CAMPUS 02 in Graz als stellvertretende Leiterin des Instituts für Hochschuldidaktik im Bereich der Qualitätssicherung. Dann wurde das Institut, an dem ich gearbeitet habe, geschlossen. Das war nun die Chance: Das Schreibtraining hatte ich ja schon nebenberuflich aufgebaut und ich dachte, so, das ist jetzt der Moment“, erzählt Christina.

Seit 2014 ist Christina Boiger nun hauptberuflich als selbständige Schreibtrainerin tätig und glücklich mit ihrer Entscheidung: „Man lernt sehr viel über unterschiedliche Menschen, unterschiedliche Organisationsformen und Strukturen. Ich habe so einen bunten, abwechslungsreichen Alltag, dass ich manchmal nicht weiß, ob es nun wirklich nur ein einziger Beruf ist.“
Nachdem der Markt nicht sonderlich gut erschlossen ist, bleibt auch die Konkurrenz überschaubar: „Unter den SchreibtrainerInnen gibt es eher ein kollegiales Austauschen als Konkurrenzkampf, da jede/jeder eine andere Spezialisierung hat. Die Schreibtechniken stammen größtenteils aus dem englischsprachigen Raum, weshalb viele SchreibtrainerInnen aus dem Bereich der Anglistik oder Amerikanistik kommen. Ich bin den klassischen Weg über die Germanistik gegangen und habe mich auf Qualitätskontrolle und Qualitätssicherung spezialisiert – da bin ich die Einzige. Der Markt ist demnach wunderbar aufgeteilt“, erklärt Christina.

Betriebswirtschaftliches Knowhow erlangte sie durch ihre Jobs in Unternehmen, jedoch im „learning by doing“ -Modus. Manche Sachverhältnisse sind trotzdem nicht klar, da hilft auch keine absolvierte Unternehmerprüfung: „Für diese Dinge gibt es einen Steuerberater. Alles, was ich nicht selbst erledigen kann – oder will –, wird ausgelagert. So spare ich Energie und Zeit.“
Angehenden GeisteswissenschafterInnen rät sie: „Mut zu haben, das zu tun, was man ursprünglich wirklich tun wollte, denn: Man soll sich seine Wünsche erfüllen.“
Auch wenn es der Wunsch ist, Stifte auf dem Papier tanzen zu lassen.

Nähere Informationen zu Christinas Programm, der Strategie „Auf die Stifte, fertig, los!“ und ihren Workshops findet man unter „Schreiben mit Chribs“.

Text: Birgit Nikzat

Ein Kommentar zu „Karrierewege von GeisteswissenschafterInnen – Vol. 4

    Schreiben in PR-Berufen « wirtschaftsgeist sagte:
    Oktober 27, 2016 um 7:57 am

    […] kürzlich haben wir in unserem Beitrag über die Schreibtrainerin Christina Boiger von der Text-Affinität der GeisteswissenschafterInnen gesprochen. Im Seminar Schreiben in […]

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