Wissenstransfer – QUO VADIS?

Gepostet am Aktualisiert am

Was bedeutet der Begriff „Wissenstransfer“ überhaupt – und wie sehen aktuelle Trends in diesem komplexen Themenfeld aus? Damit beschäftigen sich Daniel Wutti und Markus Hayden von der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt im Rahmen einer umfassenden Studie. Im Wirtschaftsgeist-Interview verraten sie uns erste Ergebnisse und erklären, welche Rolle die Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften dabei spielen.

Wir haben im Frühjahr über Eure Initiative zur Definition des Begriffs „Wissenstransfer“ berichtet. Seither habt Ihr eine aufwändige Studie zum Thema erstellt. Könnt Ihr kurz erläutern, worum es dabei geht und was in den vergangenen Wochen passiert ist?
Wir haben in einer Umfrage mehrere Ziele auf einmal verfolgt:
Zu aller erst wollten wir wissen, welche Begriffe Forscherinnen und Forscher implizit mit dem Thema Wissenstransfer verbinden. Zudem haben wir uns auch angeschaut, welche Komponenten sie explizit mit der Thematik verknüpfen. In einem weiteren Schritt haben wir eruiert, welche Motivatoren es für Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen gibt, Wissenstransfer zu betreiben und welche Hindernisse häufig auftreten. Der letzte Teil der Erhebung bestand aus einem umfangreichen Fragebogen zu Bewertung von Wissenstransfer, wie etwa im Hinblick auf Nutzen, Möglichkeiten sowie Stellung innerhalb der Scientific Community.
Im Speziellen waren wir auch daran interessiert, ob es zwischen den verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen – beispielsweise zwischen den Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften auf der einen und den naturwissenschaftlichen und technischen Studien auf der anderen Seite – Unterschiede in Verständnis und Zugang zur Thematik des Wissenstransfers gibt.
Unsere Daten haben wir im Frühjahr an den Universitäten in Kärnten und der Steiermark erhoben. Seit damals sind wir vordergründig mit der Auswertung beschäftigt.

Was sind grundlegende Ergebnisse Eurer Studie – bzw. welche zentralen Aussagen lassen sich aus der Studie jetzt bereits treffen?
Die Auswertungen sind aktuell noch nicht abgeschlossen, da es eine Fülle an Daten gibt – sowohl quantitativer als auch qualitativer Natur.
Was wir aber schon sagen können ist, dass es ein großes Interesse an der Thematik gibt. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler messen Wissenstransfer einen hohen Stellenwert und einen großen Nutzen zu. Vor allem der gegenseitige Austausch mit Expertinnen und Experten in praktischen Feldern wird als produktiv bewertet. Zeitgleich haben die Forscher_innen allerdings auch das Gefühl, dass innerhalb der Scientific Community nur wenig Wert darauf gelegt wird. Das bedeutet unter anderem auch, dass für die Karriere nach wie vor fast ausschließlich die „klassischen“ Leistungen, wie etwa Veröffentlichungen und Vorträge vor wissenschaftlichem Publikum zählen. Wissenstransferleistungen werden nach Meinung der Befragten hingegen kaum gewürdigt. Dabei ist Wissenstransfer für beide Seiten von Vorteil: das universitäre Wissen kommt in praktische Felder und findet dort Anwendung, andererseits fließt aber auch Praxiswissen zurück an die Universitäten. Nicht zuletzt werden auch gegenwärtig bedeutende Themen aus der Praxis von Forscherinnen und Forschern aufgegriffen. Somit profitieren alle Beteiligten.
Was die wesentlichen Teilkomponenten des Themas Wissenstransfer anbelangt, so deuten unsere Ergebnisse darauf hin, dass einige Bereiche kaum Beachtung bekommen. Die universitäre Lehre wurde beispielsweise von der überwiegenden Mehrheit der Befragten als essentiell benannt, wohingegen andere Faktoren, wie etwa Patentierungen – die sogar als Wissenstransferleistungen in den Wissensbilanzen der Universitäten erfasst werden – deutlich seltener sowohl implizit als auch explizit mit dem Thema Wissenstransfer verknüpft wurden.
In diesem Zusammenhang ist es jedoch wichtig anzumerken, dass die Forscherinnen und Forscher, die an unserer Erhebung teilgenommen haben, zum Großteil den Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften zuzurechnen sind. Es könnte durchaus sein, dass der niedrige Anteil an technischen- und Ingenieurswissenschaftler_innen die Ergebnisse etwas verzerrt hat. Darauf wollen wir im nächsten Schritt, einer österreichweiten Studie, besonderes Augenmerk legen.

Am 5. Oktober gab es ein universitätsübergreifendes Treffen in Graz, bei dem Ihr erste Ergebnisse Eurer Studie präsentiert habt. Wie haben die TeilnehmerInnen reagiert, die ja aus unterschiedlichen Bereichen kamen – von den Geisteswissenschaften über Medizin bis hin zur Technik?
Die Ergebnisse wurden von den Anwesenden mit Interesse angenommen. Der Wert unserer Arbeit liegt wohl auch darin begründet, dass wir das Thema wissenschaftlich bearbeiten. Innerhalb des Wissenstransferzentrums Süd, wo es ansonsten viele interessante und innovative praktische Tätigkeiten und Projekte gibt, ergänzen wir also den thematischen Bereich aus einer theoretischeren Sichtweise. Uns ist es ausdrücklich wichtig, verschiedene Disziplinen an der Forschung miteinzubeziehen, daher haben wir uns auf eine interdisziplinäre Diskussion gefreut. Die Diskussion zeigte, dass die Zeit reif ist für solche übergreifende Initiativen – wir stehen noch am Anfang, das universitätsübergreifende Treffen in Graz hat aber gezeigt, dass es sinnvoll ist, breiter anzulegen. Diskussionsbedarf gab es insbesondere bei dem Thema „Kennzahlen zu Wissenstransfer“. Es geht um die bedeutende Frage, wie Wissenstransfer-Leistungen adäquat in Forschungsbilanzen und Leistungsvereinbarungen abgebildet werden könnten, ohne ihr Kreativitätspotenzial zu gefährden. Die Diskussion war fruchtbar und wir konnten gute nächste Schritte planen.

Mit dem Wirtschaftsgeist-Blog sind wir an der Schnittstelle GSK/Wirtschaft angesiedelt. Daher interessiert uns, ob Eure Studie auch über diesen speziellen Bereich Aufschluss gibt. Wie sehen Geistes-, Sozial- und KulturwissenschafterInnen den Wissenstransfer zur Wirtschaft? Gibt es eine solche Art des Wissenstransfers überhaupt?
Ja, Wissenstransfer wird auch in den GSK-Disziplinen betrieben. Allerdings stehen häufig andere Themenkomplexe im Vordergrund, als jene, die bisher in Kennzahlen abgebildet werden. Erkenntnisse der GSK-Wissenschaften lassen sich in der Regel nicht in Form von Patenten vermarkten und führen häufig auch nicht zu sog. „Spin-Offs“. Dennoch gibt es etwa im Bereich von Praxisforschung bzw. daraus entstehenden Fortbildungen für Praktiker_innen klare Überschneidungsbereiche. Auch sollte nicht unterschätzt werden, dass den GSK-Fächern oftmals eine bedeutende Rolle im Hinblick auf Bewusstseinsbildung, sowohl im politischen, wie auch im volkswirtschaftlichen Sinn zukommt. Luk Van Langenhove, der Leiter des Institute on Comparative Regional Integration Studies der United Nations University in Bruges, Belgium forderte 2012 sogar in einem Nature Artikel dazu auf, diese Ausrichtung weiter zu forcieren.

Welchen Nutzen seht Ihr im Wissenstransfer zwischen Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften und der Wirtschaft?
Diese spezielle Art des Wissenstransfers ist leider aktuell in vielen Belangen noch stark unterschätzt, obwohl GSK-Wissenschaftler_innen in den unterschiedlichsten Branchen einen großen Mehrwert leisten können und auch der Rückfluss von Informationen aus der Wirtschaft an die Universitäten nicht unterschätzt werden sollte. Dementsprechend ist unserer Ansicht nach ein stärkeres Zusammenarbeiten zwischen Forscher_innen und Wirtschaft nicht nur in den eben schon beschriebenen Themengebieten durchaus zu forcieren.

Wie sieht die Zukunft Eurer Wissenstransfer-Studie aus? Was habt Ihr damit vor?
Zu aller erst einmal haben wir die Erhebung in leicht abgeänderter Art und Weise nun auch an den anderen österreichischen Universitäten gestartet. Wir möchten somit ein möglichst repräsentatives Ergebnis für Österreich erhalten.
Unsere Studie sehen wir gewissermaßen als explorativ an. Die Daten sollen dementsprechend natürlich auch eine Grundlage bilden, auf die sich weitere Arbeiten stützen können. Bisher gibt es beispielsweise noch keine einheitliche Definition von Wissenstransfer – weder interdisziplinär noch innerhalb bestimmter Disziplinen wie etwa den Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sollen vermehrt für diese Thematik sensibilisiert werden. Viele bedeutende Förderinstitutionen wie etwa der FWF oder Horizon 2020 verlangen ja inzwischen explizit, Wissenstransfer in Forschungsprojekte mit einzubeziehen, beispielsweise indem der Dissemination oder Open Access besondere Aufmerksamkeit zukommt. Zugleich wird aber Wissenstransfer an den Universitäten, wo vordergründig „Science to Science“ zählt, noch recht stiefmütterlich behandelt. Es ist ein Ungleichgewicht, wenn Universitäten und die dort betriebene Forschung öffentlich finanziert werden, die Ergebnisse aber nur innerhalb der Scientific Community bleiben. Wissenstransfer kann hier Abhilfe schaffen. Wir hoffen, dass unsere Ergebnisse diesbezüglich einen Beitrag zur Sensibilisierung leisten können. Im Bereich der GSK-Wissenschaften geht es auch darum, Wissenschafter_innen zum Wissenstransfer zu ermutigen: vieles, was bereits getan wird, ist gewiss Wissenstransfer zuzuordnen, allerdings findet es aktuell keinen Eingang in Leistungsvereinbarungen, es wird nicht gewichtet. Hierbei geht es darum, Qualitätskriterien zu finden, um schlussendlich auch diese Leistungen adäquat abbilden zu können.
Was die Veröffentlichung der Ergebnisse anbelangt, so möchten wir natürlich auch dem von uns selbst proklamierten Weg treu bleiben und streben dementsprechend einen Open-Access-Weg an. Darüber hinaus werden die Ergebnisse im Rahmen der Wissenstransferzentren publik gemacht und auch kritisch diskutiert. Damit soll und wird der Prozess aber noch nicht am Ende stehen. Viele wesentliche Schritte kommen erst im Anschluss. Dazu zählt vor allem auch die Diskussion der Ergebnisse mit dem Ministerium und den unterschiedlichen Universitäten.

Interview/Text: Roland Reiter

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s