Karrierewege von GeisteswissenschafterInnen – Vol. 6

Gepostet am Aktualisiert am

Ein offener Geist

Alexandra Ritter hat an der Karl-Franzens-Universität Theologie und Italienisch auf Lehramt studiert und begann 1996 am HAK-Maturalehrgang der Skihandelsschule Schladming zu unterrichten. In den darauffolgenden Jahren absolvierte sie zusätzlich die Direktorenausbildung und hatte große Pläne für die Zukunft der Schule: „Ich habe offensichtlich in meinem inneren Wesen diesen Freigeist – oder vielleicht Privatwirtschafterin – in mir. Ich wollte, dass die Skihandelsschule Schladming mindestens genauso bekannt wird wie das Skigymnasium Stams. Leider stieß ich dabei auf Widerstände bei der Lehrerschaft“ erzählt Alexandra. Da sie nicht die Möglichkeit sah ihre Pläne verwirklichen zu können, zog sie kurzerhand die Konsequenzen und verließ die Schule für immer. „Ich habe nicht gewusst, was auf mich zukommt – ich bin gegangen, ohne etwas in der Hand zu haben. Unter der Hand wurde sogar gemunkelt, dass ich es mit meinen Fächern, Theologie und Italienisch, in der Privatwirtschaft nicht schaffen würde“, erinnert sich Alexandra. Sie begann im Sommer des Jahres 2002 als Teamleiterin bei AWD Finanzdienstleistungen in Graz zu arbeiten, wechselte aber bald darauf nach Wien zur Tageszeitung „Die Presse“. „Ich werfe mich immer ins Wasser und rudere einfach“, meint Alexandra, „ich fragte damals meinen zukünftigen Vorgesetzten, was ich denn finanziell auf die Beine stellen müsste, um ein eigenes Magazin zu kreieren. Danach habe ich mich mit einem Redakteur zusammengesetzt und mich auf die Suche nach Sponsoren gemacht. Und ich habe es geschafft. Im Endeffekt habe ich bei der Tageszeitung „Die Presse“ den Österreichtourismus aufgebaut – wenn du für etwas brennst, dann machst du es einfach.“ Heute gibt es diese spezielle Seite 3 im Reiseteil nicht mehr.

Alexandra Ritter
Alexandra Ritter

Bis 2006 arbeitete Alexandra bei „Die Presse“, danach ließ sie sich von der Veranstaltungsagentur Kursalon Hübner in Wien abwerben. Als Salesmanager für Österreich und Italien war sie für die Kundenbetreuung, Vermarktung, Planung und Durchführung von Tourneen des Salonorchesters Alt Wien zuständig. Nach relativ kurzer Zeit beschloss Alexandra jedoch, sich mit einer eigenen Künstleragentur selbständig zu machen: „Ich war mit der Arbeitsethik des Kursalons Hübner nicht einverstanden und habe daraufhin eine eigene Künstleragentur, MusicArtsVienna, gegründet, um zu zeigen, dass es auch anders geht – aus keinem anderen Motiv heraus habe ich mich selbständig gemacht. Da hat mein Gerechtigkeitssinn einfach überhandgenommen.“ Um sich das fehlende Fachwissen anzueignen, absolvierte sie parallel zum Aufbau der Agentur auf der Universität für angewandte Kunst in Wien das Masterstudium „Art & Economy“. Zusätzlich arbeitete sie nebenbei bei Nespresso, um sich besser finanzieren zu können. Der Anfang war schwer: „Ich habe im Namen meiner neuen Agentur an die 200 Hotels angeschrieben – ohne Erfolg. Ich entwickelte daraufhin ein Kulturkonzept für Zell am See – eine Konzertreihe am Berg unter dem Titel ‚Hochkultur‘. Ich stellte den Zuständigen mein Konzept vor und es wurde angenommen. Wenn sie mich damals gefragt hätten, wie viele Konzerte dieser Art ich schon organisiert hatte, hätte ich sagen müssen: noch kein einziges. Aber es hat niemand gefragt. Vier Jahre lang, bis 2011, habe ich in Zell am See ‚Hochkultur‘ gemacht. Mittlerweile läuft meine Agentur sehr gut, ich vermittle die Künstler nicht nur, ich manage sie auch. An die 120 Konzerte organisiere und betreue ich im Jahr.“ resümiert Alexandra.

Alexandra Ritter hat eine abwechslungsreiche Karriere mit vielen Höhen und Tiefen hinter sich und hat sich schließlich mit ihrer eigenen Agentur verwirklicht. „Manchmal weiß man nicht, wohin der Weg führt, aber es ist wert, ihn zu gehen. Gleich dem Motto ‚Der Weg ist das Ziel‘. Ich denke, man sollte nicht zweifeln sondern es schlichtweg versuchen. Wir verhindern uns oft selbst – wir sollten unser Bewusstsein öffnen und uns die geistige Freiheit bewahren… nachdenken, forschen, rebellieren. Warum sollten wir uns etwas vorsetzen lassen? Ich würde jedem Geisteswissenschafter, jeder Geisteswissenschafterin, empfehlen selbständig zu werden, denn es entspricht unserem geisteswissenschaftlichen Denken“ ist Alexandra überzeugt.

Text: Birgit Nikzat

Ein Kommentar zu „Karrierewege von GeisteswissenschafterInnen – Vol. 6

    jenniferwarkentin sagte:
    Dezember 1, 2016 um 2:09 pm

    Danke für diese sehr positive Sichtweise auf die Selbstständigkeit!

    Gefällt mir

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