Monat: Juli 2017

Buchvorstellung – Monster zähmen

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Der Wirtschaftsgeist-Blog hat sich mit der Neuerscheinung „Monster zähmen“ der Autorin Ulrike Schneeberg auseinandergesetzt, welche sich dem Spannungsfeld Geisteswissenschaftler_innen/Orientierung/Beruf/Leben widmet und möchte den interessierten Leser_innen einen kleinen Einblick in das Buch geben.

Der Übergang vom Studium in die Berufswelt kann für Absolvent_innen geisteswissenschaftlicher Studien ein langwieriger und auch frustrierender Schritt sein. Absagen und mangelndes oder kein Feedback zur Bewerbung sind nicht selten ein Grund in dieser Übergangsphase an sich und seinen Fähigkeiten zu zweifeln. Der Untertitel „Ein Übungs- und Unterhaltungsbuch für Geisteswissenschaftler*innen auf Jobsuche“ macht bereits deutlich, worum es sich bei diesem kürzlich erschienen Buch handelt. „Monster zähmen“ bezieht sich auf Ulrike Schneebergs Dissertation über Monster in Bilderbüchern, welche im Zuge einer Auseinandersetzung oder genaueren Betrachtung gezähmt, oder zu Freunden werden können. Schneeberg studierte Sprachen und Literatur in Cambridge, Montreal sowie Berlin.
Die Autorin erzählt nicht nur von ihrer Suche nach dem richtigen Job, sondern berichtet auch gleichzeitig in Ausschnitten von 25 anderen Absolvent_innen der Geisteswissenschaften, die nach Abschluss ihrer Studien entweder in gänzlich anderen Berufen gelandet sind oder nach längerem Suchen ihre „Berufung“ – im Sinne einer erfüllenden Tätigkeit – gefunden haben.
In zwölf Kapiteln widmet sich Ulrike Schneeberg verschiedenen Aspekten, die alle Arbeitssuchenden sowie auch Arbeitnehmer_innen an einem Punkt in ihrem Leben eventuell beschäftigen werden. Beispielsweise die Suche nach Orientierung, das Treffen von Entscheidungen, die Notwendigkeit von Netzwerken oder wie man Kinder und Arbeit unter einen Hut bringt. Dabei erzählt sie in Episoden von sich selbst, schildert ihre Gedankengänge und Fragen, die sie sich im Laufe der Zeit zwischen Promotion und Arbeit gestellt hat und ergänzt ihre Sichtweisen mit jenen der 25 anderen Geisteswissenschaftler_innen, welche sie für dieses Buch interviewt hat. Das Spektrum an Studien umfasst beispielsweise Skandinavistik, Ethnologie, vergleichende Literaturwissenschaft, Philosophie, Archäologie und die Interviewten sind zwischen 27 und 48 Jahre alt. Sie arbeiten als Slam Poet, Tangolehrer, Sales- und Projektmanagerin, Sekretärin, Inhaberin eines Buchladens oder freiberufliche Journalistin – um ein paar Beispiele anzuführen.
Neben diesem „Unterhaltungsteil“ bietet das Buch auch Übungen, die in jedem Kapitel (dem jeweiligen Schwerpunkt entsprechend) gemacht werden können. Andere Übungen sollen einem selbst seine eigenen Ansichten und auch Verhaltensweisen bewusst machen und dazu anregen, sie vielleicht neu zu evaluieren und ein etwaiges „Monster zu zähmen“. Das Buch verspricht keine Lösung für alle Probleme und ist auch nicht darauf ausgelegt für alle Probleme Lösungen zu finden. Aber es versucht mit dem kritischen Denken von Absolvent_innen der Geisteswissenschaften zu spielen und dieses Denken im Übergangsprozess als hilfreiches Werkzeug zu verwenden, nicht als jene selbstzerstörerische Kraft, die sie manchmal gegenüber einem selbst sein kann.
Manche dieser Übungen mögen etwas banal erscheinen, wie beispielsweise jene Übung, sich seine eigene Orientierungslosigkeit zu vergegenwärtigen und die damit verbundenen Gedanken und Gefühle als Teil seines Selbst „mit Wohlwollen und Freundlichkeit“ zu akzeptieren. Andere Übungen zielen schlicht auf eine Beschäftigung ab, die einem das Gefühl vermitteln sollen, etwas zu unternehmen: Beispielsweise ein Profil auf einem virtuellen Netzwerk wie Xing oder LinkedIn zu erstellen und dort jemanden, der einen selbst definierten Wunschjob ausübt, mit einer „interessanten Frage“ zu kontaktieren. Wieder andere Übungen sind hilfreich, sich seiner eigenen Wünsche und Werte für Leben und Beruf bewusst zu werden, wie beispielsweise sich mit einer Vertrauensperson der Frage „Was macht dein Leben sinnvoll?“ zu stellen und diese monologisierend zu erörtern.

In seiner Gesamtheit regt dieses Buch zum Denken und ausprobieren an. Vor allem die leicht jovial wirkende Sprache, die Offenheit mit welcher die Autorin Themengebiete anspricht und behandelt, machen es zu einem recht kurzweiligen Werk. Für Suchende, denen der Bewerbungsprozess nur Frustration zu bieten hat, oder Absolvent_innen die sich ihrer Entscheidungen nicht sicher sind in ihrer beruflichen Orientierung noch nach passenden Hilfestellungen suchen ist dieses Buch eine geeignete Stütze.

© Marta Press
© Marta Press

Monster zähmen“ von Ulrike Schneeberg
erschienen im Marta Press Verlag (Hamburg), Mai 2017;
Preis: 26€; ISBN: 978-3-944442-66-2

Text: Martin Schönbauer/KUG

Der Begriff „Wissenstransfer“ im Fokus

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Im Rahmen des Wissenstransferzentrum Süd (WTZ-Süd) wurde an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt (AAU) eine Erhebung zum Thema Wissenstransfer durchgeführt. Der Wirtschaftsgeist-Blog verfolgt die Entwicklung der Studie von Beginn an und hat in der Vergangenheit („Herausforderung: Wissenstransfer GSK“ und „Wissenstransfer – Quo Vadis?“) bereits darüber berichtet. Mag. Markus Hayden von der Alpen-Adria Universität Klagenfurt hat im Wirtschaftsgeist-Interview weitere interessante Ergebnisse zur nun österreichweiten Studie vorgelegt.

Markus Hayden / Alpen Adria Universität Klagenfurt / © Fotocredit Walter Elsner riccio.at /AAU
Markus Hayden / Alpen Adria Universität Klagenfurt / © Fotocredit Walter Elsner riccio.at /AAU

Im Rahmen des WTZ-Süd wurde an der AAU eine österreichweite Erhebung zum Thema Wissenstransfer durchgeführt. Können Sie nochmals kurz darstellen worum es dabei ging?

Die Erhebung ist die Fortführung einer qualitativen Pilotstudie, die wir bereits im ersten Projektjahr durchgeführt haben. Wir haben mit dem aktuellen Fragebogen mehrere Ziele verfolgt: Einerseits haben wir erhoben, was Forscherinnen und Forscher überhaupt unter dem Begriff verstehen und welche Teilaspekte sie mit dem Thema Wissenstransfer verbinden. Darüber hinaus haben wir gefragt, welche Gründe es gibt, Wissenstransfer zu betreiben, bzw. welche Faktoren ein stärkeres Engagement im Bereich Wissenstransfer ver- oder behindern. Der größte Teil der Erhebung hat sich schließlich mit der Wahrnehmung und Bewertung von Wissenstransfer befasst – sowohl subjektiv aus Sicht des_der Forscher_in, als auch innerhalb der Gesellschaft und der Scientific Community.

Wer hat an der Erhebung teilgenommen?

Die Erhebung richtete sich an Forscher_innen aller Karrierestufen, die zum Zeitpunkt der Erhebung an einer österreichischen Universität beschäftigt waren. Einladungen zur Teilnahme wurden an alle WTZ-Universitäten versendet. Dabei sind wir schrittweise vorgegangen: zuerst haben wir Daten an der AAU und an der Karl-Franzens-Universität erhoben. Im nächsten Schritt haben wir uns an die anderen Universitäten des WTZ-Süd gewandt, also an die Montanuniversität Leoben, die Universität für Musik und darstellende Kunst Graz, an die technische sowie an die medizinische Universität Graz. Nach Abschluss der zweiten Phase haben wir eine Zwischenevaluation vorgenommen und den Fragebogen geringfügig adaptiert. Danach wurde dieser an die restlichen Universitäten der Wissenstransferzentren ausgesendet.

Letztendlich haben 285 Forscher_innen von 18 Universitäten an der Erhebung teilgenommen. Der Ausbildungsstand innerhalb des Samples war sehr hoch, da gut dreiviertel aller Befragten promoviert oder habilitiert sind. Entsprechend ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass rund 40% der Teilnehmer_innen ihre aktuelle Position als ordentliche-, außerordentliche- oder assoziierte Professuren beschreiben. Was die wissenschaftlichen Disziplinen der Befragten anbelangt, so sind mehr als die Hälfte von ihnen den Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften (GSK) zuzuordnen. Der Rest teilt sich auf Naturwissenschaften, technische und Ingenieurswissenschaften, medizinische Wissenschaften, Wirtschafts- und Rechtswissenschaften, Umweltwissenschaften sowie sonstige auf.

Wieso fragen Sie, was man unter dem Begriff versteht? Liegt das nicht auf der Hand?

Nein, das tut es bei weitem nicht. Wissenstransfer ist ein sehr großes Feld, das vieles sowohl beinhalten als auch exkludieren kann. Manch eine_r mag das Verfassen von Fachartikeln als Wissenstransfer einordnen, für eine andere Person ist Wissenstransfer ausschließlich auf die Vermittlung von Wissen aus der Universität heraus, hin zu einem nichtwissenschaftlichen Publikum beschränkt. Ein_e Dritte_r versteht darunter vielleicht die Zusammenarbeit mit Personen aus der Praxis oder der Politik. Für uns war es wichtig, einmal darzulegen, was Wissenschaftler_innen eigentlich darunter verstehen. Im weiteren Verlauf werden wir uns auch anschauen, ob es einen Unterschied zwischen den Disziplinen gibt, sprich ob unter Wissenstransfer in verschiedenen Disziplinen auch etwas Anderes verstanden wird.

Gibt es hier schon vorläufige Ergebnisse?

Wir sind noch mit der Auswertung der Daten beschäftigt, aber erste, vorsichtige Interpretationen deuten darauf hin, dass in den GSK-Wissenschaften das Verständnis doch anders gefasst ist, als beispielsweise in den naturwissenschaftlichen und technischen Fächern. Wissenschaftler_innen der ersten Kategorie nennen häufiger den Wissensfluss sowie die Kooperation mit Praktiker_innen und der Gesellschaft, wohingegen speziell Techniker_innen häufiger Wirtschaftspartnerschaften und Industriekontakte benennen.

Wie sieht es mit den Teilkomponenten des Themas Wissenstransfer aus? Welche Leistungen werden als Wissenstransferleistungen benannt?

Das ist ein sehr interessanter Punkt. Ganz besonders häufig wurden Wissenschaftskommunikation und Öffentlichkeitsarbeit (>90% Zustimmung) sowie Vorträge und Tagungen außerhalb der Scientific Community (>80% Zustimmung) erwähnt. Auch universitäre Lehre, Fortbildungen für die Praxis sowie Kooperationen mit außeruniversitären (Forschungs-)Einrichtungen wurden häufig genannt. Die „klassischen“ Kennzahlen (Patente, Spin-Offs, Auftragsforschung) wurden hingegen deutlich seltener ausgewählt.

Sie haben nach Motivatoren und Hindernissen gefragt. Was geben die Befragten hier an?

Über drei Viertel der Befragten sagen, dass es die persönliche Motivation ist, die sie antreibt. Zudem geben zwei Drittel an, dass sie durch gesellschaftliche Aspekte motiviert werden. Die Verbesserung des Ansehens von Universität/Fakultät/Institut/Forschungsgruppe, die Information der Öffentlichkeit über eigene Forschungsleistungen bzw. –Ergebnisse sowie der Wunsch, Wissen auch anwendbar zu machen, wirken jeweils für die Hälfte der Wissenschaftler_innen motivierend. Finanzielle Interessen, wie etwa durch Projektförderungen oder Subventionen, sowie die Vermarktung von Wissen in Form von Patenten oder ähnlichem, sind unseren Ergebnissen zufolge nur für einen sehr kleinen Kreis interessant.

Mit dem Wirtschaftsgeist-Blog möchten wir eine Schnittstelle zwischen Wirtschaft und den Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften darstellen. Welche Kooperationen bzw. Strategien gibt es hier?

Unseren Ergebnissen zufolge sind die Wissenstransferleistungen in diesem Bereich recht vielfältig, aber in der Regel dennoch anders als beispielsweise in den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik). GSK-Wissenschaftler_innen arbeiten eher direkt mit den Expert_innen im jeweiligen Feld zusammen, als mit Firmen oder Konzernen. Sie veranstalten Workshops zu spezifischen praxisrelevanten Fragestellungen, halten Vorträge oder bieten Fort- bzw. Weiterbildungen an. Auch das Verfassen Lehrbüchern oder die Erarbeitung von Praxisleitfäden sollte hier nicht unterschätzt werden. Für viele GSK-Wissenschaftler_innen ist es ein wichtiges Ziel, Forschung zu betreiben, die den Expert_innen in ihrer beruflichen Praxis weiterhilft. In diesem Zusammenhang wird häufig erwähnt, dass durch die Zusammenarbeit auch Wissen und Erfahrungen von den Expert_innen zurück an die Universität fließt, was im weiteren Verlauf wiederum zu neuen Forschungsansätzen führen kann.

Kommen wir zur Frage der Wahrnehmung. Wie bewerten die Befragten das Thema?

Für die Forscher_innen hat das Thema Wissenstransfer einen hohen Stellenwert. Sie sehen es als einen essenziellen Bestandteil der wissenschaftlichen Arbeit an, der im Großen und Ganzen zwei Aufgaben erfüllt. Einerseits geht es um die Schnittstelle zwischen der Wissenschaft im Allgemeinen bzw. den Universitäten im Speziellen auf der einen Seite und der breiten Öffentlichkeit auf der anderen Seite. Die Befragten geben beispielsweise an, dass das öffentliche Interesse bedient werden sollte und Universitäten einen wichtigen Beitrag zur Bewusstseinsbildung leisten. Zudem wird immer wieder erwähnt, dass Wissenstransfer auch in Bezug auf die Rechtfertigung von Steuergeldern wichtig ist.

Der zweite Bereich, der hervorgehoben wurde, ist die Vernetzung von Theorie und Praxis. Abgesehen von der Tatsache, dass durch Wissenstransfer Anwendungsfelder für theoretisches Wissen geschaffen bzw. erschlossen werden können, bewertet es ein Großteil der Befragten als sehr positiv, Forschung mit dem Ziel der Verbesserung der Praxis zu betreiben. Darüber hinaus kommen durch die Kooperationen auch wichtige Informationen und Praxiswissen zurück an die Universitäten.

Laut den Teilnehmer_innen unserer Studie wird Wissenstransfer sowohl von den verschiedenen praktischen Feldern, als auch von der Wirtschaft allgemein als positiv bewertet. Auch die breite Öffentlichkeit sei diesem Thema gegenüber sehr positiv eingestellt. Andererseits merken die Befragten an, dass Wissenstransfer für die Karriere nicht besonders förderlich ist und innerhalb der Scientific Community nicht wirklich wertgeschätzt wird.

Ein weiterer Punkt ist die Darstellung von Wissenstransferleistungen: bis vor kurzem wurden hauptsächlich Patente und Spin-Offs als Kennzahlen für Wissenstransferleistungen herangezogen. Das wurde von den Befragten durchaus kritisiert. Inzwischen gibt es aber schon einige Bestrebungen, die hier ansetzen. So wurden zum Beispiel an einigen Universitäten schon Kennzahlen für Publikationen und Vorträge mit Fokus auf außeruniversitäres Publikum, wie etwa Praktiker_innen oder Laien, eingeführt. Im Rahmen des WTZ-Süd arbeiten wir zurzeit überdies an einem erweiterten Kennzahlenkatalog, der noch einige weitere Punkte beinhalten soll.

Welche Schritte stehen nun als nächstes an?

Zuerst müssen wir die Daten fertig auswerten, was noch einige Zeit in Anspruch nehmen wird. Speziell die qualitativen Items benötigen dabei recht viel Ausdauer unsererseits. Danach werden wir die Ergebnisse bei Kongressen und Forschungsupdates vorstellen und diskutieren. Außerdem ist es uns überaus wichtig, dass die Ergebnisse auch veröffentlicht werden. Hier wird von unserer Seite aus grundsätzlich eine open-access-Strategie verfolgt.

Vielen Dank für das Gespräch!