Karrierewege von GeisteswissenschaftlerInnen – Vol. 15

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Wo entsteht Gesundheit?

Diese und noch weitere Fragen beschäftigen Karin Reis-Klingspiegl in ihrer Funktion als Geschäftsführerin von Styria vitalis. Die Germanistin und Ethnologin gehört zur ersten Generation in der österreichischen Gesundheitsförderung und stärkt gemeinsam mit einem Team von rund 65 Angestellten in Kooperation mit Kindergärten, Schulen, Gemeinden und Betrieben die Ressourcen für Gesundheit in der Steiermark.

Sie begann im Jahr 1982 mit dem Studium der Deutschen Philologie, heute Germanistik, und wählte als Zweitfach Europäische Ethnologie. „Germanistik studierte ich aus Leidenschaft, am meisten gefiel mir, hemmungslos lesen zu dürfen“, schmunzelt sie. Sie hatte zunächst die Idee, Journalistin zu werden: „Dass man als Literaturwissenschafterin keine Arbeit bekommt, war doch sehr naheliegend, und in die Schule wollte ich nicht. Auch für EthnologInnen gab es keine Perspektiven – damals war die Volkskunde noch konservativ, der Fokus lag eher auf der historischen Alltagskultur. Ich kann mich erinnern, dass ich viele Bienenkörbe und Rechen gezeichnet habe“, lacht Reis-Klingspiegl.

Bereits während des Studiums hatte sie als Mitarbeiterin in den Kulturredaktionen bei der Kleinen Zeitung und der Steirerkrone gearbeitet. Durch ihre journalistische Tätigkeit kam sie auch erstmals mit der Steirischen Gesellschaft für Gesundheitsschutz, heute Styria vitalis, in Berührung. Sie wurde gefragt, ob sie nicht Interesse hätte, die Organisation von Pressekonferenzen zu übernehmen. „So bin ich zum Gesundheitssektor gestoßen“, erzählt Reis-Klingspiegl, „und irgendwann habe ich dann die Öffentlichkeitsarbeit übernommen, bis ich mein Studium abschloss.“

© Stiefkind/Remling
© Stiefkind/Remling

Danach kam das Angebot, am Institut für Sozialmedizin an der Karl-Franzens-Universität Graz mitzuarbeiten. „Damals war das Institut neu besetzt und der neue Leiter, Horst Noack, fragte mich, ob ich nicht Interesse hätte, mit ihm zusammen zu arbeiten. Ich interessierte mich damals sehr für die Theorie der Gesundheitsförderung, wollte wissen, wie sich das Konzept operationalisieren lässt, welche Zugänge es gibt. Wie entwickelt sich Gesundheit, wie kann man sie beeinflussen? Das alles war sehr interessant. Mit der Zeit habe ich so im Tun gelernt, sozialwissenschaftlich zu arbeiten, habe dann auch viel unterrichtet“, erklärt Reis-Klingspiegl. Nach der Pensionierung von Horst Noack und dem Auslaufen des letzten großen Projektes, stand sie vor einer Neuorientierung. Eine Dissertation als Geisteswissenschafterin an der Medizinischen Universität Graz war seinerzeit nicht möglich, was Reis-Klingspiegl heute als Limitierung empfindet. „Dann bin ich im Jahr 2005 gefragt worden, ob ich mir vorstellen könne, die Geschäftsführung von Styria vitalis zu übernehmen. Es gab damals kein Bewerbungsverfahren, ich bin vom Vereinsvorstand gewählt worden“, erinnert sich Reis-Klingspiegl. Heute kümmert sie sich um gesundheitsbezogene Organisationsentwicklung, Angebote im Bereich der Gemeinschaftsverpflegung und um das Steirische Kariesprophylaxeprogramm, das einzige flächendeckende Präventionsprogramm in der Steiermark.

Die Frage, ob sie das Wissen aus der Germanistik und der Ethnologie in ihrer Tätigkeit als Geschäftsführerin verwenden könne, bejaht Reis-Klingspiegl sofort. „Ich glaube, dass einem die Germanistik überall hilfreich ist. Ich kenne keinen Beruf, in dem man nicht schreiben, lesen oder sprechen können muss, deshalb finde ich, dass man mit der Germanistik eine sehr gute Grundlage hat. Ich habe zwar nicht alle StudienkollegInnen im Auge, aber ich habe schon das Gefühl, dass sich alle engagierten durchsetzen konnten. Die Ethnologie ist vor allem methodisch gesehen hilfreich. Die Gesundheitsförderung ist ja eher eklektizistisch und holt sich ihre Methoden und Zugänge aus anderen Bereichen – da hat mir die Ethnologie mit ihren Methoden, zum Beispiel mit der teilnehmenden Beobachtung, geholfen. Qualitative Arbeit ist im Kontext der Gesundheitsförderung generell interessant, weil man ja nicht immer Hypothesen hat, die man überprüft, sondern auch offen ins Feld geht und schaut, was gerade passiert. Außerdem kommt der Bereich der Gesundheitsförderung eigentlich aus dem angloamerikanischen Raum, also Kanada, Australien, Neuseeland, USA, den skandinavischen Ländern und Großbritannien, sie sind bis heute Vorreiter. Dort arbeiten viele Sozial- und KulturanthropologInnen in diesem Bereich“, erklärt Reis-Klingspiegl.

Rückblickend gesehen hat ihr das Studium eine gute Grundlage geboten und sie würde dieselbe Wahl nochmals treffen. Außerdem ist sie der Meinung, dass ein Studium dazu qualifizieren sollte, sich selbst neue Felder zu öffnen: „Das Wichtigste ist, ein Studium mit Leidenschaft zu bestreiten. Man sollte nicht erwarten, dass einem das Studium alles bietet. Man muss nicht jedes Angebot haben, es kann durchaus beschränkt sein, aber was da ist, muss gut sein. Dann hat man auch das nötige Rüstzeug. Ich denke, man muss sich über die eigenen Fähigkeiten bewusst sein und das, was man gelernt hat, abstrahieren können, um zu schauen, wo es anschlussfähig ist, welche Felder dazu passen und versuchen, dort unterzukommen. Frechheit siegt da oft.“

Text: Birgit Nikzat / KUG

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