Karrierewege

Neue Perspektiven – Karrierewege von Geistes-, Sozial- und KulturwissenschaftlerInnen – Sammelband

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„Was kannst du dann beruflich machen?“ – ist wohl jene Frage, die jede/r Geistes-, Sozial- und KulturwissenschaftlerIn (GSK) zumindest einmal während der Studienzeit gehört hat. Die vermeintliche Perspektivenlosigkeit verunsichert Studierende und liegt oft darin begründet, dass es vielen AbsolventInnen nicht gelingt, im eigenen Fach Fuß zu fassen. Darüber hinaus fehlt mitunter das Bewusstsein für die eigene vielseitige Expertise und wie diese in verschiedenen Berufsfeldern Anwendung finden kann, auch in der Wirtschaft. Es lohnt sich jedenfalls, das eigene Berufsbild weiter anzulegen und über den eigenen studienspezifischen Tellerrand hinauszublicken. Aufgrund der Tatsache, dass GSK-AbsolventInnen oft einen weniger geradlinigen Zugang zum Arbeitsmarkt haben wurde die Kommunikationsplattform „Wirtschaftsgeist“ ins Leben gerufen. Diese Plattform zeigte durch Interviews und Porträts von GSK-AbsolventInnen in der Wirtschaft vielfältige Laufbahnen und Berufsperspektiven auf, die auch als Anregung dienen sollen.

Nun wurden zum Abschluss des Projektes Wissenstransferzentrum Süd (2014-2018) ausgewählte Porträts in einem Sammelband zusammengefasst und unter dem Titel: Neue Perspektiven – Karrierewege von Geistes-, Sozial- und KulturwissenschaftlerInnen“ veröffentlich. Das Sammelband ist auch in einer Druckversion unter thomas.korenjak@uni-graz.at kostenlos bestellbar.

Karrierewege von GeisteswissenschaftlerInnen – Vol. 24 – Kerstin Feiertag

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Wenn der Kindheitstraum wahr wird: Kerstin Feiertag erzählt von ihrer beruflichen Laufbahn.

Seit drei Jahren gibt es den Sestra Store in Graz, der Traum davon ist aber schon viel älter. Die Schwestern („Sestra“ heißt übrigens in slawischen Sprachen „Schwester“) und Geisteswissenschaftlerinnen Kerstin und Daniela haben bereits in ihrer Kindheit einige Geschäftsideen durchgespielt, Realität wurde eine davon jedoch erst später. „Die Idee, irgendwann gemeinsam ein Geschäft zu eröffnen, ist jahrelang in Vergessenheit geraten. Aber vor einigen Jahren gab es bei uns beiden privat und beruflich große Umbrüche und wir wollten eine Veränderung“, erzählt Kerstin, die jetzige Geschäftsführerin.

Kerstin Feiertag - Fotocredit: Hedi Grager
Kerstin Feiertag – Fotocredit: Hedi Grager

Kerstin studierte Soziologie und Pädagogik und interessierte sich schon seit jeher für Mode. Ihre Studienwahl erklärt sie sich durch ihr Interesse am Verhalten von Menschen. „Die Studienzeit war eine tolle Zeit und ich würde jedem ein Studium empfehlen. Es hat sich für mich recht früh abgezeichnet, dass ich keine wissenschaftliche Karriere starten, sondern lieber etwas machen möchte, das praxisnah ist. Nach dem Studienabschluss landete ich dann schnell auf den Boden der Tatsachen und musste feststellen, dass eine 22-jährige ohne Berufserfahrung nicht sehr gefragt ist“, erinnert sich Kerstin. „Ich bin aber schon früh selbstständig gewesen, habe mir das Studium selbst finanziert und ein Stipendium bekommen“. Ihre ersten Arbeitserfahrungen nach ihrem Studienabschluss sammelte sie im Marktforschungsbereich, jedoch nur auf Werkvertragsbasis, was große Flexibilität von ihr forderte. Schließlich landete sie durch eine Bekannte bei der Modeschöpferin Lena Hoschek und beeindruckte diese nachhaltig. „Eigentlich sollte ich nur kurz für sie arbeiten, daraus wurde aber eine feste Anstellung. Mode war schon lange meine Leidenschaft und ich kannte mich damit aus. Ich habe bei Lena Hoschek dann viel über Vertrieb, Buchhaltung, Einkauf, Verkauf, Warenpräsentation, Marketing und Geschäftsführung gelernt und gesehen, wie man selbst etwas auf die Beine stellen kann.“ Als das Unternehmen den Hauptsitz nach Wien verlegte, nahm Kerstin die Situation zum Anlass sich neu zu orientieren. Sie machte die Unternehmerprüfung, welche sie vom AMS finanziert bekam. „Ich absolvierte drei Monate lang neben der Arbeit diesen Kurs. Das heißt zuerst arbeiten und dann von 14 bis 22 Uhr zum WIFI. Ich lernte dabei vieles über Buchhaltung, Marketing, und alles was man eben sonst so wissen muss. Gepaart mit meiner Praxiserfahrung war das ein guter Startpunkt für ein eigenes Unternehmen. Ich kannte viele ModevertreterInnen, war nicht fern vom Business und wollte etwas Eigenes schaffen“, resümiert Kerstin.

Nach den ersten Überlegungen wurde das Unternehmen Anfang 2015 gegründet und bereits im September desselben Jahres dessen Eröffnung gefeiert. „Dahinter steckt viel Schweiß und Arbeitskraft. Wir haben uns das Geschäft selbst finanziert und hatten das Glück, viel Unterstützung von unseren Eltern zu bekommen. Wir haben alle angepackt und dann ist es schon gegangen. Wir wollten etwas Einzigartiges kreieren, waren mit Liebe und Herzblut dabei. Ich war überzeugt, dass wir damit am richtigen Weg waren.“

Die Einzigartigkeit spiegelt sich schließlich in der Modeauswahl: „Einige Marken haben nur wir im Sortiment und wir wurden dann schon fast so etwas wie Trendsetter in Graz. Die Arbeit dahinter darf man dabei aber nicht unterschätzen, da steckt viel Know-how drin. Die Klamotten im Shop sind zwar nicht immer Einzelstücke, aber jedes Teil ist handverlesen. Das heißt, jedes Kleidungsstück ist vor einem halben Jahr durch meine Hand gegangen und ich habe entschieden, dass es zu unserer bisherigen Auswahl passt.“ Für diese Auswahl reisen die Schwestern zu Messen und schauen sich vor Ort um, was es gerade Neues gibt. Dabei sind nicht nur ModedesignerInnen aus Skandinavien und Frankreich, sondern auch lokale ErzeugerInnen für sie interessant.

Sestra ist jedoch nicht nur ein Modegeschäft, sondern ein Concept Store geworden. Das heißt, dass auch Veranstaltungen wie Weinverkostungen, Kollektionspräsentationen, Lesungen und Konzerte im Geschäft stattfinden. „Wir wollten etwas schaffen, dass es in Graz noch nicht gab. Uns war es wichtig, ein gemütliches Ambiente und dazu ein Einkaufserlebnis abseits vom Massenkonsum zu bieten. Es soll sich gut anfühlen, zu uns ins Geschäft zu kommen.“

Fotocredit: Tamara-Frisch
Fotocredit: Tamara-Frisch

Das ganze Unterfangen bedeutet viel Arbeit, die sich für die Betreiberinnen lohnt: „Unser Konzept funktioniert gut und wir haben eine Stammkundschaft, die gerne zu uns kommt und sich bei uns wohl fühlt – dafür sind wir dankbar und darum machen wir das auch.“ Darüber hinaus schwärmt Kerstin von ihrem Team: „Ein halbes Jahr nach der Eröffnung wurde ich überraschend schwanger. Das war eine große Herausforderung, die wir alle gemeinsam gut gemeistert haben. Natürlich ist es ein großes Jonglieren zwischen Privat- und Berufsleben, aber wenn man mit Leidenschaft bei der Sache ist, kriegt man das gut hin.“

Speed-Dating: Berufliche Perspektiven mit Pädagogik

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Treffen Sie an diesem Abend auf 10 Pädagogikabsolventinnen aus unterschiedlichen Berufsfeldern und stellen Sie Ihre brennenden Fragen zum Berufseinstieg im direkten Gespräch mit den einzelnen ExpertInnen. Gewinnen Sie so in kurzer Zeit einen Einblick in die vielfältigen Tätigkeitsbereiche, die Ihnen mit einem Pädagogikstudium offen stehen.

Foto: pixabay
Foto: pixabay

Zielgruppe: Studierende und Jung Absolventinnen

An folgende Pädagogik-AbsolventInnen können Sie an diesem Abend
Ihre Fragen stellen:

Mag. Birgit Niederl
Regionalstellenleiterin
Tagesmütter Graz-Steiermark

Mag. Julia Goldgruber
Personalentwicklerin
Universität Graz

Mag. Karin Haider, MA
Schulsozialarbeiterin
SOFA – Verein für Schulsozialarbeit

Dr. Andrea Bernhard
Assistentin des Vizerektors für Lehre
Technische Universität Graz

Mag. Christoph Unterberger, MA
E-Learning Editor
SSI Schäfer AUTOMATION GMBH

Mag. Faustina Verra
Beraterin und Multiplikatorin
LOGO Jugendmanagement

Stefan Dworak, Bakk.
Leitung Südoststeiermark
input Steiermark

Mag. Claudia Sodl
People and Organisational Development global
MAGNA STEYR FAHRZEUGTECHNIK AG & CO KG

Melanie Saurer, Bakk.
Teamleitung
ARGE Ki:Ju:Fa

Mag. Marko Scherngell
Human Resources & Controlling Assistent
Wirecard CEE

 

Wann: Dienstag 04.12.2018, 17:00 – 18:30 Uhr

Ort: Career Center Veranstaltungsraum, Geidorfgürtel 21, 1.Stock, 8010, Graz

Anmeldung unter: https://careercenter.uni-graz.at/de/bewerberinnen/veranstaltungen/?esraSoftIdva=258812

Karrierewege von GeisteswissenschaftlerInnen – Vol. 23 – Tobias Loder-Neuhold

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Vom Allrounder zum Spezialisten – der Musikologe Tobias Loder-Neuhold schildert seinen Karriereweg.

Wie schafft es ein Musikologe in ein weltweit agierendes B2B Unternehmen? Tobias Loder-Neuhold, MA ist Digital Communications Strategist bei Universium Communications in Schweden und sorgt dafür, dass sich Firmen als Marke aufbauen und etablieren. Inwiefern das mit Geisteswissenschaften zu tun hat, erzählt er in diesem Porträt.

Tobias Loder-Neuhold interessierte sich schon immer für Musik und entschied sich deshalb dafür, Musikologie in Graz zu studieren. Nebenbei war er in zahlreichen Bandprojekten tätig und erwarb Fähigkeiten im Bereich Grafikdesign. Zunächst strebte er eine Universitätskarriere an, was sich jedoch als schwieriger als erwartet herausstellte: „Ich habe gemerkt, dass es sehr wenige Stellen in einem ‚Orchideenfach‘ wie der Musikologie gibt. Meine Spezialisierung im Bereich Musikpsychologie war leider auch nicht ideal. Damit bin ich zwischen den Stühlen gesessen und habe nirgends so richtig dazu gepasst.“ Trotzdem weiß und schätzt er, was ein geisteswissenschaftliches Studium zu bieten hat: „Im Lebenslauf scheinen manche Qualifikationen nicht auf, die man sich aneignet hat. Die strukturierte, analytische und tiefgehende Auseinandersetzung mit Themen, die einen dazu befähigt, Inhalte sowohl in schriftlicher als auch in mündlicher Form wiederzugeben, ist ein großes Plus, das ich in meinem Karriereweg vielfach zum Einsatz bringen konnte. Auch wenn wir Texte über Texte schreiben mussten – Inhalte in Worte zu fassen ist in Jobs gefragt!“

Tobias Lober-Neuhold
Tobias Lober-Neuhold

Die Geisteswissenschaften brachten Tobias auch die nötige Offenheit gegenüber Weiterbildungen und Auslandsaufenthalte nahe. Erfahrungen dieser Art machte er in Form eines Auslandssemesters in den Niederlanden und nach seinem Masterabschluss. Er zog in die Schweiz und entschied sich, sein Interesse an Kommunikation mit einem weiteren Studium zu vertiefen. Im Rahmen des Lehrgangs Kommunikationswissenschaften musste er ein Pflichtpraktikum absolvieren, woraus schließlich sein erster Job resultierte. „Ich fand eine Arbeitsstelle bei einem Konzerthaus an der Schnittstelle zwischen Kommunikation und Musik. Ich war für Pressearbeit und Marketing und auch für soziale Medien verantwortlich. Genauer gesagt habe ich Plakate gestaltet, Werbetexte geschrieben und Informationen an Interessierte und die Presse weitergeleitet. Sowohl meine Aufgabenbereiche als auch mein Arbeitsumfeld haben mir gut gefallen und ich habe mich ins Zeug gelegt, um davon profitieren zu können“, schildert Tobias.

Auf seine Zeit in der Schweiz folgte schließlich ein Umzug nach Schweden, da Tobias‘ Partnerin eine Anstellung an der Universität Uppsala angeboten bekam und er sie in ihrer Karriere unterstützen wollte. Aufgrund seiner Muttersprache sowie seiner Erfahrung im Bereich PR und Social Media fand er auch dort sehr bald eine Anstellung bei einem kleinen Start-Up-Unternehmen. „Als Marketingassistent für den deutschsprachigen Raum kamen mir dann Fertigkeiten aus dem wissenschaftlichen Arbeiten zugute. Ich musste Schlagwörter für die Suchmaschinenoptimierung definieren – eine Tätigkeit, die man auch im wissenschaftlichen Arbeiten anfinden kann. Hier musste ich es eben für Produkte machen, damit sie im Internet besser gefunden werden“, erklärt Tobias. Später war er als Growth Manager dafür verantwortlich die Reichweite des Unternehmens mithilfe von Werbemaßnahmen und Social-Media-Aktionen zu vergrößern um den Umsatz zu steigern. Tobias machte sich im Bereich digitale Kommunikation auch selbstständig und bot KundInnen Social-Media-Kampagnen, Homepageoptimierung und digitale Inhaltserstellung an. Die Fertigkeiten hierzu eignete er sich im Laufe seines Studien- und Arbeitslebens in Eigenregie und in den bereits erwähnten Weiterbildungsangeboten an. Dieses Engagement, davon ist Tobias überzeugt, verhalf ihm schließlich zu seinem jetzigen Job bei Universum Communications.

„Schon einmal darüber nachgedacht, wie große Firmen ihre Angestellten rekrutieren? Dahinter steckt viel mehr als bloß Ausschreibungen in verschiedenen Medien zu platzieren. Es werden Strategien entwickelt, um sich als Arbeitgeber für Talente interessant und attraktiv zu positionieren. Mein Arbeitgeber macht genau das! Und als Digital Communications Strategist unterstütze ich Unternehmen dabei, sich als Marke aufzubauen und Medienstrategien zu entwickeln. Das Ganze nennt sich dann ‚Employer Branding‘“, erklärt Tobias. Diese Arbeit erinnert ihn an seine Experimente in der Studienzeit, wo er genau auf diese Art und Weise planen und testen musste, um ein Ziel zu erreichen. In den letzten Jahren entwickelte er sich immer mehr zum Experten: „Ich war durch meinen beruflichen Werdegang gezwungen, mich vom Allrounder zum Spezialisten zu entwickeln. Das war ein langer und anstrengender Prozess. Es war wichtig, offen und flexibel zu bleiben und seine Stärken kennenzulernen und weiterzuentwickeln. Ich weiß inzwischen, was ich gerne mache und was mir liegt. Für meine Karriere ist die Fokussierung auf einen Bereich sehr förderlich.“
Tobias würde nichts anders machen, rät jedoch anderen Studierenden, einen Masterabschluss nicht um des Titels willen zu machen, sondern bereits nach dem Bachelorabschluss Fuß im Arbeitsleben zu fassen. Außerdem möchte er andere ermutigen, die eigenen, im Studium erworbenen Qualitäten nicht zu unterschätzen. „Übrigens“, sagt Tobias zum Abschluss, „ist unser Abteilungsleiter auch Geisteswissenschaftler.“

Text: Christina Lessiak

Karriere von GeisteswissenschaftlerInnen – Vol. 22 – Julia Pirkenau

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Schritt für Schritt: Julia Pirkenau erzählt von ihrem Karriereweg vom Kunstgeschichtestudium in die Marketingbranche

Julia Pirkenau’s Karriereweg ist alles andere als geradlinig und auf dem ersten Blick von kleinen Rückschlägen gekennzeichnet. Nach der Matura wollte Julia eigentlich Medizin studieren, scheiterte jedoch am Aufnahmetest.
Sie entschied sich daraufhin, Pharmazie zu inskribieren, merkte jedoch recht schnell, dass dieses Studium nicht das richtige für sie war. Da sie sich sehr für Grafikdesign interessierte, bewarb sie sich zwei Mal für das FH-Studium Informationsdesign, wurde jedoch in beiden Fällen abgelehnt. Julia ließ sich davon nicht unterkriegen und begann Kunstgeschichte und parallel dazu Umweltsystemwissenschaften mit Schwerpunkt Chemie zu studieren. Sie blieb schließlich bei Ersterem und erklärt, dass der ursprüngliche Reiz für sie darin lag, in diesem Fach sehr viel über die Gesellschaft zu lernen: „Es heißt, man kann Bilder immer erst dann verstehen bzw. interpretieren, wenn man weiß, was zu einer bestimmten Zeit an dem betreffenden Ort passiert ist. Wieso war das eine Kunstwerk aufsehenerregend oder wichtig? Das herauszufinden ist spannend! Diese Kontexte zu ergründen und Kunst darin einzubetten hat mir gefallen und deswegen bin ich auch drangeblieben.“

Julia Pirkenau - © JOfotografie
Julia Pirkenau – © JOfotografie

Julia hat das Studieren allein aber nie gereicht, weswegen sie nebenbei ständig in unterschiedlichen Bereichen aktiv war. Unter anderem unterstütze sie KünstlerInnen in den Regionen, war im Bezirk Voitsberg an Kunstaktionen beteiligt, Bodypainting-Model, freischaffende Grafikdesignerin und hat darüberhinaus zwei Musikredaktionen mitaufgebaut (Fresh – Austrian Bass Culture und music-news.at). Sie hatte das große Glück, dass ihre Eltern die Möglichkeit hatten, sie finanziell zu unterstützen, weswegen sie neben dem Studium nicht arbeiten musste. „Ich hatte StudienkollegInnen, die sich das Studium nicht leisten konnten und abbrechen mussten“, erzählt Julia. Kombiniert mit den angeführten Erfahrungen führte sie ihre Hochschulbildung schließlich zu einem breiten Wissen und umfangreichen Kompetenzen. Julia erinnert sich: „Als ich damals neben dem Studium zu arbeiten angefangen habe, hat mich meine Mutter gefragt, ob ich genug Geld bekomme. Und ich habe ihr gesagt, dass es in erster Linie nicht um’s Geld geht, sondern darum, dass ich Erfahrungen sammle und die sind unbezahlbar und das ist schlussendlich das Einzige, was wirklich zählt. Und anscheinend habe ich Recht behalten. Alles was man tut bringt einen in der einen oder anderen Hinsicht weiter. Man muss ja nicht alles davon in den Lebenslauf schreiben.“ Besonders als Musikjournalistin, so Julia, habe sie viel erlebt und sich enorm weiterentwickelt. Außerdem habe diese Tätigkeit ihr Unsicherheiten genommen: „Am Anfang hatte ich großen Respekt vor anderen JournalistInnen und MusikerInnen und war verunsichert. Wenn du dann aber einmal Backstage kommst und mit den anderen ein Bier trinkst, merkst du schnell, dass das alles nur Menschen sind und man gar nicht so nervös sein muss.“

Über ihr privates Netzwerk kam sie schließlich zu ihrem ersten Job im Bereich Marketing und wurde dabei gleich ins kalte Wasser geworfen: „Ich habe mir aufgrund meiner Erfahrung im Journalismus zwar gar nicht so schwergetan, aber manchmal packt einen eben die Angst und man fragt sich, ob man es schaffen kann. Inzwischen weiß ich, dass man mit seinen Aufgaben wächst. Das ist nicht nur ein leerer Spruch. Bei neuen Herausforderungen gehe ich einfach Schritt für Schritt vor, meistere Widerstände und beobachte mich dabei selbst: Was kann ich gut? Was kann ich schlecht? Wo gibt es Entwicklungsbedarf? Wie schätzen mich die anderen ein? Was funktioniert und woran soll ich weiterarbeiten?“

Nach einem Jahr entschied sich Julia, ihren Arbeitsplatz zu wechseln und bewarb sich auf Stellen, die sie im Internet fand. Sie meint, dass es vielen so ergehe wie ihr, und dass man während der Jobsuche von Selbstzweifel geplagt werde. Immerhin werden GeisteswissenschaftlerInnen ja nicht unbedingt die besten Aussichten prophezeit. Sie denkt zurück, wie ProfessorInnen Studierenden zu verstehen gaben, dass man mit Kunstgeschichte nicht nur im Museum landet, sondern in sehr vielen Bereichen eine Beschäftigung finden kann. Sie behielten Recht und Julia bekam ihre jetzige Anstellung beim steirischen Humantechnologiecluster als Marketing- und PR-Managerin: „Der Cluster ist von Politik und Wirtschaft ins Leben gerufen worden und dient dazu, Akteure aus den Bereichen Medizin(technik), Pharma- und Biotechnologie und Gesundheit zusammenzufassen und dafür zu sorgen, dass sie sich besser miteinander und mit der Wirtschaft vernetzen. Aus den Tätigkeiten des Clusters soll schließlich ein Mehrwert für die Gesellschaft entstehen.“

Aus ihrem Studium nahm sie Einiges mit, vor allem das in ihrem Arbeitsbereich unabkömmliche vernetzte Denken, sowie selbstverantwortliches, eigenständiges Handeln. „Viele denken Marketing/PR sei ein kreativer Tätigkeitsbereich, der Arbeitsprozess ist jedoch ganz anders. Es geht um Koordination, Organisation und Kommunikation mit KundInnen. Natürlich gibt es dabei kreative Elemente, aber ohne klare Strukturen wäre diese Arbeit nicht umsetzbar. Zehn verschiedene Aufgaben gleichzeitig zu erledigen und damit auch klarzukommen ist eine Kunst, und die habe ich gelernt“, führt Julia aus. Diese (Selbst-)Organisation hat sie sich im Studium angeeignet, da sie sich um Vieles aus eigener Initiative heraus selbst kümmern musste: „Ich weiß, dass es Rechte und Pflichten gibt, die man einfordern darf, soll und muss. Ich habe mich während des Studiums nicht einfach mit Dingen abgefunden, sondern gehandelt. Wenn ein Prüfungstermin beispielsweise nicht angeboten wurde, habe ich mich darum gekümmert und nicht gewartet, dass es jemand anders für einen macht.“

Rückblickend empfindet Julia ihren Karriereweg durchwegs positiv und hätte nichts anders gemacht: „Ich habe mir durch den jetzigen Job beweisen können, dass ich alles schaffen kann, wenn ich an mich glaube – auch wenn das esoterisch klingt.“

Text: Christina Lessiak

EXCELLENCE 2018 – Das Karriere-Festival der Universität Graz

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Der Wirtschaftsgeist-Blog möchte heute auf das Karriere-Festival – EXCELLENCE 2018 – Your time to shine – aufmerksam machen. Neben den zahlreichen Unternehmen werden auch die NGO-Sessions für unsere GSK-Studierenden/AbsolventInnen von großem Interesse sein.

Dienstag, 6.11.2018, 9:30 – 16:00, Hauptgebäude der Universität Graz

“YOUR TIME TO SHINE!” lautet das Motto, wenn sich das Hauptgebäude der Universität wieder in eine einzigartige Festival-Location verwandelt. Für Karriere-Impulse sorgen zahlreiche Informationsstände aufstrebender Arbeitgeber und Institutionen. Sechs weitere Schauplätze am Campus bieten Raum für großartige Live-Acts wie Silent Talks, AbsolventInnen im Gespräch und kostenfreie Bewerbungsfotos.

Da heißt es vorbeischauen, vernetzen, vorankommen.

Festival-Highlights auf einen Blick:

HOCHKARÄTIGE AUSSTELLER im Hauptgebäude der Uni Graz

VORTRÄGE & SILENT TALKS* 30 aufregende Keynotes an einem Tag

KOSTENFREIER FOTO-CORNER & LEBENSLAUF-CHECK*

ABSOLVENTiNNEN im Gespräch* mit erfahrenen Personen aller Fakultäten

NGO-SESSIONS vielfältige Möglichkeiten der Mitarbeit in Non-Governmental Organisations

JOB-WALL

FREE BREAKFAST heißer Kaffee und frisches Gebäck zum Festival-Start um 9:30, ab 12:00 Murelli-Limonaden-Verteilung, ab 14:00 Red Bull, ab 15:00 Tasty Donuts

UniKino goes EXCELLENCE* Gratis Eintritt zu „Free Lunch Society“ am Uni-Campus (Einlass 18:30)

*Anmeldung erforderlich. Die Teilnahme ist kostenfrei.
Details und Anmeldung: http://excellence-messe.uni-graz.at

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Karrierewege von GeisteswissenschaftlerInnen – Vol. 21 – Angelika Prattes

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Die studierte Sprachwissenschaftlerin Angelika Prattes ist bei der „EFM Versicherungsmakler AG“ beschäftigt und dort Teil der „Akademie“, die Aus- und Weiterbildungsangebote für VersicherungsmaklerInnen anbietet.

Doch wie kommt es dazu, dass eine Geisteswissenschaftlerin überhaupt in dieser Branche landet?
„Ich habe lange nicht gewusst, wo es mich einmal hinziehen wird. Dass ich einmal bei einem Versicherungsmakler angestellt sein werde, hätte ich mir jedenfalls nicht gedacht. Ich habe mir nicht so gut vorstellen können, in welchen Bereichen man als Geisteswissenschaftlerin eigentlich überall arbeiten kann! Es gibt durchaus Jobs für LinguistInnen, manchmal eben in Branchen, die nicht so auf der Hand liegen.“

Angelika hat Sprachwissenschaften, Anglistik/Amerikanistik und das Ergänzungsfach Medienwissenschaften an der Karl-Franzens-Universität Graz studiert. Den Master absolvierte sie in Cambridge. Eigentlich wollte sie Jus mit BWL-Schwerpunkt studieren, auch Lehramt ging ihr als Idee nie so richtig aus dem Kopf: „Dazu hat mir auch jede/r geraten, aber eine Woche vorm Inskribieren habe ich mich dann für Sprachwissenschaften entschieden, und ich bereue die Entscheidung bis heute nicht.“

Angelika Prattes
Angelika Prattes

Obwohl sie am Anfang davon angetan war, dass man laut Studienplan mit dem Abschluss beruflich alles Mögliche machen kann, wie bspw. Fremdsprachenvermittlung, Public Relations oder Erwachsenenbildung, erkannte sie während des Studiums, dass die Universität keine Ausbildungsstätte ist und für bestimmte Arbeitsbereiche Zusatzqualifikationen unabdingbar sind. „Im dritten Semester war ich dann eine von vielen, die Panik bekommen hat und ich habe nochmals überlegt, ob es nicht klüger wäre, die Richtung zu wechseln und Logopädie oder BWL anzugehen“, erläutert Angelika.

Das geisteswissenschaftliche Studium habe Angelika, so beschreibt sie, darin geschult, Gegebenheiten aus vielen Perspektiven zu betrachten und im Denken beweglich zu sein: „Ich habe gelernt auf einer abstrakten Ebene Szenarien durchzuspielen, die richtigen Fragen zu stellen und den Überblick zu bewahren. Diese Fähigkeiten haben sich schließlich als sehr anwendungsnah herausgestellt.“

Neben dem Studium war Angelika zuerst Teilnehmerin und danach im Vorstand des High-Potential-Programmes „Circle of Excellence“ tätig. Während dieser Zeit entstand beispielsweise ein Kochbuch in Kooperation mit dem SOS Kinderdorf. Außerdem arbeitete sie in unterschiedlichen Bereichen, wie beispielsweise als Ordinationsassistentin im Pränatalzentrum Graz und als Studienassistentin. Durch die Vereinstätigkeit kam sie schließlich zu ihrem jetzigen Job: „Eine Freundin, die ich aus dem Verein kannte, hat in der Systemzentrale der EFM Versicherungsmakler AG gearbeitet. Ich habe ihr bei einem Kaffee geschildert, was ich so kann und was mich interessiert. Eine Woche später kam der Anruf, dass sie jemanden für die Akademie brauchen. Es gab keine konkrete Stelle, aber sie haben nach MitarbeiterInnen gesucht und so habe ich mich einfach beworben, ohne genau zu wissen, wie die Arbeitsstelle gestaltet sein wird. Es ging dann alles Schlag auf Schlag und plötzlich hatte ich einen Job.“

Zunächst war Angelika für Prozessoptimierung zuständig. Wie man sich das vorstellen kann, erklärt sie so: „Es handelt sich bei meinem Arbeitgeber um ein Franchiseunternehmen. Das bedeutet, dass ähnliche Abläufe in verschiedenen Unternehmen reibungslos funktionieren sollen. Es war meine Aufgabe herauszufinden, welche Abwicklungen am effizientesten sind und diese werden dann empfohlen bzw. in Form von Schulungen weitervermittelt.“ Danach wurde sie mit Fachschulungen für neue MitarbeiterInnen beauftragt und produzierte Informationsvideos zu einzelnen Versicherungssparten, um den Angestellten Grundlagen zu vermitteln.

Die Branche erschien Angelika zu Beginn sehr fremd, aber die Arbeit war von Anfang an sehr vielseitig, die Arbeitskolleginnen sympathisch und das Arbeitsklima sehr gut. „Außerdem“, so erzählt Angelika, „ändern sich die Arbeitsbereiche immer wieder, da sich die Prioritäten sehr schnell ändern können. Und je mehr man dazulernt, desto vielfältiger werden auch die Arbeitsaufträge. Darum bleibt meine Arbeit auch immer spannend!“ Darüber hinaus wurde eine ihrer Leidenschaften Teil ihres jetzigen Jobs: „Aspekte, die mir am Lehramtstudium gefallen hätten, kann ich auch in meiner jetzigen Arbeit umsetzen, nämlich Wissen für ein bestimmtes Zielpublikum aufzubereiten und dieses auch zu vermitteln.“

Angelika spricht auch von der Unsicherheit von GeisteswissenschaftlerInnen in Sachen Selbstpräsentation und Herausstreichen der eigenen Qualifikationen. Sie bedauert, dass ArbeitgeberInnen oft die Fähigkeiten und Qualifikationen übersehen, die Geisteswissenschaftlerinnen mitbringen. Sie ist jedoch durch ihre bisherigen Erfahrungen optimistisch: „Ich glaube, wenn’s einem Spaß macht, findet man nach dem Studieren auch etwas zum Arbeiten! Ich habe bereits in vielen verschiedenen Bereichen gearbeitet, wo ich mich selbst vielleicht so nicht gesehen habe, und jedes Mal habe ich etwas dazugelernt, etwas Neues erfahren und mich dabei auch selbst besser kennengelernt. Und das war oft schon mehr als genug.“

Text: Christina Lessiak / KUG

Karrierewege von GeisteswissenschaftlerInnen – Vol. 20

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Als Geisteswissenschaftler zum Unternehmer – Rüdiger Wetzl-Piewald

Wirtschaftsgeist.com diesmal im Gespräch mit Germanistik-Absolvent, Compuritas-Gründer und Geschäftsführer des Social Business Clubs Styria, Rüdiger Wetzl-Piewald. Im Interview erzählt er, wie er in Lateinamerika aus den resilienten ReUse-Lösungsansätzen der in Armut lebenden Menschen seine eigene ökologisch-sozial wirksame Geschäftsidee entwickelt hat.

Rüdiger Wetzl-Piewald
Rüdiger Wetzl-Piewald

Herr Wetzl-Piewald, Sie haben Germanistik in Kombination mit Kulturmanagement an der Karl-Franzens-Universität Graz studiert. Wie ist es dazu gekommen?
Ich wollte nach der Matura eigentlich eine Lehrstelle als EDV-Techniker absolvieren. Damals gab es in der gesamten Steiermark nur eine Lehrstelle und interessanterweise an der Kunst Uni Graz. Leider wurde ich mit der Begründung: „Gehen Sie doch studieren, Sie haben ja die Matura gemacht“ nicht genommen und entschied mich dann fürs Studieren.
Mir war nicht wichtig was ich studiere – es ging mir eigentlich darum einen Abschluss zu haben und es sollte mich schon interessieren. Ich hatte sicherlich nicht diesen Karrierestudienverlauf, wie: „Ich studiere genau dieses Fach und dann habe ich einen genauen Karriereplan“.

Hatten Sie nicht Angst mit Germanistik keinen Job zu bekommen?
Ja, das war das Klischee. Für mich ein falsches. Die Ambitionen, in den Geisteswissenschaften einen vorgezeichneten Karriereweg zu verfolgen, haben die wenigsten. Was ich sehr schade finde. Die Studien sind viel besser vermittelbar, wenn am Anfang stärker aufzeigt wird welche Berufslaufbahnen man einschlagen kann.
Im Nachhinein betrachtet ist die Absolvierung des Germanistikstudiums für mich ein „Allerweltsstudium“ im positiven Sinne. Als AbsolventIn hat man sich in der Regel sehr intensiv mit der deutschen Sprache befasst und kann diese gehobene Fähigkeit der Sprachverwendung in der Praxis sehr gut einsetzen. Zusätzlich bekomme ich ein Wissenspaket und hoffentlich auch eine sinnvolle Weltanschauung mit auf dem Weg. Und, was ich ganz wichtig finde, was die Universität als Bildungsinstitution eigentlich ausmacht: kritisches Denken zu erlernen. Sicher ist das bei jeder Fakultät unterschiedlich ausgeprägt, aber an der geisteswissenschaftlichen Fakultät ist dieser Aspekt besonders wichtig. Generell gilt, wenn man ein Studium absolviert, muss man sich selbständig Sachverhalte erarbeiten und in den geisteswissenschaftlichen Studien kommt zusätzlich noch eine kritisch-reflexive Weltsicht dazu.
Und da haben wir auch schon einen Vergleich zur Philosophie des Unternehmertums: man kann nicht einfach vorverdaute Brocken übernehmen und dann abarbeiten, sondern muss sich längerfristig selbständig neue Inhalte erarbeiten und Sachverhalte kritisch betrachten. Somit ist ein geisteswissenschaftliches Studium eine gute Voraussetzung für eine Karriere als UnternehmerIn. Das ist eigentlich eine interessante Hypothese: Sind GeisteswissenschaftlerInnen die besseren UnternehmerInnen? Das wäre sicher spannend zu untersuchen.

Haben Sie neben Ihrem Studium gearbeitet oder sich ehrenamtlich engagiert? Wenn ja, welche Erfahrungen konnten Sie dabei sammeln?
Ich war der klassische Durchschnittsstudent. Für mich war es wichtig überhaupt zu studieren und diesen Prozess durchzumachen. Ich habe damals während des Studiums ehrenamtlich einen Verein für Kulturmanagement gegründet. Das Projekt war eine Zusammenkunft von motivierten Leuten, die die Idee hatten, später im Kulturmanagement zu arbeiten. Da bin ich erstmals mit unternehmerischen Fragestellungen konfrontiert worden. Die meisten MitstreiterInnen sind dann aber abgesprungen und es blieben ich und ein Auftrag, um eine Kunstgalerie für eine Künstlerin zu bestreiten. Der Aufwand und auch der Lerneffekt war riesengroß, aber es war für die Erfahrung endlos wichtig, um zu sehen was es bedeutet langfristig ein Projekt zu gestalten. Zu dieser Zeit habe ich ein Semester lang nicht studiert und nur dieses Projekt betreut und abgeschlossen. Andere machen ein Praktikum, ich hatte meines als Kunstgaleriebetreiber.

Was hat dir das Studium und die ehrenamtliche Tätigkeit für deine unternehmerische Praxis gebracht?
Beides hat einen großen Einfluss und mir breites Wissen bereitgestellt. Ein konkretes Beispiel: Pressearbeit im Kulturmanagement. Was ich aus dem geisteswissenschaftlichen Studium fürs Unternehmertum mitgenommen habe ist vor allem das Handwerk von professioneller Korrespondenz und Textproduktion sowie Pressearbeit. Sehr viele UnternehmerInnen übersehen zu Beginn, dass sie eigentlich ganz viel kommunizieren müssen. Der große Vorteil des Studiums war sicher Kommunikation zu lernen und auszuüben und als Folge ein gutes Rüstzeug zu erhalten, um Verhandlungen führen zu können. Das klassische Klischee ist, dass ein technikgetriebenes Start-up schlecht verhandeln kann. TU Studierende sind zwar im Fach außerordentlich gut, aber es scheitert oftmals bei der Vermittlung ihrer Ideen. Unternehmertum bedeutet nicht nur fachlich gut sein zu müssen, sondern – und das ist oftmals das Entscheidende – dass man Ideen aufbereiten und verkaufen kann. Das sind dann Dinge, die ich mir entweder teuer zukaufen muss oder es bedeutet, jemanden im Team haben zu müssen, der diese Fähigkeiten besitzt.
Ich habe über die Fächerkombination Kulturmanagement auch einige Stunden Betriebswirtschaft absolviert – auf kleinem Niveau, aber immerhin. Es ist wichtig fachfremde Inhalte zu hören, die anschließend für eine mögliche selbständige Tätigkeit hilfreich sein können. Speziell Personen aus dem geisteswissenschaftlichen Bereich sind oftmals sehr weit weg von diesen Themen und trauen sich dann, aufgrund mangelnder wirtschaftlicher Kenntnisse, geniale Ideen nicht in Form einer selbständigen Tätigkeit umzusetzen.
Mit euren Wirtschaftsgeist-Workshops, mit denen ihr GeisteswissenschaftlerInnen und Kunstschaffende mit Unternehmen zusammenbringt, habt ihr da sicher eine sinnvolle und brückenschlagende Initiative ins Leben gerufen.

Kommen wir zur Geschichte von Compuritas. Wann hat das mit der Idee des Refurbishment begonnen, woher stammt die Idee? Wie hat sich das alles entwickelt?
Ich habe während des Studiums Erasmus in England gemacht und für ein Jahr in Bristol Germanistik studiert. Auf einer Messe, auf der man sich über das sogenannte Gap-Year informieren konnte, ist der Entschluss in mir gereift nochmals ins Ausland zu gehen. Diesmal nach Lateinamerika. Nur zur Erklärung: Das Gap-Year ist eine höchst sinnvolle Auszeit zwischen Studienende und Berufsbeginn und gehört in vielen angelsächsischen Ländern selbstverständlich in die Lebensplanung hinein.
Über meine Tätigkeit bei der Initiative aiesec – einer internationalen studentischen Organisation, die unter anderem Auslandspraktika vermittelt – bin ich nach Brasilien und Argentinien gekommen und verbrachte dort rund zwei Jahre. Ich wollte mich als Ziel meines Aufenthaltes mit dem Thema Armut auseinandersetzen. Schließlich wird viel über Armut gesprochen, aber es passiert wenig dagegen und ich wollte mir das direkt vor Ort anschauen – jetzt nicht als Gaffer – sondern, um herauszufinden was das jetzt wirklich heißt in Armut zu leben. Wenn man eben nicht nur das tragische Element sieht, sondern auch wie die Leute damit umgehen, das habe ich sehr beachtenswert gefunden. Es ging mir darum andere Lebenswelten kennenzulernen und zu sehen und zu verstehen, wie sie damit umgehen und das hat mich für mein weiteres – insbesondere mein berufliches Leben – sehr geprägt.

Was hast du dort gemacht? In welchem Projekt warst du involviert?
Ich musste mich großteils selbst erhalten und wie macht man das im Ausland? Man stellt sich die Frage: Was kann ich in einem Umfeld, das mir fremd ist, beruflich machen. Ich habe in Brasilien zwar in Rekordzeit Portugiesisch gelernt, aber nicht so perfekt, dass ich mich gleich für einen halbwegs guten Job hätte bewerben können. Das ist vielleicht auch ganz spannend für die Migrationsdebatte: Was bringe ich als Schlüsselqualifikation mit, dort wo ich mich befinde, was andere nicht können? Das einzige, was mir eingefallen ist, war, dass ich Deutsch kann und darin sogar ein ganzes Studium absolviert habe. Der Vorteil für mich war, dass in den dortigen Pflichtschulen der Fremdsprachenunterricht keine große Bedeutung hat, die Menschen aber durchaus Interesse am Fremdsprachenerwerb haben. Deshalb gibt es in jeder Stadt zahlreiche privat geführte Kleinstschulen, die Sprachvermittlung anbieten. Ich habe in Brasilien im Rahmen des vermittelten Praktikums zunächst in einer Komplementärschule (http://www.larescola.org.br/) gearbeitet und neben allgemeinen Helfertätigkeiten Musik und ein wenig Informatik unterrichtet. Lar Escola betreut seine SchülerInnen, die großteils aus den ärmsten Stadtteilen kommen, zusätzlich zur Regelschule. Weniger um weiteres Wissen zu vermitteln, sondern um diese Kinder im Alter von 6-16 Jahren in ihrer Freizeit vor der realen Gefahr von Drogen, Prostitution und Kriminalität zu schützen.
Besonders beeindruckt hat mich dort ein Projekt mit dem Titel „Die Zukunft formatieren“ (deletando o futuro), in welchem Basiswissen für Computeranwendung vermittelt wurde, um auf den Arbeitsmarkt vorbereitet zu werden und gleichzeitig das Selbstwertgefühl zu steigern. Denn nur, wer einen normalen Job in Brasilien bekommen kann, hat eine echte Chance aus der bitteren Armut herauszukommen.

Wie hat sich aus dieser Erfahrung heraus die Idee für Compuritas entwickelt?
Ich bin auf das Thema ReUse-Computer gestoßen noch bevor ich von meinem Auslandsaufenthalt zurückgekommen bin. Das war bis zu diesem Zeitpunkt ein unbekanntes Thema. In Lateinamerika sah ich, dass das ein normaler Geschäftszweig ist – wenn auch auf sehr kleiner Basis. Das sind Bastlerläden, von denen es zahlreiche gibt, weil sich dort Neugeräte kein Mensch leisten kann. Neue Computer kosten fast überall gleich viel, egal wie hoch die jeweilige Kaufkraft ist. Deshalb entwickeln sich in diesen Ländern viel schneller ReUse-Modelle.
Dann bin ich zurückgekommen und habe erst gar nicht vorgehabt, an dieses Thema anzuschließen. Ich habe vorerst versucht meiner Ausbildung gemäß sprachlich was zu tun und wollte vor allem im Kulturmanagement Fuß fassen. Plan A war ich finde gleich eine Stelle und Plan B war, dass ich Sprachunterricht gebe und parallel einen Job suche. Beides hat leider nicht funktioniert. Für das Kulturmanagement war ich leider zu lange nicht da, um am heimischen Markt einsteigen zu können – mir fehlte nach zwei Jahren im Ausland das notwendige Netzwerk. Und die österreichischen Sprachschulen waren völlig überlaufen und boten sehr fragwürdige Arbeitsbedingungen.
So kam ganz schnell die Idee mit dem Unternehmertum. Ich habe mich zuhause hingesetzt und überlegt, was tue ich jetzt. Dann kam die Idee mit dem IT-Bereich in Kombination mit dem ReUse Gedanken.
Ganz am Anfang habe ich in der Elisabethstraße in kleinen Räumlichkeiten angefangen und das gemacht, was ich vorher schon konnte: EDV-Technik. Ich konnte hier eine Nische bedienen und einen guten KundInnenstock aufbauen. Das natürlich mit niedrigen Tarifen, da Computertechnikservice eigentlich sehr teuer ist und die wenigsten sich ein richtiges Service leisten können.

Wie kam Compuritas dann in die Annenstraße – der heutige Unternehmenssitz? Wie habt ihr die Expansion finanziert?
In dieser Zeit habe ich mit der EDV-Technik eine Basis geschaffen, um den eigenen Lebensunterhalt zu bestreiten. Der Gedanke mit dem ReUse Konzept war damals schon vorhanden. Es ging dann darum das weiterzuentwickeln. Zwei Jahre habe ich neben der eigentlichen Arbeit ganz viel recherchiert, um herauszufinden wo man ausgediente Businesshardware beziehen konnte. Wir können sie aufbereiten, aber man muss die Gerät irgendwo herbekommen und man muss sie auch wiederverkaufen können.
Das Know-how hatten wir und dann kam die Möglichkeit mit der Puls4 Start-up-Show „2 Minuten, 2 Millionen“. Das passierte alles nicht von heute auf morgen. Die ersten sehr wichtigen Preise, wie den „Trigos“ und den „Klimaschutzpreis“ haben wir erhalten, als wir noch sehr klein waren. Ein entscheidender Faktor, dass wir diese Preise erhalten haben, ist auch darauf zurückzuführen, dass ich Germanistik studiert habe. Ich konnte dadurch Texte gut formulieren und die gesamte Unternehmensphilosophie mit dem ReUse Konzept besonders schlüssig darlegen. Da hatte ich sicherlich einen Vorteil gegenüber anderen Einreichungen.
Wir haben ein halbes Jahr damit verbracht InvestorInnen für unser Konzept zu finden. Das hat leider nicht so funktioniert, wie wir uns das erhofft haben. Compuritas versteht sich als Social Entrepreneurship, dh wir versuchen mit unternehmerischen Lösungen gesellschaftliche Problemstellungen anzugehen. Für gewöhnliche Investoren, die nur auf den ökonomischen Profit Wert legen, waren wir daher nicht interessant genug. „Impact Investors„, also Geldgeber, die mit ihren Investitionen auch eine gesellschaftliche Wirkung erzielen wollen, waren damals noch nicht wirklich greifbar. Die Investorensuche war daher am Anfang schwierig. Wir haben dann mit Crowdinvesting erfolgreich die ersten 80.000 € eingesammelt und diese Investitionssumme mit einem Förderkredit verdoppelt. Dann sind wir in den heutigen Standort umgezogen. Unsere wiederaufbereiteten Businessgeräte werden heute vorwiegend an Schulen, gemeinnützige Organisationen und Privatkunden in Österreich, Deutschland und der Tschechischen Republik verkauft.

Wie ist es dazu gekommen, dass du jetzt Geschäftsführer des Social Business Club Styria (SBCS) bist?
Mit unternehmerischem Handeln gesellschaftliche Lösungen für Probleme der heutigen Zeit anzubieten, das haben wir mit Compuritas – durchaus als ein Vorzeigeprojekt – geschafft. Nach 8 Jahren wollte ich eine persönliche Veränderung und es ergab sich die Gelegenheit operativ aus dem Unternehmen auszusteigen und den Social Business Club Styria aufzubauen. Ich wollte, dass Compuritas unbedingt bestehen bleibt und auf sicheren Beinen steht, wenn ich nicht mehr operativ dabei bin. Das ist nicht ganz unproblematisch, wenn man einer von zwei treibenden Kräften ist und man dann als Kernperson das Unternehmen verlässt. Uns war klar, wenn ich gehe, muss jemand meine Agenden übernehmen. Glücklicherweise hatte ich mit meinem ersten Mitarbeiter, der schon in der Elisabethstraße als geringfügige Kraft angefangen hat, eine Person mit dem notwendigen Maß an Ambition und Qualifikation in der Firma. Ich konnte Matthias guten Gewissens die Geschicke von Compuritas übergeben und bereue das bis heute keinen Tag!
Nach Übergabe meiner Firma wollte ich dennoch unbedingt im Feld des gesellschaftlich wirksamen Unternehmertums bleiben. Erstens, weil es ein persönliches Anliegen von mir ist, die Idee von Social Entrepreneurship zu stärken und zweitens, weil ich als neue Schlüsselqualifikation jahrelang Erfahrung gesammelt habe, wie man Ideen in diesem Bereich umsetzt. In der neuen Funktion als Geschäftsführer des Social Business Club Styria habe ich nun, mit der praktischen Erfahrung im Hintergrund, die Möglichkeit zum Aufbau einer Struktur, die angehende Social Entrepreneurs in allen Unternehmensphasen als Kompetenzentrum zur Seite steht.

Was ist deine Vision für den SBCS?
Ich möchte erreichen, dass die Zahl der gesellschaftlich wirksamen Unternehmensgründungen über die Jahre ordentlich ansteigt, weil die allermeisten Ideen noch vor der Gründungsphase stecken bleiben. Ich möchte motivierte Menschen dabei unterstützen, aus ihren ambitionierten Ideen ein Geschäftsmodell zu machen. Es sollen nicht nur die Zahl der Gründungen steigen, sondern auch deren Qualität.
In der öffentlichen Wahrnehmung soll Social Entrepreneurship für eine Unternehmenslandschaft stehen, die den Sinn und Zweck von Wirtschaft als lebensdienliche Tätigkeit mit positiver Wirkung für Mensch und Gesellschaft versteht, also ein menschliches soziales Tun, das darauf abzielt, unser aller Leben zu verbessern.

Vielen herzlichen Dank für das Interview!

Karrierewege von GeisteswissenschaftlerInnen – Vol. 19

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Quer durch den Gemüsegarten zum Apfelwein – die Germanistin Natalie Resch im Wirtschaftsgeist-Porträt.

Bereits im Alter von 10 Jahren war Natalie Resch davon überzeugt, Übersetzerin zu werden. Um ihren Traumberuf ausüben zu können, begann sie am Institut für Translationswissenschaften der Karl-Franzens-Universität Englisch und Spanisch zu studieren. „Die Lehrenden stellten sehr hohe Ansprüche und es gab eine hohe Ausfallquote. Man hat richtig Angst bekommen etwas falsch zu machen und so habe ich fast meine Freude an Sprachen verloren“, erinnert sich Natalie. Damit das nicht eintritt, brach sie das Studium nach dem ersten Abschnitt ab und inskribierte sich für das Magisterstudium Germanistik. Nebenbei machte sie eine Bosnisch/Kroatisch/Serbisch-Sprachausbildung und schloss den ersten Studienabschnitt in Jus ab. „Mir ist es zu Gute gekommen, dass ich für Germanistik sehr viele freie Wahlfächer absolvieren musste. Ich habe quer durch den Gemüsegarten studiert, was mir irrsinnigen Spaß bereitet hat. Dabei habe ich gelernt mir Dinge gut einzuteilen, über den Tellerrand zu blicken, einen kritischen Geist zu entwickeln und komplexe Texte zu verstehen, zu interpretieren und zu hinterfragen“, erzählt Natalie. Außerdem war es ihr wichtig, neben dem Studium aktiv an Projekten und auch an der Österreichischen HochschülerInnenschaft mitzuwirken. In diesem Rahmen konnte sie sich weiterentwickeln, ihren Horizont und ihre Fertigkeiten erweitern.

Natalie Resch / © MANA

Ihre Laufbahn führte sie weiter zum Masterlehrgang „Kunst und Recht“, der ihr zu einem Job verhalf: „Ein Vortragender hat mich gefragt, ob ich für ihn arbeiten will. Ich habe dann eine Ausstellung begleitet. Und dann ist es so passiert, wie es oft passiert: Man rutscht irgendwo hinein und arbeitet mehr als man studiert.“ Sie bekam schließlich eine Anstellung in einer Werbeagentur und war dort Redakteurin eines Magazins sowie für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Das im Studium erworbene theoretische Wissen und die Fähigkeiten flexibel zu sein und sich sehr schnell in Strukturen einzuarbeiten war für diese Arbeit unabdingbar. Nach einigen Jahren war Natalie klar, dass sie sich selbstständig machen will: „Ich wollte die Freiheit haben, mir meine GeschäftspartnerInnen selbst aussuchen zu können. Ich hatte genug Erfahrung, Kontakte, Expertise und Selbstvertrauen, um selbstständig tätig zu sein und machte das dann auch. Außerdem bin ich eine Netzwerkerin, das macht mir Spaß! Ich bin gerne unterwegs und lerne gerne neue Menschen kennen.  Das ist unglaublich wichtig, wenn man sich selbstständig machen möchte.“

Natalie war und ist vielseitig aktiv: sie arbeitete für unterschiedliche Zeitschriften als Redakteurin, hat Festivals konzeptionell betreut, machte Öffentlichkeitsarbeit für unterschiedliche Betriebe und schrieb gemeinsam mit Anita Arneitz das Buch „Graz – Porträt einer Stadt.“ „Dieses Projekt ist ein gutes Beispiel, wie eines zum anderen führt. Ich habe Texte für Anita transkribiert und sie hat mir dann die Mitarbeit an dem Buch angeboten. Es war eines der schönsten Projekte, an denen ich je gearbeitet habe. Mit verschiedenen Menschen zu sprechen und deren ganz persönlichen Geschichten zu hören war sehr bereichernd. Und durch dieses Projekt habe ich dann auch den Auftrag bekommen für die Veranstaltungsreihe „M\Eine Graz-Geschichte\n“ des Graz Museums ein Konzept zu schreiben“, führt Natalie aus.

Apfelwein / © MANA

Neben Sprachen ist Reisen eine große Leidenschaft Natalies. Und so kam es, dass sie in Australien auf das Getränk „Cider“ stieß und die Idee hatte, in Zusammenarbeit mit der Landwirtschaft ihrer Eltern dieses Getränk selbst zu produzieren. Es wurde jedoch kein Cider, sondern Apfelwein. Der Unterschied besteht darin, dass Cider in Österreich eine Mischung aus Apfelwein und Saft ist, weswegen er auch süßer schmeckt. Gemeinsam mit ihrem Geschäftspartner Markus wurde die OG „MANA“ gegründet und die erste Charge Apfelwein konnte mithilfe der Eltern und einer Crowdfunding Aktion bereits im Jahr 2015 produziert werden. Mittlerweile wird nicht nur Apfelwein, sondern auch Apfelsaft hergestellt. Natalie ist vor allem für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Hierbei spielen Kreativität, Sprachfertigkeiten, Design und Kenntnisse über die Kreativwirtschaft eine große Rolle – Fertigkeiten und Wissen, die sie im Laufe ihres Studiums vertieft hatte und hier in die Praxis umsetzt. In der Anfangsphase nutze sie die vorhandenen Ressourcen und alles Weitere ergab sich währenddessen: „Wir waren Feuer und Flamme für dieses Projekt und haben uns dann Schritt für Schritt herangetastet und dazugelernt. Manchmal laufen Dinge auch nicht so gut, aber man findet Lösungen und entwickelt sich weiter. Und hier sind auch das Netzwerken und die Kommunikation mit anderen entscheidend, weil man durch die Erfahrungen und das Wissen anderer sehr viel dazulernt.“ Natalie ist es wichtig, durch MANA auch ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass gute, regionale und faire Produkte auch mehr kosten: „Damit wir unseren Apfelwein und Apfelsaft weiterhin um den aktuellen Preis verkaufen können, müssen wir unbezahlte Arbeit in das Unternehmen stecken und nebenbei anderen Tätigkeiten nachgehen. Das machen wir aber gerne, damit das Produkt so hochwertig bleibt, wie es ist.“ Natalie sieht positiv in die Zukunft, dem Wunsch von MANA Apfelwein leben zu können sieht sie realistisch. Einzig und allein fehlt noch ein Vertrieb, um die Ware auch an die Leute zu bringen.

Rückblickend würde Natalie sich wieder für das Germanistikstudium entscheiden. Die Universität hat ihr das nötige Rüstzeug an die Hand gegeben, um sich schnell in neue Strukturen einzufinden, Quellen kritisch zu hinterfragen, einen offenen und kritischen Blick zu entwickeln und vernetzt zu denken. Auch ihre ehemaligen KommilitonInnen sind in interessanten Berufsfeldern gelandet, erzählt sie. „Wichtig ist einfach, und das möchte ich gerne allen ans Herz legen, mit offenen Augen und Ohren durch die Welt zu gehen, dann ergeben sich die Dinge meist von selbst.“

Text: Christina Lessiak / KUG

Karrierewege von GeisteswissenschaftlerInnen – Vol. 18

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Von der Musikologie ins Radio. Daniela Oberdorfer im Gespräch.

Daniela Oberndorfer ist Musikologin und absolviert in diesem Jahr ihr Masterstudium „Interdisziplinäre Geschlechterstudien“. Nach Absolvierung der Matura wollte sie eigentlich in Wien „Musiktherapie“ studieren, scheiterte aber an der Aufnahmeprüfung. Das Studium Musikologie war ihre Notfalllösung. „Es war klar, dass ich studieren will, aber ich musste mich nach der Absage kurzfristig nach einem anderen Studium umschauen. Ich habe beim Recherchieren im Internet die Studienrichtung Musikwissenschaft bzw. Musikologie entdeckt. Um ehrlich zu sein wusste ich nicht wirklich, was da auf mich zukommen wird. Aber die Vorstellung mich mit Pop, Jazz und Musikpsychologie zu beschäftigen, gefiel mir“, erzählt Daniela. Und so begann sie im Jahr 2006 an der Karl-Franzens-Universität und der Kunstuniversität Graz zu studieren.

Mit Radio Helsinki, wo sie heute beschäftigt ist, kam sie während ihres Bachelorstudiums das erste Mal in Berührung. Radio Helsinki ist ein sogenanntes „freies Radio“, im Gegensatz zum privat-kommerziellen und öffentlich-rechtlichen Rundfunk, und versteht sich als freies, nichtkommerzielles, gemeinnütziges, unabhängiges und lokales Radio. Ein Mitbewohner von Daniela hatte dort eine eigene Sendung, was sie überraschte: „Ich dachte immer, dass man eine Ausbildung braucht, um Radiosendungen machen zu können, und dass es sehr schwer ist, in einem Radiobetrieb überhaupt Fuß zu fassen. Außerdem hatte ich die Vorstellung, dass es technisch sehr kompliziert sein muss.“ Aus Neugier begleitete Daniela ihren Mitbewohner ins Radio und war sofort fasziniert. Sie erfuhr, dass man einen Basisworkshop besuchen kann, in dessen Rahmen das Grundwissen zur technischen Umsetzung und inhaltlichen Gestaltung einer Radiosendung vermittelt werden. Durch den niederschwelligen Zugang zu freien Radios ist es grundsätzlich jeder/m möglich, nach dem absolvierten Basisworkshop eine Radiosendung zu konzipieren und damit on air zu gehen. Daniela konnte zwei Freundinnen für das Radio begeistern und sie nahmen gemeinsam an einem Basisworkshop teil. Den Frauen machte es Spaß und sie gestalteten eine sogenannte „Probesendung“. Um mit einer Sendung ins Radioprogramm von Radio Helsinki aufgenommen zu werden, muss man nämlich zunächst eine Stunde Radiozeit füllen. Das Sendungskonzept und die Umsetzung werden dann mit dem Programmrat besprochen. „Das Feedback war nicht besonders gut und damit die Motivation, weiterzumachen, auch weg. Deswegen habe ich das Radiomachen vorerst nicht weiterverfolgt“, erinnert sich Daniela.

Daniela Oberndorfer © Foto: Christina Lessiak
Daniela Oberndorfer © Foto: Christina Lessiak

Neben dem Studium war sie an der Österreichischen HochschülerInnenschaft als Referentin für Gender und Gleichbehandlung tätig und lernte durch Zufall die Organisatorinnen der Frauenfrühlingsuniversität kennen. Sie beteiligte sich an der Umsetzung dieses Projekts und lernte dabei Frauen* kennen, die die feministische Radiosendung „genderfrequenz“ starteten. Zwei Jahre nach ihrer ersten Erfahrung im Radio wurde Daniela von diesen Frauen* schließlich eingeladen, in die Redaktion einzusteigen. „Und dann ist es plötzlich sehr schnell passiert, dass ich Teil des Radios geworden bin und es zu einer Leidenschaft von mir geworden ist, Radiomacherin zu sein. Zunächst war ich Redakteurin, später dann auch Programmrätin“, schildert Daniela. Zu dieser Zeit engagierte sie sich noch ehrenamtlich für Radio Helsinki. Gemeinsam mit anderen RadiomacherInnen kam die Idee auf, ein kritisches lokales Nachrichtenmagazin zu machen, was kurz darauf auch unter dem Namen „von unten“ umgesetzt wurde. Da das Team zu Beginn aus StudentInnen bestand, die sich ihre Zeit flexibel einteilen konnten, war es möglich, zwei bis drei Mal die Woche eine Nachrichtensendung zu produzieren. „Wir waren sehr produktiv und die Motivation für das Projekt war sehr hoch. Durch unser Engagement ist viel entstanden und es hat alles extrem gut funktioniert. ‚Von unten‘ kam sowohl innerhalb des Radios, als auch in der Außenwahrnehmung sehr gut an und bekam einiges an Aufmerksamkeit“, resümiert Daniela. Das Projekt entwickelte sich weiter, die Redaktion wurde größer und es wurden immer häufiger und umfangreichere Sendungen produziert. Das Nachrichtenmagazin wuchs und damit auch der Arbeitsaufwand. Und so wurde aus einer Herzensangelegenheit schrittweise ein Beruf.

Zunächst wurden Koordinationstätigkeiten entlohnt und vereinzelt Aufgaben, die viel Zeit in Anspruch nahmen. Schließlich entstand innerhalb des Teams der Wunsch, eine Koordinationsstelle zu installieren, die sich 20 Stunden um das Projekt kümmert und dafür auch entlohnt wird. „Zunächst wollte ich mich auf die Stelle nicht bewerben. Radio machen wurde unerwartet zu meiner Leidenschaft, die ich in meiner Freizeit ausüben konnte. Ich wusste, ich kann selbst entscheiden, wieviel Zeit ich dafür aufwende. Ich hatte Angst, dass eine Anstellung mir diese Freiheit nimmt und damit auch die Freude am Radiomachen verloren geht“, erzählt Daniela, „andererseits wurde mir immer mehr bewusst, dass ich nicht an der Universität bleiben möchte, um ein Doktorat zu machen. Ich habe das Projekt mitentwickelt, kannte das Team und die Radiostrukturen und war deswegen für den Job bestens geeignet. Aus dem Radio kam großer Zuspruch für meine Arbeit und so habe ich mich dann doch beworben und den Job schließlich bekommen“.

Ihre Aufgabe als Koordinatorin ist es seither, dafür zu sorgen, dass das Nachrichtenmagazin „von unten“ regelmäßig zu hören ist, und das mit allem was dazu gehört: Sendungsbeiträge koordinieren, Sendungen technisch unterstützen, Redaktionssitzungen vorbereiten, Workshops abhalten, Öffentlichkeitsarbeit und Vernetzungsarbeit leisten, das Team betreuen und erweitern. Und wenn es einmal eng wird oder es die Zeit erlaubt, gestaltet sie die Inhalte der Sendung auch selbst. Die größte Motivation an der Arbeit ist für Daniela die Möglichkeit, für ihre Anliegen ein Sprachrohr zu sein und zu haben. „Für mich ist es politischer Aktivismus. Ich beschäftige mich mit dem aktuellen Zeitgeschehen nicht nur theoretisch, sondern gestalte ein Medium, das im besten Falle auch gesellschaftliche Prozesse beeinflussen kann“, schwärmt Daniela von ihrer Tätigkeit. Darüber hinaus schätzt sie die angenehme Arbeitsumgebung des freien Radios, wo man bemüht ist, Hierarchien abzubauen, sich auf Augenhöhe zu treffen und sich nicht um Einschaltquoten, einen öffentlichen Bildungsauftrag oder sonstige Zwänge kümmern muss. Die Redaktion besteht inzwischen nicht nur aus StudentInnen, sondern aus Personen mit unterschiedlichen Lebenshintergründen, was unterschiedliche Perspektiven auf die behandelten Themen zulässt und den eigenen Horizont ständig erweitert. Die größte Herausforderung sieht Daniela in der gruppeninternen Koordination, die auch Sozialkompetenzen erfordert, wenn bspw. Konflikte auftauchen. Die nötigen Fertigkeiten hierzu eignete sie sich im Laufe ihres Tuns an und erweitert sie stetig.

Rückblickend will sie ihre Studienzeit nicht missen, da sie durch ihre Erfahrungen an der Universität die Chance hatte, sich mit vielen unterschiedlichen Themen tiefergehend auseinanderzusetzen, einen kritischen Geist zu entwickeln und die Welt auf eine andere Weise wahrzunehmen. Ferner konnte sie praktische Fähigkeiten aus ihrem Studium für ihren Beruf mitnehmen. Zu recherchieren, Interviews durchzuführen und Themen für ein Publikum aufzubereiten sind schließlich Techniken des wissenschaftlichen Arbeitens. „Sicher ist es ein Unterschied, ob ich einen wissenschaftlichen Text schreibe oder einen journalistischen. Jedoch haben mir das themenbezogene Arbeiten und die Kompetenzen, die ich mir dabei angeeignet habe, beim Radiomachen sehr viel weitergeholfen,“ erklärt Daniela.

Ihre geisteswissenschaftliche Bildung empfindet sie rückblickend als sehr bereichernd für ihren Beruf. Trotzdem hatte sie immer die Befürchtung, dass man damit in der Berufswelt nicht viel anfangen kann: „Ich dachte immer, ich brauche zusätzlich eine praktische Ausbildung. Heute weiß ich, ich habe mir in der Studienzeit sehr viele Kompetenzen und Wissen in meinen Tätigkeiten als Referentin an der ÖH und als Radiomacherin selbst erarbeitet und so auch einen tollen Job gefunden“.

Text: Christina Lessiak / KUG