Karrierewege

Karrierewege von GeisteswissenschaftlerInnen – Vol. 21 – Angelika Prattes

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Die studierte Sprachwissenschaftlerin Angelika Prattes ist bei der „EFM Versicherungsmakler AG“ beschäftigt und dort Teil der „Akademie“, die Aus- und Weiterbildungsangebote für VersicherungsmaklerInnen anbietet.

Doch wie kommt es dazu, dass eine Geisteswissenschaftlerin überhaupt in dieser Branche landet?
„Ich habe lange nicht gewusst, wo es mich einmal hinziehen wird. Dass ich einmal bei einem Versicherungsmakler angestellt sein werde, hätte ich mir jedenfalls nicht gedacht. Ich habe mir nicht so gut vorstellen können, in welchen Bereichen man als Geisteswissenschaftlerin eigentlich überall arbeiten kann! Es gibt durchaus Jobs für LinguistInnen, manchmal eben in Branchen, die nicht so auf der Hand liegen.“

Angelika hat Sprachwissenschaften, Anglistik/Amerikanistik und das Ergänzungsfach Medienwissenschaften an der Karl-Franzens-Universität Graz studiert. Den Master absolvierte sie in Cambridge. Eigentlich wollte sie Jus mit BWL-Schwerpunkt studieren, auch Lehramt ging ihr als Idee nie so richtig aus dem Kopf: „Dazu hat mir auch jede/r geraten, aber eine Woche vorm Inskribieren habe ich mich dann für Sprachwissenschaften entschieden, und ich bereue die Entscheidung bis heute nicht.“

Angelika Prattes
Angelika Prattes

Obwohl sie am Anfang davon angetan war, dass man laut Studienplan mit dem Abschluss beruflich alles Mögliche machen kann, wie bspw. Fremdsprachenvermittlung, Public Relations oder Erwachsenenbildung, erkannte sie während des Studiums, dass die Universität keine Ausbildungsstätte ist und für bestimmte Arbeitsbereiche Zusatzqualifikationen unabdingbar sind. „Im dritten Semester war ich dann eine von vielen, die Panik bekommen habt und ich habe nochmals überlegt, ob es nicht klüger wäre, die Richtung zu wechseln und Logopädie oder BWL anzugehen“, erläutert Angelika.

Das geisteswissenschaftliche Studium habe Angelika, so beschreibt sie, darin geschult, Gegebenheiten aus vielen Perspektiven zu betrachten und im Denken beweglich zu sein: „Ich habe gelernt auf einer abstrakten Ebene Szenarien durchzuspielen, die richtigen Fragen zu stellen und den Überblick zu bewahren. Diese Fähigkeiten haben sich schließlich als sehr anwendungsnah herausgestellt.“

Neben dem Studium war Angelika zuerst Teilnehmerin und danach im Vorstand des High-Potential-Programmes „Circle of Excellence“ tätig. Während dieser Zeit entstand beispielsweise ein Kochbuch in Kooperation mit dem SOS Kinderdorf. Außerdem arbeitete sie in unterschiedlichen Bereichen, wie beispielsweise als Ordinationsassistentin im Pränatalzentrum Graz und als Studienassistentin. Durch die Vereinstätigkeit kam sie schließlich zu ihrem jetzigen Job: „Eine Freundin, die ich aus dem Verein kannte, hat in der Systemzentrale der EFM Versicherungsmakler AG gearbeitet. Ich habe ihr bei einem Kaffee geschildert, was ich so kann und was mich interessiert. Eine Woche später kam der Anruf, dass sie jemanden für die Akademie brauchen. Es gab keine konkrete Stelle, aber sie haben nach MitarbeiterInnen gesucht und so habe ich mich einfach beworben, ohne genau zu wissen, wie die Arbeitsstelle gestaltet sein wird. Es ging dann alles Schlag auf Schlag und plötzlich hatte ich einen Job.“

Zunächst war Angelika für Prozessoptimierung zuständig. Wie man sich das vorstellen kann, erklärt sie so: „Es handelt sich bei meinem Arbeitgeber um ein Franchiseunternehmen. Das bedeutet, dass ähnliche Abläufe in verschiedenen Unternehmen reibungslos funktionieren sollen. Es war meine Aufgabe herauszufinden, welche Abwicklungen am effizientesten sind und diese werden dann empfohlen bzw. in Form von Schulungen weitervermittelt.“ Danach wurde sie mit Fachschulungen für neue MitarbeiterInnen beauftragt und produzierte Informationsvideos zu einzelnen Versicherungssparten, um den Angestellten Grundlagen zu vermitteln.

Die Branche erschien Angelika zu Beginn sehr fremd, aber die Arbeit war von Anfang an sehr vielseitig, die Arbeitskolleginnen sympathisch und das Arbeitsklima sehr gut. „Außerdem“, so erzählt Angelika, „ändern sich die Arbeitsbereiche immer wieder, da sich die Prioritäten sehr schnell ändern können. Und je mehr man dazulernt, desto vielfältiger werden auch die Arbeitsaufträge. Darum bleibt meine Arbeit auch immer spannend!“ Darüber hinaus wurde eine ihrer Leidenschaften Teil ihres jetzigen Jobs: „Aspekte, die mir am Lehramtstudium gefallen hätten, kann ich auch in meiner jetzigen Arbeit umsetzen, nämlich Wissen für ein bestimmtes Zielpublikum aufzubereiten und dieses auch zu vermitteln.“

Angelika spricht auch von der Unsicherheit von GeisteswissenschaftlerInnen in Sachen Selbstpräsentation und Herausstreichen der eigenen Qualifikationen. Sie bedauert, dass ArbeitgeberInnen oft die Fähigkeiten und Qualifikationen übersehen, die Geisteswissenschaftlerinnen mitbringen. Sie ist jedoch durch ihre bisherigen Erfahrungen optimistisch: „Ich glaube, wenn’s einem Spaß macht, findet man nach dem Studieren auch etwas zum Arbeiten! Ich habe bereits in vielen verschiedenen Bereichen gearbeitet, wo ich mich selbst vielleicht so nicht gesehen habe, und jedes Mal habe ich etwas dazugelernt, etwas Neues erfahren und mich dabei auch selbst besser kennengelernt. Und das war oft schon mehr als genug.“

Text: Christina Lessiak / KUG

Karrierewege von GeisteswissenschaftlerInnen – Vol. 20

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Als Geisteswissenschaftler zum Unternehmer – Rüdiger Wetzl-Piewald

Wirtschaftsgeist.com diesmal im Gespräch mit Germanistik-Absolvent, Compuritas-Gründer und Geschäftsführer des Social Business Clubs Styria, Rüdiger Wetzl-Piewald. Im Interview erzählt er, wie er in Lateinamerika aus den resilienten ReUse-Lösungsansätzen der in Armut lebenden Menschen seine eigene ökologisch-sozial wirksame Geschäftsidee entwickelt hat.

Herr Wetzl-Piewald, Sie haben Germanistik in Kombination mit Kulturmanagement an der Karl-Franzens-Universität Graz studiert. Wie ist es dazu gekommen?
Ich wollte nach der Matura eigentlich eine Lehrstelle als EDV-Techniker absolvieren. Damals gab es in der gesamten Steiermark nur eine Lehrstelle und interessanterweise an der Kunst Uni Graz. Leider wurde ich mit der Begründung: „Gehen Sie doch studieren, Sie haben ja die Matura gemacht“ nicht genommen und entschied mich dann fürs Studieren.
Mir war nicht wichtig was ich studiere – es ging mir eigentlich darum einen Abschluss zu haben und es sollte mich schon interessieren. Ich hatte sicherlich nicht diesen Karrierestudienverlauf, wie: „Ich studiere genau dieses Fach und dann habe ich einen genauen Karriereplan“.

Hatten Sie nicht Angst mit Germanistik keinen Job zu bekommen?
Ja, das war das Klischee. Für mich ein falsches. Die Ambitionen, in den Geisteswissenschaften einen vorgezeichneten Karriereweg zu verfolgen, haben die wenigsten. Was ich sehr schade finde. Die Studien sind viel besser vermittelbar, wenn am Anfang stärker aufzeigt wird welche Berufslaufbahnen man einschlagen kann.
Im Nachhinein betrachtet ist die Absolvierung des Germanistikstudiums für mich ein „Allerweltsstudium“ im positiven Sinne. Als AbsolventIn hat man sich in der Regel sehr intensiv mit der deutschen Sprache befasst und kann diese gehobene Fähigkeit der Sprachverwendung in der Praxis sehr gut einsetzen. Zusätzlich bekomme ich ein Wissenspaket und hoffentlich auch eine sinnvolle Weltanschauung mit auf dem Weg. Und, was ich ganz wichtig finde, was die Universität als Bildungsinstitution eigentlich ausmacht: kritisches Denken zu erlernen. Sicher ist das bei jeder Fakultät unterschiedlich ausgeprägt, aber an der geisteswissenschaftlichen Fakultät ist dieser Aspekt besonders wichtig. Generell gilt, wenn man ein Studium absolviert, muss man sich selbständig Sachverhalte erarbeiten und in den geisteswissenschaftlichen Studien kommt zusätzlich noch eine kritisch-reflexive Weltsicht dazu.
Und da haben wir auch schon einen Vergleich zur Philosophie des Unternehmertums: man kann nicht einfach vorverdaute Brocken übernehmen und dann abarbeiten, sondern muss sich längerfristig selbständig neue Inhalte erarbeiten und Sachverhalte kritisch betrachten. Somit ist ein geisteswissenschaftliches Studium eine gute Voraussetzung für eine Karriere als UnternehmerIn. Das ist eigentlich eine interessante Hypothese: Sind GeisteswissenschaftlerInnen die besseren UnternehmerInnen? Das wäre sicher spannend zu untersuchen.

Haben Sie neben Ihrem Studium gearbeitet oder sich ehrenamtlich engagiert? Wenn ja, welche Erfahrungen konnten Sie dabei sammeln?
Ich war der klassische Durchschnittsstudent. Für mich war es wichtig überhaupt zu studieren und diesen Prozess durchzumachen. Ich habe damals während des Studiums ehrenamtlich einen Verein für Kulturmanagement gegründet. Das Projekt war eine Zusammenkunft von motivierten Leuten, die die Idee hatten, später im Kulturmanagement zu arbeiten. Da bin ich erstmals mit unternehmerischen Fragestellungen konfrontiert worden. Die meisten MitstreiterInnen sind dann aber abgesprungen und es blieben ich und ein Auftrag, um eine Kunstgalerie für eine Künstlerin zu bestreiten. Der Aufwand und auch der Lerneffekt war riesengroß, aber es war für die Erfahrung endlos wichtig, um zu sehen was es bedeutet langfristig ein Projekt zu gestalten. Zu dieser Zeit habe ich ein Semester lang nicht studiert und nur dieses Projekt betreut und abgeschlossen. Andere machen ein Praktikum, ich hatte meines als Kunstgaleriebetreiber.

Rüdiger Wetzl-Piewald
Rüdiger Wetzl-Piewald

Was hat dir das Studium und die ehrenamtliche Tätigkeit für deine unternehmerische Praxis gebracht?
Beides hat einen großen Einfluss und mir breites Wissen bereitgestellt. Ein konkretes Beispiel: Pressearbeit im Kulturmanagement. Was ich aus dem geisteswissenschaftlichen Studium fürs Unternehmertum mitgenommen habe ist vor allem das Handwerk von professioneller Korrespondenz und Textproduktion sowie Pressearbeit. Sehr viele UnternehmerInnen übersehen zu Beginn, dass sie eigentlich ganz viel kommunizieren müssen. Der große Vorteil des Studiums war sicher Kommunikation zu lernen und auszuüben und als Folge ein gutes Rüstzeug zu erhalten, um Verhandlungen führen zu können. Das klassische Klischee ist, dass ein technikgetriebenes Start-up schlecht verhandeln kann. TU Studierende sind zwar im Fach außerordentlich gut, aber es scheitert oftmals bei der Vermittlung ihrer Ideen. Unternehmertum bedeutet nicht nur fachlich gut sein zu müssen, sondern – und das ist oftmals das Entscheidende – dass man Ideen aufbereiten und verkaufen kann. Das sind dann Dinge, die ich mir entweder teuer zukaufen muss oder es bedeutet, jemanden im Team haben zu müssen, der diese Fähigkeiten besitzt.
Ich habe über die Fächerkombination Kulturmanagement auch einige Stunden Betriebswirtschaft absolviert – auf kleinem Niveau, aber immerhin. Es ist wichtig fachfremde Inhalte zu hören, die anschließend für eine mögliche selbständige Tätigkeit hilfreich sein können. Speziell Personen aus dem geisteswissenschaftlichen Bereich sind oftmals sehr weit weg von diesen Themen und trauen sich dann, aufgrund mangelnder wirtschaftlicher Kenntnisse, geniale Ideen nicht in Form einer selbständigen Tätigkeit umzusetzen.
Mit euren Wirtschaftsgeist-Workshops, mit denen ihr GeisteswissenschaftlerInnen und Kunstschaffende mit Unternehmen zusammenbringt, habt ihr da sicher eine sinnvolle und brückenschlagende Initiative ins Leben gerufen.

Kommen wir zur Geschichte von Compuritas. Wann hat das mit der Idee des Refurbishment begonnen, woher stammt die Idee? Wie hat sich das alles entwickelt?
Ich habe während des Studiums Erasmus in England gemacht und für ein Jahr in Bristol Germanistik studiert. Auf einer Messe, auf der man sich über das sogenannte Gap-Year informieren konnte, ist der Entschluss in mir gereift nochmals ins Ausland zu gehen. Diesmal nach Lateinamerika. Nur zur Erklärung: Das Gap-Year ist eine höchst sinnvolle Auszeit zwischen Studienende und Berufsbeginn und gehört in vielen angelsächsischen Ländern selbstverständlich in die Lebensplanung hinein.
Über meine Tätigkeit bei der Initiative aiesec – einer internationalen studentischen Organisation, die unter anderem Auslandspraktika vermittelt – bin ich nach Brasilien und Argentinien gekommen und verbrachte dort rund zwei Jahre. Ich wollte mich als Ziel meines Aufenthaltes mit dem Thema Armut auseinandersetzen. Schließlich wird viel über Armut gesprochen, aber es passiert wenig dagegen und ich wollte mir das direkt vor Ort anschauen – jetzt nicht als Gaffer – sondern, um herauszufinden was das jetzt wirklich heißt in Armut zu leben. Wenn man eben nicht nur das tragische Element sieht, sondern auch wie die Leute damit umgehen, das habe ich sehr beachtenswert gefunden. Es ging mir darum andere Lebenswelten kennenzulernen und zu sehen und zu verstehen, wie sie damit umgehen und das hat mich für mein weiteres – insbesondere mein berufliches Leben – sehr geprägt.

Was hast du dort gemacht? In welchem Projekt warst du involviert?
Ich musste mich großteils selbst erhalten und wie macht man das im Ausland? Man stellt sich die Frage: Was kann ich in einem Umfeld, das mir fremd ist, beruflich machen. Ich habe in Brasilien zwar in Rekordzeit Portugiesisch gelernt, aber nicht so perfekt, dass ich mich gleich für einen halbwegs guten Job hätte bewerben können. Das ist vielleicht auch ganz spannend für die Migrationsdebatte: Was bringe ich als Schlüsselqualifikation mit, dort wo ich mich befinde, was andere nicht können? Das einzige, was mir eingefallen ist, war, dass ich Deutsch kann und darin sogar ein ganzes Studium absolviert habe. Der Vorteil für mich war, dass in den dortigen Pflichtschulen der Fremdsprachenunterricht keine große Bedeutung hat, die Menschen aber durchaus Interesse am Fremdsprachenerwerb haben. Deshalb gibt es in jeder Stadt zahlreiche privat geführte Kleinstschulen, die Sprachvermittlung anbieten. Ich habe in Brasilien im Rahmen des vermittelten Praktikums zunächst in einer Komplementärschule (http://www.larescola.org.br/) gearbeitet und neben allgemeinen Helfertätigkeiten Musik und ein wenig Informatik unterrichtet. Lar Escola betreut seine SchülerInnen, die großteils aus den ärmsten Stadtteilen kommen, zusätzlich zur Regelschule. Weniger um weiteres Wissen zu vermitteln, sondern um diese Kinder im Alter von 6-16 Jahren in ihrer Freizeit vor der realen Gefahr von Drogen, Prostitution und Kriminalität zu schützen.
Besonders beeindruckt hat mich dort ein Projekt mit dem Titel „Die Zukunft formatieren“ (deletando o futuro), in welchem Basiswissen für Computeranwendung vermittelt wurde, um auf den Arbeitsmarkt vorbereitet zu werden und gleichzeitig das Selbstwertgefühl zu steigern. Denn nur, wer einen normalen Job in Brasilien bekommen kann, hat eine echte Chance aus der bitteren Armut herauszukommen.

Wie hat sich aus dieser Erfahrung heraus die Idee für Compuritas entwickelt?
Ich bin auf das Thema ReUse-Computer gestoßen noch bevor ich von meinem Auslandsaufenthalt zurückgekommen bin. Das war bis zu diesem Zeitpunkt ein unbekanntes Thema. In Lateinamerika sah ich, dass das ein normaler Geschäftszweig ist – wenn auch auf sehr kleiner Basis. Das sind Bastlerläden, von denen es zahlreiche gibt, weil sich dort Neugeräte kein Mensch leisten kann. Neue Computer kosten fast überall gleich viel, egal wie hoch die jeweilige Kaufkraft ist. Deshalb entwickeln sich in diesen Ländern viel schneller ReUse-Modelle.
Dann bin ich zurückgekommen und habe erst gar nicht vorgehabt, an dieses Thema anzuschließen. Ich habe vorerst versucht meiner Ausbildung gemäß sprachlich was zu tun und wollte vor allem im Kulturmanagement Fuß fassen. Plan A war ich finde gleich eine Stelle und Plan B war, dass ich Sprachunterricht gebe und parallel einen Job suche. Beides hat leider nicht funktioniert. Für das Kulturmanagement war ich leider zu lange nicht da, um am heimischen Markt einsteigen zu können – mir fehlte nach zwei Jahren im Ausland das notwendige Netzwerk. Und die österreichischen Sprachschulen waren völlig überlaufen und boten sehr fragwürdige Arbeitsbedingungen.
So kam ganz schnell die Idee mit dem Unternehmertum. Ich habe mich zuhause hingesetzt und überlegt, was tue ich jetzt. Dann kam die Idee mit dem IT-Bereich in Kombination mit dem ReUse Gedanken.
Ganz am Anfang habe ich in der Elisabethstraße in kleinen Räumlichkeiten angefangen und das gemacht, was ich vorher schon konnte: EDV-Technik. Ich konnte hier eine Nische bedienen und einen guten KundInnenstock aufbauen. Das natürlich mit niedrigen Tarifen, da Computertechnikservice eigentlich sehr teuer ist und die wenigsten sich ein richtiges Service leisten können.

Wie kam Compuritas dann in die Annenstraße – der heutige Unternehmenssitz? Wie habt ihr die Expansion finanziert?
In dieser Zeit habe ich mit der EDV-Technik eine Basis geschaffen, um den eigenen Lebensunterhalt zu bestreiten. Der Gedanke mit dem ReUse Konzept war damals schon vorhanden. Es ging dann darum das weiterzuentwickeln. Zwei Jahre habe ich neben der eigentlichen Arbeit ganz viel recherchiert, um herauszufinden wo man ausgediente Businesshardware beziehen konnte. Wir können sie aufbereiten, aber man muss die Gerät irgendwo herbekommen und man muss sie auch wiederverkaufen können.
Das Know-how hatten wir und dann kam die Möglichkeit mit der Puls4 Start-up-Show „2 Minuten, 2 Millionen“. Das passierte alles nicht von heute auf morgen. Die ersten sehr wichtigen Preise, wie den „Trigos“ und den „Klimaschutzpreis“ haben wir erhalten, als wir noch sehr klein waren. Ein entscheidender Faktor, dass wir diese Preise erhalten haben, ist auch darauf zurückzuführen, dass ich Germanistik studiert habe. Ich konnte dadurch Texte gut formulieren und die gesamte Unternehmensphilosophie mit dem ReUse Konzept besonders schlüssig darlegen. Da hatte ich sicherlich einen Vorteil gegenüber anderen Einreichungen.
Wir haben ein halbes Jahr damit verbracht InvestorInnen für unser Konzept zu finden. Das hat leider nicht so funktioniert, wie wir uns das erhofft haben. Compuritas versteht sich als Social Entrepreneurship, dh wir versuchen mit unternehmerischen Lösungen gesellschaftliche Problemstellungen anzugehen. Für gewöhnliche Investoren, die nur auf den ökonomischen Profit Wert legen, waren wir daher nicht interessant genug. „Impact Investors„, also Geldgeber, die mit ihren Investitionen auch eine gesellschaftliche Wirkung erzielen wollen, waren damals noch nicht wirklich greifbar. Die Investorensuche war daher am Anfang schwierig. Wir haben dann mit Crowdinvesting erfolgreich die ersten 80.000 € eingesammelt und diese Investitionssumme mit einem Förderkredit verdoppelt. Dann sind wir in den heutigen Standort umgezogen. Unsere wiederaufbereiteten Businessgeräte werden heute vorwiegend an Schulen, gemeinnützige Organisationen und Privatkunden in Österreich, Deutschland und der Tschechischen Republik verkauft.

Wie ist es dazu gekommen, dass du jetzt Geschäftsführer des Social Business Club Styria (SBCS) bist?
Mit unternehmerischem Handeln gesellschaftliche Lösungen für Probleme der heutigen Zeit anzubieten, das haben wir mit Compuritas – durchaus als ein Vorzeigeprojekt – geschafft. Nach 8 Jahren wollte ich eine persönliche Veränderung und es ergab sich die Gelegenheit operativ aus dem Unternehmen auszusteigen und den Social Business Club Styria aufzubauen. Ich wollte, dass Compuritas unbedingt bestehen bleibt und auf sicheren Beinen steht, wenn ich nicht mehr operativ dabei bin. Das ist nicht ganz unproblematisch, wenn man einer von zwei treibenden Kräften ist und man dann als Kernperson das Unternehmen verlässt. Uns war klar, wenn ich gehe, muss jemand meine Agenden übernehmen. Glücklicherweise hatte ich mit meinem ersten Mitarbeiter, der schon in der Elisabethstraße als geringfügige Kraft angefangen hat, eine Person mit dem notwendigen Maß an Ambition und Qualifikation in der Firma. Ich konnte Matthias guten Gewissens die Geschicke von Compuritas übergeben und bereue das bis heute keinen Tag!
Nach Übergabe meiner Firma wollte ich dennoch unbedingt im Feld des gesellschaftlich wirksamen Unternehmertums bleiben. Erstens, weil es ein persönliches Anliegen von mir ist, die Idee von Social Entrepreneurship zu stärken und zweitens, weil ich als neue Schlüsselqualifikation jahrelang Erfahrung gesammelt habe, wie man Ideen in diesem Bereich umsetzt. In der neuen Funktion als Geschäftsführer des Social Business Club Styria habe ich nun, mit der praktischen Erfahrung im Hintergrund, die Möglichkeit zum Aufbau einer Struktur, die angehende Social Entrepreneurs in allen Unternehmensphasen als Kompetenzentrum zur Seite steht.

Was ist deine Vision für den SBCS?
Ich möchte erreichen, dass die Zahl der gesellschaftlich wirksamen Unternehmensgründungen über die Jahre ordentlich ansteigt, weil die allermeisten Ideen noch vor der Gründungsphase stecken bleiben. Ich möchte motivierte Menschen dabei unterstützen, aus ihren ambitionierten Ideen ein Geschäftsmodell zu machen. Es sollen nicht nur die Zahl der Gründungen steigen, sondern auch deren Qualität.
In der öffentlichen Wahrnehmung soll Social Entrepreneurship für eine Unternehmenslandschaft stehen, die den Sinn und Zweck von Wirtschaft als lebensdienliche Tätigkeit mit positiver Wirkung für Mensch und Gesellschaft versteht, also ein menschliches soziales Tun, das darauf abzielt, unser aller Leben zu verbessern.

Vielen herzlichen Dank für das Interview!

Karrierewege von GeisteswissenschaftlerInnen – Vol. 19

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Quer durch den Gemüsegarten zum Apfelwein – die Germanistin Natalie Resch im Wirtschaftsgeist-Porträt.

Bereits im Alter von 10 Jahren war Natalie Resch davon überzeugt, Übersetzerin zu werden. Um ihren Traumberuf ausüben zu können, begann sie am Institut für Translationswissenschaften der Karl-Franzens-Universität Englisch und Spanisch zu studieren. „Die Lehrenden stellten sehr hohe Ansprüche und es gab eine hohe Ausfallquote. Man hat richtig Angst bekommen etwas falsch zu machen und so habe ich fast meine Freude an Sprachen verloren“, erinnert sich Natalie. Damit das nicht eintritt, brach sie das Studium nach dem ersten Abschnitt ab und inskribierte sich für das Magisterstudium Germanistik. Nebenbei machte sie eine Bosnisch/Kroatisch/Serbisch-Sprachausbildung und schloss den ersten Studienabschnitt in Jus ab. „Mir ist es zu Gute gekommen, dass ich für Germanistik sehr viele freie Wahlfächer absolvieren musste. Ich habe quer durch den Gemüsegarten studiert, was mir irrsinnigen Spaß bereitet hat. Dabei habe ich gelernt mir Dinge gut einzuteilen, über den Tellerrand zu blicken, einen kritischen Geist zu entwickeln und komplexe Texte zu verstehen, zu interpretieren und zu hinterfragen“, erzählt Natalie. Außerdem war es ihr wichtig, neben dem Studium aktiv an Projekten und auch an der Österreichischen HochschülerInnenschaft mitzuwirken. In diesem Rahmen konnte sie sich weiterentwickeln, ihren Horizont und ihre Fertigkeiten erweitern.

Natalie Resch / © MANA

Ihre Laufbahn führte sie weiter zum Masterlehrgang „Kunst und Recht“, der ihr zu einem Job verhalf: „Ein Vortragender hat mich gefragt, ob ich für ihn arbeiten will. Ich habe dann eine Ausstellung begleitet. Und dann ist es so passiert, wie es oft passiert: Man rutscht irgendwo hinein und arbeitet mehr als man studiert.“ Sie bekam schließlich eine Anstellung in einer Werbeagentur und war dort Redakteurin eines Magazins sowie für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Das im Studium erworbene theoretische Wissen und die Fähigkeiten flexibel zu sein und sich sehr schnell in Strukturen einzuarbeiten war für diese Arbeit unabdingbar. Nach einigen Jahren war Natalie klar, dass sie sich selbstständig machen will: „Ich wollte die Freiheit haben, mir meine GeschäftspartnerInnen selbst aussuchen zu können. Ich hatte genug Erfahrung, Kontakte, Expertise und Selbstvertrauen, um selbstständig tätig zu sein und machte das dann auch. Außerdem bin ich eine Netzwerkerin, das macht mir Spaß! Ich bin gerne unterwegs und lerne gerne neue Menschen kennen.  Das ist unglaublich wichtig, wenn man sich selbstständig machen möchte.“

Natalie war und ist vielseitig aktiv: sie arbeitete für unterschiedliche Zeitschriften als Redakteurin, hat Festivals konzeptionell betreut, machte Öffentlichkeitsarbeit für unterschiedliche Betriebe und schrieb gemeinsam mit Anita Arneitz das Buch „Graz – Porträt einer Stadt.“ „Dieses Projekt ist ein gutes Beispiel, wie eines zum anderen führt. Ich habe Texte für Anita transkribiert und sie hat mir dann die Mitarbeit an dem Buch angeboten. Es war eines der schönsten Projekte, an denen ich je gearbeitet habe. Mit verschiedenen Menschen zu sprechen und deren ganz persönlichen Geschichten zu hören war sehr bereichernd. Und durch dieses Projekt habe ich dann auch den Auftrag bekommen für die Veranstaltungsreihe „M\Eine Graz-Geschichte\n“ des Graz Museums ein Konzept zu schreiben“, führt Natalie aus.

Apfelwein / © MANA

Neben Sprachen ist Reisen eine große Leidenschaft Natalies. Und so kam es, dass sie in Australien auf das Getränk „Cider“ stieß und die Idee hatte, in Zusammenarbeit mit der Landwirtschaft ihrer Eltern dieses Getränk selbst zu produzieren. Es wurde jedoch kein Cider, sondern Apfelwein. Der Unterschied besteht darin, dass Cider in Österreich eine Mischung aus Apfelwein und Saft ist, weswegen er auch süßer schmeckt. Gemeinsam mit ihrem Geschäftspartner Markus wurde die OG „MANA“ gegründet und die erste Charge Apfelwein konnte mithilfe der Eltern und einer Crowdfunding Aktion bereits im Jahr 2015 produziert werden. Mittlerweile wird nicht nur Apfelwein, sondern auch Apfelsaft hergestellt. Natalie ist vor allem für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Hierbei spielen Kreativität, Sprachfertigkeiten, Design und Kenntnisse über die Kreativwirtschaft eine große Rolle – Fertigkeiten und Wissen, die sie im Laufe ihres Studiums vertieft hatte und hier in die Praxis umsetzt. In der Anfangsphase nutze sie die vorhandenen Ressourcen und alles Weitere ergab sich währenddessen: „Wir waren Feuer und Flamme für dieses Projekt und haben uns dann Schritt für Schritt herangetastet und dazugelernt. Manchmal laufen Dinge auch nicht so gut, aber man findet Lösungen und entwickelt sich weiter. Und hier sind auch das Netzwerken und die Kommunikation mit anderen entscheidend, weil man durch die Erfahrungen und das Wissen anderer sehr viel dazulernt.“ Natalie ist es wichtig, durch MANA auch ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass gute, regionale und faire Produkte auch mehr kosten: „Damit wir unseren Apfelwein und Apfelsaft weiterhin um den aktuellen Preis verkaufen können, müssen wir unbezahlte Arbeit in das Unternehmen stecken und nebenbei anderen Tätigkeiten nachgehen. Das machen wir aber gerne, damit das Produkt so hochwertig bleibt, wie es ist.“ Natalie sieht positiv in die Zukunft, dem Wunsch von MANA Apfelwein leben zu können sieht sie realistisch. Einzig und allein fehlt noch ein Vertrieb, um die Ware auch an die Leute zu bringen.

Rückblickend würde Natalie sich wieder für das Germanistikstudium entscheiden. Die Universität hat ihr das nötige Rüstzeug an die Hand gegeben, um sich schnell in neue Strukturen einzufinden, Quellen kritisch zu hinterfragen, einen offenen und kritischen Blick zu entwickeln und vernetzt zu denken. Auch ihre ehemaligen KommilitonInnen sind in interessanten Berufsfeldern gelandet, erzählt sie. „Wichtig ist einfach, und das möchte ich gerne allen ans Herz legen, mit offenen Augen und Ohren durch die Welt zu gehen, dann ergeben sich die Dinge meist von selbst.“

Text: Christina Lessiak / KUG

Karrierewege von GeisteswissenschaftlerInnen – Vol. 18

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Von der Musikologie ins Radio. Daniela Oberdorfer im Gespräch.

Daniela Oberndorfer ist Musikologin und absolviert in diesem Jahr ihr Masterstudium „Interdisziplinäre Geschlechterstudien“. Nach Absolvierung der Matura wollte sie eigentlich in Wien „Musiktherapie“ studieren, scheiterte aber an der Aufnahmeprüfung. Das Studium Musikologie war ihre Notfalllösung. „Es war klar, dass ich studieren will, aber ich musste mich nach der Absage kurzfristig nach einem anderen Studium umschauen. Ich habe beim Recherchieren im Internet die Studienrichtung Musikwissenschaft bzw. Musikologie entdeckt. Um ehrlich zu sein wusste ich nicht wirklich, was da auf mich zukommen wird. Aber die Vorstellung mich mit Pop, Jazz und Musikpsychologie zu beschäftigen, gefiel mir“, erzählt Daniela. Und so begann sie im Jahr 2006 an der Karl-Franzens-Universität und der Kunstuniversität Graz zu studieren.

Mit Radio Helsinki, wo sie heute beschäftigt ist, kam sie während ihres Bachelorstudiums das erste Mal in Berührung. Radio Helsinki ist ein sogenanntes „freies Radio“, im Gegensatz zum privat-kommerziellen und öffentlich-rechtlichen Rundfunk, und versteht sich als freies, nichtkommerzielles, gemeinnütziges, unabhängiges und lokales Radio. Ein Mitbewohner von Daniela hatte dort eine eigene Sendung, was sie überraschte: „Ich dachte immer, dass man eine Ausbildung braucht, um Radiosendungen machen zu können, und dass es sehr schwer ist, in einem Radiobetrieb überhaupt Fuß zu fassen. Außerdem hatte ich die Vorstellung, dass es technisch sehr kompliziert sein muss.“ Aus Neugier begleitete Daniela ihren Mitbewohner ins Radio und war sofort fasziniert. Sie erfuhr, dass man einen Basisworkshop besuchen kann, in dessen Rahmen das Grundwissen zur technischen Umsetzung und inhaltlichen Gestaltung einer Radiosendung vermittelt werden. Durch den niederschwelligen Zugang zu freien Radios ist es grundsätzlich jeder/m möglich, nach dem absolvierten Basisworkshop eine Radiosendung zu konzipieren und damit on air zu gehen. Daniela konnte zwei Freundinnen für das Radio begeistern und sie nahmen gemeinsam an einem Basisworkshop teil. Den Frauen machte es Spaß und sie gestalteten eine sogenannte „Probesendung“. Um mit einer Sendung ins Radioprogramm von Radio Helsinki aufgenommen zu werden, muss man nämlich zunächst eine Stunde Radiozeit füllen. Das Sendungskonzept und die Umsetzung werden dann mit dem Programmrat besprochen. „Das Feedback war nicht besonders gut und damit die Motivation, weiterzumachen, auch weg. Deswegen habe ich das Radiomachen vorerst nicht weiterverfolgt“, erinnert sich Daniela.

Daniela Oberndorfer © Foto: Christina Lessiak
Daniela Oberndorfer © Foto: Christina Lessiak

Neben dem Studium war sie an der Österreichischen HochschülerInnenschaft als Referentin für Gender und Gleichbehandlung tätig und lernte durch Zufall die Organisatorinnen der Frauenfrühlingsuniversität kennen. Sie beteiligte sich an der Umsetzung dieses Projekts und lernte dabei Frauen* kennen, die die feministische Radiosendung „genderfrequenz“ starteten. Zwei Jahre nach ihrer ersten Erfahrung im Radio wurde Daniela von diesen Frauen* schließlich eingeladen, in die Redaktion einzusteigen. „Und dann ist es plötzlich sehr schnell passiert, dass ich Teil des Radios geworden bin und es zu einer Leidenschaft von mir geworden ist, Radiomacherin zu sein. Zunächst war ich Redakteurin, später dann auch Programmrätin“, schildert Daniela. Zu dieser Zeit engagierte sie sich noch ehrenamtlich für Radio Helsinki. Gemeinsam mit anderen RadiomacherInnen kam die Idee auf, ein kritisches lokales Nachrichtenmagazin zu machen, was kurz darauf auch unter dem Namen „von unten“ umgesetzt wurde. Da das Team zu Beginn aus StudentInnen bestand, die sich ihre Zeit flexibel einteilen konnten, war es möglich, zwei bis drei Mal die Woche eine Nachrichtensendung zu produzieren. „Wir waren sehr produktiv und die Motivation für das Projekt war sehr hoch. Durch unser Engagement ist viel entstanden und es hat alles extrem gut funktioniert. ‚Von unten‘ kam sowohl innerhalb des Radios, als auch in der Außenwahrnehmung sehr gut an und bekam einiges an Aufmerksamkeit“, resümiert Daniela. Das Projekt entwickelte sich weiter, die Redaktion wurde größer und es wurden immer häufiger und umfangreichere Sendungen produziert. Das Nachrichtenmagazin wuchs und damit auch der Arbeitsaufwand. Und so wurde aus einer Herzensangelegenheit schrittweise ein Beruf.

Zunächst wurden Koordinationstätigkeiten entlohnt und vereinzelt Aufgaben, die viel Zeit in Anspruch nahmen. Schließlich entstand innerhalb des Teams der Wunsch, eine Koordinationsstelle zu installieren, die sich 20 Stunden um das Projekt kümmert und dafür auch entlohnt wird. „Zunächst wollte ich mich auf die Stelle nicht bewerben. Radio machen wurde unerwartet zu meiner Leidenschaft, die ich in meiner Freizeit ausüben konnte. Ich wusste, ich kann selbst entscheiden, wieviel Zeit ich dafür aufwende. Ich hatte Angst, dass eine Anstellung mir diese Freiheit nimmt und damit auch die Freude am Radiomachen verloren geht“, erzählt Daniela, „andererseits wurde mir immer mehr bewusst, dass ich nicht an der Universität bleiben möchte, um ein Doktorat zu machen. Ich habe das Projekt mitentwickelt, kannte das Team und die Radiostrukturen und war deswegen für den Job bestens geeignet. Aus dem Radio kam großer Zuspruch für meine Arbeit und so habe ich mich dann doch beworben und den Job schließlich bekommen“.

Ihre Aufgabe als Koordinatorin ist es seither, dafür zu sorgen, dass das Nachrichtenmagazin „von unten“ regelmäßig zu hören ist, und das mit allem was dazu gehört: Sendungsbeiträge koordinieren, Sendungen technisch unterstützen, Redaktionssitzungen vorbereiten, Workshops abhalten, Öffentlichkeitsarbeit und Vernetzungsarbeit leisten, das Team betreuen und erweitern. Und wenn es einmal eng wird oder es die Zeit erlaubt, gestaltet sie die Inhalte der Sendung auch selbst. Die größte Motivation an der Arbeit ist für Daniela die Möglichkeit, für ihre Anliegen ein Sprachrohr zu sein und zu haben. „Für mich ist es politischer Aktivismus. Ich beschäftige mich mit dem aktuellen Zeitgeschehen nicht nur theoretisch, sondern gestalte ein Medium, das im besten Falle auch gesellschaftliche Prozesse beeinflussen kann“, schwärmt Daniela von ihrer Tätigkeit. Darüber hinaus schätzt sie die angenehme Arbeitsumgebung des freien Radios, wo man bemüht ist, Hierarchien abzubauen, sich auf Augenhöhe zu treffen und sich nicht um Einschaltquoten, einen öffentlichen Bildungsauftrag oder sonstige Zwänge kümmern muss. Die Redaktion besteht inzwischen nicht nur aus StudentInnen, sondern aus Personen mit unterschiedlichen Lebenshintergründen, was unterschiedliche Perspektiven auf die behandelten Themen zulässt und den eigenen Horizont ständig erweitert. Die größte Herausforderung sieht Daniela in der gruppeninternen Koordination, die auch Sozialkompetenzen erfordert, wenn bspw. Konflikte auftauchen. Die nötigen Fertigkeiten hierzu eignete sie sich im Laufe ihres Tuns an und erweitert sie stetig.

Rückblickend will sie ihre Studienzeit nicht missen, da sie durch ihre Erfahrungen an der Universität die Chance hatte, sich mit vielen unterschiedlichen Themen tiefergehend auseinanderzusetzen, einen kritischen Geist zu entwickeln und die Welt auf eine andere Weise wahrzunehmen. Ferner konnte sie praktische Fähigkeiten aus ihrem Studium für ihren Beruf mitnehmen. Zu recherchieren, Interviews durchzuführen und Themen für ein Publikum aufzubereiten sind schließlich Techniken des wissenschaftlichen Arbeitens. „Sicher ist es ein Unterschied, ob ich einen wissenschaftlichen Text schreibe oder einen journalistischen. Jedoch haben mir das themenbezogene Arbeiten und die Kompetenzen, die ich mir dabei angeeignet habe, beim Radiomachen sehr viel weitergeholfen,“ erklärt Daniela.

Ihre geisteswissenschaftliche Bildung empfindet sie rückblickend als sehr bereichernd für ihren Beruf. Trotzdem hatte sie immer die Befürchtung, dass man damit in der Berufswelt nicht viel anfangen kann: „Ich dachte immer, ich brauche zusätzlich eine praktische Ausbildung. Heute weiß ich, ich habe mir in der Studienzeit sehr viele Kompetenzen und Wissen in meinen Tätigkeiten als Referentin an der ÖH und als Radiomacherin selbst erarbeitet und so auch einen tollen Job gefunden“.

Text: Christina Lessiak / KUG

Karrierewege von GeisteswissenschaftlerInnen – Vol. 17

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Barbara Perl-Ortiz konnte bereits in ihrer Schulzeit wertvolle Auslandserfahrungen sammeln, denn sie verbrachte ein Schuljahr in General Pico, in Argentinien. Zurück in Österreich war ihr klar, dass sie nach der Matura etwas mit Spanisch studieren wollte und begann zunächst im Herbst 2008 mit dem Studium der Transkulturellen Kommunikation, mit den Sprachen Englisch und Spanisch. Nach einem Jahr wurde ihr aber bewusst, dass sie das geforderte Niveau der Zweitsprache Englisch nicht halten konnte und brach ab. „Meine ganze Zeit verbrachte ich mit Englisch-Lernen, für Spanisch blieb da leider wenig Zeit“, erinnert sich Barbara, „ohne praktische Erfahrungen in einem englischsprachigen Land war es einfach nicht möglich, am Institut zu bestehen. Für das Lehramt hätte mir ein zweites Fach gefehlt, aber ich wollte ohnehin nicht Lehrerin werden. Also blieb nur der Weg auf die Romanistik. Dort bestand zudem die Möglichkeit, Portugiesisch zu studieren, was mir sehr gefiel. Ich dachte sogar daran, später das Studium der Transkulturellen Kommunikation in Wien wieder aufzunehmen, denn dort wird es mit den Fächern Spanisch/Portugiesisch angeboten“, erzählt Barbara.

Barbara Perl-Ortiz
Barbara Perl-Ortiz

Ihr privates Umfeld ermutigte sie zum Studium der Transkulturellen Kommunikation, denn die Begriffe „Dolmetschen“ und „Übersetzen“ sind allseits bekannt, auch war der Weg nach dem Abschluss klar vorgezeichnet. Schwieriger war es da bei der Romanistik. „Als ich zur Romanistik wechselte, bekam ich nicht mehr durchwegs positive Resonanz. Viele können sich darunter einfach nichts vorstellen, bzw. wissen nicht, was man damit später machen kann. Aber ich dachte mir, wenn es ein Studium gibt, muss es doch auch verwertbar sein“, meint Barbara. Das Studium war ihrer Meinung nach grundsätzlich sehr gut aufgebaut, die Sprachkurse sehr fordernd und die Lehrenden sehr qualifiziert. Der Fokus lag aber klar auf dem Spracherwerb. Barbara fände es hilfreich, wenn bereits während des Studiums berufliche Chancen aufgezeigt würden. „Viele studieren Romanistik auf Lehramt – für diejenigen, die das nicht möchten, gibt es nicht wirklich eine berufliche Perspektive, außer an der Uni zu bleiben. Deswegen war es für mich auch uninteressant, einen Master anzuhängen. Vielleicht könnte man Praktika ins Studium einbauen oder es mit Lateinamerika-Studien und internationalen Beziehungen vernetzen. Auch das Feld der Erwachsenenbildung könnte stärker eingebunden werden, gerade für diejenigen, die kein Lehramtsstudium absolvieren“, denkt Barbara.

Doch es kam alles anders. Nach Abschluss ihres Bachelorstudiums der Romanistik im Jahr 2012 beschloss sie, noch einmal ein Jahr in Argentinien, in Buenos Aires, zu verbringen – zum einen, um ihre Sprachkenntnisse zu festigen, zum anderen, um dort ihrer zweiten Leidenschaft, der Backkunst nachzugehen. Sie meldete sich dort an der renommierten Gastronomieschule IAG, dem Instituto Argentino de Gastronomía an, um sich zur pastelera profesional, sprich zur Konditorin ausbilden zu lassen. „Die Schule hat einen guten Ruf, viele erhalten nach Abschluss gleich eine Stelle. Obwohl es dort sehr international zuging, war ich in meinem Jahrgang die einzige Österreicherin, was etwa zu Diskussionen um den ‚authentischen‘ Apfelstrudel führte“, schmunzelt Barbara. Die Zeit an der Gastronomieschule war für sie äußerst wertvoll, sie lernte viel – und nebenbei perfektionierte sie ihre Sprachkenntnisse. Trotzdem wurde die Ausbildung aufgrund fehlender Praxis in Österreich nicht anerkannt. Es gab zwar die Möglichkeit in Argentinien Praktika zu absolvieren, doch aufgrund ihres Einreisestatus als Studentin war ihr dies nicht möglich. Deswegen entschloss sie sich kurzerhand, die fehlende Praxis nachzuholen. Sie bewarb sich um eine Lehrstelle bei der Schokoladenmanufaktur Zotter und wurde aufgenommen. „Für mich wie auch für mein Umfeld war es anfangs recht ungewohnt, dass ich als Akademikerin nun eine Lehre absolviere. Ich erinnere mich, dass bereits in meiner Schulzeit eine Lehrende zu uns sagte, dass man nicht maturieren solle, wenn man ohnehin ‚nur‘ vorhabe, eine Lehre zu absolvieren. Diese Geringschätzung macht mich traurig“, so Barbara.

Vier Jahre lang arbeitete sie bei der Schokoladenmanufaktur und darf sich seit Abschluss der Lehre als Bonbon- und Konfektmacherin bezeichnen. Doch damit nicht genug – im heurigen Jahr legte sie zusätzlich die Meisterprüfung am WIFI in Graz ab und wird in Kürze ihre eigene Café-Konditorei eröffnen. Obwohl Barbaras Weg sie letztendlich woanders hingeführt hatte als anfangs gedacht, war das Romanistik-Studium keineswegs umsonst. „Durch mein Studium und meine Auslandserfahrung habe ich gelernt, über den Tellerrand zu schauen. Ich kann mich gut selbst organisieren und mich weiterbilden. Dazu kommt noch ein enormes sprachliches Wissen. Ich habe täglich mit Fremdsprachen zu tun, denn die Inspiration für meine Kreationen hole ich mir aus englisch-, französisch- und spanischsprachigen Backbüchern.“

Barbara hat ihren Weg also gefunden, auch mit Unterstützung aus ihrem privaten Umfeld. Rückblickend gesehen hätte sie sich aber mehr Beratung und Information hinsichtlich der vielen Möglichkeiten nach der Matura gewünscht: „Meiner Meinung nach würden verpflichtende Praktikumswochen in verschiedenen Betrieben und Unternehmen sicherlich zielführend sein. Oft ist zudem der gesellschaftliche Druck hoch und man wird in eine bestimmte Richtung gedrängt. Wichtig ist es, sich für etwas zu entscheiden, was man gerne macht, egal ob an der Uni oder anderswo, dann wird es auch klappen“, meint Barbara.

Text: Birgit Nikzat / KUG

Karrierewege von GeisteswissenschaftlerInnen – Vol. 16

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Von Vorbildern lernen

Laut Christian Ehetreiber leben wir in einer vorbildlosen Zeit. Dabei ist das Festhalten an Vorbildern längst nicht so altmodisch wie es vielleicht klingt, denn Lernen vom erfolgreichen Modell ist Gold wert, so der Germanist und Pädagoge. Christian Ehetreiber studierte Germanistik sowie Philosophie, Pädagogik und Psychologie für Lehramt. Als er 1982 nach Graz fuhr, um sich an der Karl-Franzens-Universität zu inskribieren, war klar, dass es Germanistik sein sollte: „Mein großer Lehrmeister war Dr. Robert Hinteregger, mein Klassenvorstand am Gymnasium und späterer Landesschulinspektor. Sein Unterricht war so legendär lässig, dass ich bereits damals gewusst habe, dass ich Germanistik studieren möchte. Für das zweite Fach, zunächst Sport, habe ich mich sehr kurzfristig entschieden – zehn Minuten vor der Inskription“, lacht Ehetreiber. Nach vier Semestern Sportwissenschaften wechselte er dann jedoch zu Philosophie, Pädagogik und Psychologie. „Das passte schließlich besser, dort konnte man die humboldtsche Freiheit der Universität noch spüren“, schmunzelt der Germanist.

Fotocredit: ARGE Jugend gegen Gewalt und Rassismus
Fotocredit: ARGE Jugend gegen Gewalt und Rassismus

Obwohl die Aussichten auf eine Stelle als Lehrer schlecht waren, entschied sich Ehetreiber für das Lehramtsstudium. „Das war eine stählerne, rostige Zeit für LehramtsabsolventInnen. Bereits Ende der 70er Jahre war bekannt, dass eine Lehrerschwemme kommen wird. Dementsprechend haben alle davon abgeraten, Lehramt zu studieren. Ich war mir aber sicher, dass ich nicht warten werde, sondern dass sich etwas für mich ergeben werde“, erinnert sich Ehetreiber. Warum er sich überhaupt für den Beruf Lehrer entschied, kann der Pädagoge schnell beantworten: „Das war bei mir klassisch – ich dachte, ich kann das sicher besser als einige meiner Lehrer. Ich wollte einen humanistischen Unterricht, ohne jemanden zu tyrannisieren. In meiner Schulzeit gab es ja noch eine Kommando- und Herrschaftssprache á la ‚Maierhofer, was ist mit du‘. Das wollte ich ändern. Außerdem gefällt es mir, anderen etwas beizubringen.“
Nach seinem Studienabschluss im Jahr 1991 bekam er zwar keine Stelle als Lehrer, wurde aber von seiner ehemaligen Studienkollegin Reis-Klingspiegl gefragt, ob er nicht das Gesundheits- und Präventionsprojekt „Gesunde Volksschule“ leiten möchte. Ehetreiber sagte zu und war ein Jahr lang dafür zuständig, Kindern eine erweiterte schulärztliche und orthopädische Untersuchung, ein gesunde Jause sowie eine Kariesprophylaxe zukommen zu lassen. Zeitgleich arbeitete er ehrenamtlich am Franz-Nabl-Institut für Literaturforschung. Ehetreiber hatte eine Einladung zur Mitarbeit für die Einreichung des FWF-Projekts „Die internationale Rezeption der Grazer Gruppe“ erhalten. „Das war genau das meine“, erzählt Ehetreiber, „ich habe gemerkt, dass meine ganze Energie dorthin fließt. Als das Projekt angenommen wurde, bin ich sofort eingestiegen. Zwei Jahre lang habe ich dort mit großer Freude gearbeitet, der Verlängerungsantrag wurde aber leider abgelehnt.“

Wenig später kontaktierte ihn die damalige Vorstandsvorsitzende von ISOP, Ingrid Kohlberger, und machte ihm ein Jobangebot. „Ja, das war interessant“, erinnert sich Ehetreiber, „ich hatte damals, als junger Unterrichtspraktikumsvertreter, den Landesschulratspräsidenten Bernd Schilcher recht kritisch befragt und Frau Kohlberger, die auch anwesend war, dachte sich anscheinend, dass sie so einen wie mich in der ISOP gut brauchen könnten.“ Ehetreiber nahm das Angebot folglich an und war von 1993 bis 1998 Bildungsreferent in der ISOP. Sein Tätigkeitsbereich umfasste die interne Schulung von KollegInnen, die Ausrichtung der Bildungsreihe im Bereich des interkulturellen Lernens, interkulturelle Pädagogik sowie Anti-Rassismus-Forschung. Zusätzlich betreute er die, wie es seinerzeit hieß, Ausländerberatungsstelle Mürzzuschlag. Zwar kam inzwischen wieder ein Angebot vom Franz-Nabl-Institut für Literaturforschung, doch Ehetreiber lehnte ab: „Der Fortsetzungsantrag des FWF-Projektes wurde schließlich doch angenommen, aber ich habe mich trotzdem für die ISOP entschieden. Inzwischen war nämlich meine erste Tochter geboren worden – da wollte ich finanziell abgesichert sein“, resümiert Ehetreiber.

Neben seiner Haupttätigkeit wurde er immer wieder um Beratungen in Zusammenhang mit Projektmanagement und Marketing gefragt, weswegen er sich 1997 zusätzlich noch den Gewerbeschein holte. Seitdem ist er selbständiger Berater für Marketing und Projektmanagement, wobei er sich mittlerweile auf ausgewählte Stammkunden konzentriert. Bereits ein Jahr später, 1998, erhielt Ehetreiber das nächste Jobangebot: „Peter Scheibengraf, der vormalige Geschäftsführer der ARGE Jugend gegen Gewalt und Rassismus, fragte mich, ob ich nicht die Geschäftsführung übernehmen wolle. Als ISOP Bildungsreferent hatte ich schon damals gemeinsam mit der ARGE Jugend Projekte durchgeführt. Ich sagte zu, und wir begannen, die Übergabe vorzubereiten. Im Jänner 1999 habe ich dann offiziell die Geschäftsführung übernommen“, so Ehetreiber und fügt hinzu: „Die ARGE Jugend gegen Gewalt und Rassismus ist eine überparteiliche Fachstelle für Gewaltprävention, Menschenrechtsbildung und Antidiskriminierungsarbeit und bietet unter anderem Beratung und Workshops zu den Themen der Menschenrechtsbildung, Demokratiebildung, Gewaltprävention, Förderung von soziokultureller Vielfalt, und vieles mehr.“ Bereits seit der Gründung der ARGE Jugend wird zudem besonderer Augenmerk auf die zeitgeschichtliche Erinnerungs- und Gedenkarbeit gelegt. Bei mehr als 30 verschiedenen Gedenkvorhaben in der Steiermark hat die ARGE Jugend in verschiedenen Rollen mitgewirkt, bis hin zu Buchpublikationen zu diesem Thema.

Und was sagt Ehetreiber zur Perspektivenlosigkeit vieler GEWI-Absolventen? „Ich denke, die meisten GEWI-AbsolventInnen scheitern nicht an der Fachlichkeit, sondern am mentalen Mindset. In den Beratungen die ich durchführe, höre ich immer wieder den Satz ‚Ich kann ja nichts‘. Woher kommt das? Im Studium wird oft von Anfang an vermittelt – und das werfe ich der GEWI vor – dass man als GEWI-Absolvent nicht gefragt sei, dass man das Erlernte nicht verwerten könne, dass diese Studien ja nur etwas Schöngeistiges für den Elfenbeinturm wären etc. Das sickert dann in diese mentalen Modelle ein und verdichtet sich zu ganz festen Glaubenssätzen. Ich kenne aber viele GEWIs, die etwas aus ihrem Studium gemacht haben. Aber das hat auch oft mit einem Selbstorganisationsvermögen und der Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen, zu tun. Arbeit bekommt man mit Einsatz, Engagement und mit Aufzeigen. Ich möchte aber jedem auf den Weg geben, dass er sein Studium, egal welche Richtung, mit äußerstem Einsatz führt. Und damit meine ich nicht in Mindeststudiendauer, sondern dass die Studierenden die Fächer, die sie mögen, mit einem hohen Impetus absolvieren. Auch sollten sich GEWI-Studierende nicht von den Begriffen Vermarktung und Marketing abschrecken lassen. Jede Chance sollte genutzt werden, auch im erweiterten Umfeld, um sie als großes Lern- und Erfahrungsbiotop zu verwenden.“

Text: Birgit Nikzat / KUG

Karrierewege von GeisteswissenschaftlerInnen – Vol. 15

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Wo entsteht Gesundheit?

Diese und noch weitere Fragen beschäftigen Karin Reis-Klingspiegl in ihrer Funktion als Geschäftsführerin von Styria vitalis. Die Germanistin und Ethnologin gehört zur ersten Generation in der österreichischen Gesundheitsförderung und stärkt gemeinsam mit einem Team von rund 65 Angestellten in Kooperation mit Kindergärten, Schulen, Gemeinden und Betrieben die Ressourcen für Gesundheit in der Steiermark.

Sie begann im Jahr 1982 mit dem Studium der Deutschen Philologie, heute Germanistik, und wählte als Zweitfach Europäische Ethnologie. „Germanistik studierte ich aus Leidenschaft, am meisten gefiel mir, hemmungslos lesen zu dürfen“, schmunzelt sie. Sie hatte zunächst die Idee, Journalistin zu werden: „Dass man als Literaturwissenschafterin keine Arbeit bekommt, war doch sehr naheliegend, und in die Schule wollte ich nicht. Auch für EthnologInnen gab es keine Perspektiven – damals war die Volkskunde noch konservativ, der Fokus lag eher auf der historischen Alltagskultur. Ich kann mich erinnern, dass ich viele Bienenkörbe und Rechen gezeichnet habe“, lacht Reis-Klingspiegl.

Bereits während des Studiums hatte sie als Mitarbeiterin in den Kulturredaktionen bei der Kleinen Zeitung und der Steirerkrone gearbeitet. Durch ihre journalistische Tätigkeit kam sie auch erstmals mit der Steirischen Gesellschaft für Gesundheitsschutz, heute Styria vitalis, in Berührung. Sie wurde gefragt, ob sie nicht Interesse hätte, die Organisation von Pressekonferenzen zu übernehmen. „So bin ich zum Gesundheitssektor gestoßen“, erzählt Reis-Klingspiegl, „und irgendwann habe ich dann die Öffentlichkeitsarbeit übernommen, bis ich mein Studium abschloss.“

© Stiefkind/Remling
© Stiefkind/Remling

Danach kam das Angebot, am Institut für Sozialmedizin an der Karl-Franzens-Universität Graz mitzuarbeiten. „Damals war das Institut neu besetzt und der neue Leiter, Horst Noack, fragte mich, ob ich nicht Interesse hätte, mit ihm zusammen zu arbeiten. Ich interessierte mich damals sehr für die Theorie der Gesundheitsförderung, wollte wissen, wie sich das Konzept operationalisieren lässt, welche Zugänge es gibt. Wie entwickelt sich Gesundheit, wie kann man sie beeinflussen? Das alles war sehr interessant. Mit der Zeit habe ich so im Tun gelernt, sozialwissenschaftlich zu arbeiten, habe dann auch viel unterrichtet“, erklärt Reis-Klingspiegl. Nach der Pensionierung von Horst Noack und dem Auslaufen des letzten großen Projektes, stand sie vor einer Neuorientierung. Eine Dissertation als Geisteswissenschafterin an der Medizinischen Universität Graz war seinerzeit nicht möglich, was Reis-Klingspiegl heute als Limitierung empfindet. „Dann bin ich im Jahr 2005 gefragt worden, ob ich mir vorstellen könne, die Geschäftsführung von Styria vitalis zu übernehmen. Es gab damals kein Bewerbungsverfahren, ich bin vom Vereinsvorstand gewählt worden“, erinnert sich Reis-Klingspiegl. Heute kümmert sie sich um gesundheitsbezogene Organisationsentwicklung, Angebote im Bereich der Gemeinschaftsverpflegung und um das Steirische Kariesprophylaxeprogramm, das einzige flächendeckende Präventionsprogramm in der Steiermark.

Die Frage, ob sie das Wissen aus der Germanistik und der Ethnologie in ihrer Tätigkeit als Geschäftsführerin verwenden könne, bejaht Reis-Klingspiegl sofort. „Ich glaube, dass einem die Germanistik überall hilfreich ist. Ich kenne keinen Beruf, in dem man nicht schreiben, lesen oder sprechen können muss, deshalb finde ich, dass man mit der Germanistik eine sehr gute Grundlage hat. Ich habe zwar nicht alle StudienkollegInnen im Auge, aber ich habe schon das Gefühl, dass sich alle engagierten durchsetzen konnten. Die Ethnologie ist vor allem methodisch gesehen hilfreich. Die Gesundheitsförderung ist ja eher eklektizistisch und holt sich ihre Methoden und Zugänge aus anderen Bereichen – da hat mir die Ethnologie mit ihren Methoden, zum Beispiel mit der teilnehmenden Beobachtung, geholfen. Qualitative Arbeit ist im Kontext der Gesundheitsförderung generell interessant, weil man ja nicht immer Hypothesen hat, die man überprüft, sondern auch offen ins Feld geht und schaut, was gerade passiert. Außerdem kommt der Bereich der Gesundheitsförderung eigentlich aus dem angloamerikanischen Raum, also Kanada, Australien, Neuseeland, USA, den skandinavischen Ländern und Großbritannien, sie sind bis heute Vorreiter. Dort arbeiten viele Sozial- und KulturanthropologInnen in diesem Bereich“, erklärt Reis-Klingspiegl.

Rückblickend gesehen hat ihr das Studium eine gute Grundlage geboten und sie würde dieselbe Wahl nochmals treffen. Außerdem ist sie der Meinung, dass ein Studium dazu qualifizieren sollte, sich selbst neue Felder zu öffnen: „Das Wichtigste ist, ein Studium mit Leidenschaft zu bestreiten. Man sollte nicht erwarten, dass einem das Studium alles bietet. Man muss nicht jedes Angebot haben, es kann durchaus beschränkt sein, aber was da ist, muss gut sein. Dann hat man auch das nötige Rüstzeug. Ich denke, man muss sich über die eigenen Fähigkeiten bewusst sein und das, was man gelernt hat, abstrahieren können, um zu schauen, wo es anschlussfähig ist, welche Felder dazu passen und versuchen, dort unterzukommen. Frechheit siegt da oft.“

Text: Birgit Nikzat / KUG