Karrierewege

Karrierewege von GeisteswissenschaftlerInnen – Vol. 18

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Von der Musikologie ins Radio. Daniela Oberdorfer im Gespräch.

Daniela Oberndorfer ist Musikologin und absolviert in diesem Jahr ihr Masterstudium „Interdisziplinäre Geschlechterstudien“. Nach Absolvierung der Matura wollte sie eigentlich in Wien „Musiktherapie“ studieren, scheiterte aber an der Aufnahmeprüfung. Das Studium Musikologie war ihre Notfalllösung. „Es war klar, dass ich studieren will, aber ich musste mich nach der Absage kurzfristig nach einem anderen Studium umschauen. Ich habe beim Recherchieren im Internet die Studienrichtung Musikwissenschaft bzw. Musikologie entdeckt. Um ehrlich zu sein wusste ich nicht wirklich, was da auf mich zukommen wird. Aber die Vorstellung mich mit Pop, Jazz und Musikpsychologie zu beschäftigen, gefiel mir“, erzählt Daniela. Und so begann sie im Jahr 2006 an der Karl-Franzens-Universität und der Kunstuniversität Graz zu studieren.

Mit Radio Helsinki, wo sie heute beschäftigt ist, kam sie während ihres Bachelorstudiums das erste Mal in Berührung. Radio Helsinki ist ein sogenanntes „freies Radio“, im Gegensatz zum privat-kommerziellen und öffentlich-rechtlichen Rundfunk, und versteht sich als freies, nichtkommerzielles, gemeinnütziges, unabhängiges und lokales Radio. Ein Mitbewohner von Daniela hatte dort eine eigene Sendung, was sie überraschte: „Ich dachte immer, dass man eine Ausbildung braucht, um Radiosendungen machen zu können, und dass es sehr schwer ist, in einem Radiobetrieb überhaupt Fuß zu fassen. Außerdem hatte ich die Vorstellung, dass es technisch sehr kompliziert sein muss.“ Aus Neugier begleitete Daniela ihren Mitbewohner ins Radio und war sofort fasziniert. Sie erfuhr, dass man einen Basisworkshop besuchen kann, in dessen Rahmen das Grundwissen zur technischen Umsetzung und inhaltlichen Gestaltung einer Radiosendung vermittelt werden. Durch den niederschwelligen Zugang zu freien Radios ist es grundsätzlich jeder/m möglich, nach dem absolvierten Basisworkshop eine Radiosendung zu konzipieren und damit on air zu gehen. Daniela konnte zwei Freundinnen für das Radio begeistern und sie nahmen gemeinsam an einem Basisworkshop teil. Den Frauen machte es Spaß und sie gestalteten eine sogenannte „Probesendung“. Um mit einer Sendung ins Radioprogramm von Radio Helsinki aufgenommen zu werden, muss man nämlich zunächst eine Stunde Radiozeit füllen. Das Sendungskonzept und die Umsetzung werden dann mit dem Programmrat besprochen. „Das Feedback war nicht besonders gut und damit die Motivation, weiterzumachen, auch weg. Deswegen habe ich das Radiomachen vorerst nicht weiterverfolgt“, erinnert sich Daniela.

Daniela Oberndorfer © Foto: Christina Lessiak
Daniela Oberndorfer © Foto: Christina Lessiak

Neben dem Studium war sie an der Österreichischen HochschülerInnenschaft als Referentin für Gender und Gleichbehandlung tätig und lernte durch Zufall die Organisatorinnen der Frauenfrühlingsuniversität kennen. Sie beteiligte sich an der Umsetzung dieses Projekts und lernte dabei Frauen* kennen, die die feministische Radiosendung „genderfrequenz“ starteten. Zwei Jahre nach ihrer ersten Erfahrung im Radio wurde Daniela von diesen Frauen* schließlich eingeladen, in die Redaktion einzusteigen. „Und dann ist es plötzlich sehr schnell passiert, dass ich Teil des Radios geworden bin und es zu einer Leidenschaft von mir geworden ist, Radiomacherin zu sein. Zunächst war ich Redakteurin, später dann auch Programmrätin“, schildert Daniela. Zu dieser Zeit engagierte sie sich noch ehrenamtlich für Radio Helsinki. Gemeinsam mit anderen RadiomacherInnen kam die Idee auf, ein kritisches lokales Nachrichtenmagazin zu machen, was kurz darauf auch unter dem Namen „von unten“ umgesetzt wurde. Da das Team zu Beginn aus StudentInnen bestand, die sich ihre Zeit flexibel einteilen konnten, war es möglich, zwei bis drei Mal die Woche eine Nachrichtensendung zu produzieren. „Wir waren sehr produktiv und die Motivation für das Projekt war sehr hoch. Durch unser Engagement ist viel entstanden und es hat alles extrem gut funktioniert. ‚Von unten‘ kam sowohl innerhalb des Radios, als auch in der Außenwahrnehmung sehr gut an und bekam einiges an Aufmerksamkeit“, resümiert Daniela. Das Projekt entwickelte sich weiter, die Redaktion wurde größer und es wurden immer häufiger und umfangreichere Sendungen produziert. Das Nachrichtenmagazin wuchs und damit auch der Arbeitsaufwand. Und so wurde aus einer Herzensangelegenheit schrittweise ein Beruf.

Zunächst wurden Koordinationstätigkeiten entlohnt und vereinzelt Aufgaben, die viel Zeit in Anspruch nahmen. Schließlich entstand innerhalb des Teams der Wunsch, eine Koordinationsstelle zu installieren, die sich 20 Stunden um das Projekt kümmert und dafür auch entlohnt wird. „Zunächst wollte ich mich auf die Stelle nicht bewerben. Radio machen wurde unerwartet zu meiner Leidenschaft, die ich in meiner Freizeit ausüben konnte. Ich wusste, ich kann selbst entscheiden, wieviel Zeit ich dafür aufwende. Ich hatte Angst, dass eine Anstellung mir diese Freiheit nimmt und damit auch die Freude am Radiomachen verloren geht“, erzählt Daniela, „andererseits wurde mir immer mehr bewusst, dass ich nicht an der Universität bleiben möchte, um ein Doktorat zu machen. Ich habe das Projekt mitentwickelt, kannte das Team und die Radiostrukturen und war deswegen für den Job bestens geeignet. Aus dem Radio kam großer Zuspruch für meine Arbeit und so habe ich mich dann doch beworben und den Job schließlich bekommen“.

Ihre Aufgabe als Koordinatorin ist es seither, dafür zu sorgen, dass das Nachrichtenmagazin „von unten“ regelmäßig zu hören ist, und das mit allem was dazu gehört: Sendungsbeiträge koordinieren, Sendungen technisch unterstützen, Redaktionssitzungen vorbereiten, Workshops abhalten, Öffentlichkeitsarbeit und Vernetzungsarbeit leisten, das Team betreuen und erweitern. Und wenn es einmal eng wird oder es die Zeit erlaubt, gestaltet sie die Inhalte der Sendung auch selbst. Die größte Motivation an der Arbeit ist für Daniela die Möglichkeit, für ihre Anliegen ein Sprachrohr zu sein und zu haben. „Für mich ist es politischer Aktivismus. Ich beschäftige mich mit dem aktuellen Zeitgeschehen nicht nur theoretisch, sondern gestalte ein Medium, das im besten Falle auch gesellschaftliche Prozesse beeinflussen kann“, schwärmt Daniela von ihrer Tätigkeit. Darüber hinaus schätzt sie die angenehme Arbeitsumgebung des freien Radios, wo man bemüht ist, Hierarchien abzubauen, sich auf Augenhöhe zu treffen und sich nicht um Einschaltquoten, einen öffentlichen Bildungsauftrag oder sonstige Zwänge kümmern muss. Die Redaktion besteht inzwischen nicht nur aus StudentInnen, sondern aus Personen mit unterschiedlichen Lebenshintergründen, was unterschiedliche Perspektiven auf die behandelten Themen zulässt und den eigenen Horizont ständig erweitert. Die größte Herausforderung sieht Daniela in der gruppeninternen Koordination, die auch Sozialkompetenzen erfordert, wenn bspw. Konflikte auftauchen. Die nötigen Fertigkeiten hierzu eignete sie sich im Laufe ihres Tuns an und erweitert sie stetig.

Rückblickend will sie ihre Studienzeit nicht missen, da sie durch ihre Erfahrungen an der Universität die Chance hatte, sich mit vielen unterschiedlichen Themen tiefergehend auseinanderzusetzen, einen kritischen Geist zu entwickeln und die Welt auf eine andere Weise wahrzunehmen. Ferner konnte sie praktische Fähigkeiten aus ihrem Studium für ihren Beruf mitnehmen. Zu recherchieren, Interviews durchzuführen und Themen für ein Publikum aufzubereiten sind schließlich Techniken des wissenschaftlichen Arbeitens. „Sicher ist es ein Unterschied, ob ich einen wissenschaftlichen Text schreibe oder einen journalistischen. Jedoch haben mir das themenbezogene Arbeiten und die Kompetenzen, die ich mir dabei angeeignet habe, beim Radiomachen sehr viel weitergeholfen,“ erklärt Daniela.

Ihre geisteswissenschaftliche Bildung empfindet sie rückblickend als sehr bereichernd für ihren Beruf. Trotzdem hatte sie immer die Befürchtung, dass man damit in der Berufswelt nicht viel anfangen kann: „Ich dachte immer, ich brauche zusätzlich eine praktische Ausbildung. Heute weiß ich, ich habe mir in der Studienzeit sehr viele Kompetenzen und Wissen in meinen Tätigkeiten als Referentin an der ÖH und als Radiomacherin selbst erarbeitet und so auch einen tollen Job gefunden“.

Text: Christina Lessiak / KUG

Karrierewege von GeisteswissenschaftlerInnen – Vol. 17

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Barbara Perl-Ortiz konnte bereits in ihrer Schulzeit wertvolle Auslandserfahrungen sammeln, denn sie verbrachte ein Schuljahr in General Pico, in Argentinien. Zurück in Österreich war ihr klar, dass sie nach der Matura etwas mit Spanisch studieren wollte und begann zunächst im Herbst 2008 mit dem Studium der Transkulturellen Kommunikation, mit den Sprachen Englisch und Spanisch. Nach einem Jahr wurde ihr aber bewusst, dass sie das geforderte Niveau der Zweitsprache Englisch nicht halten konnte und brach ab. „Meine ganze Zeit verbrachte ich mit Englisch-Lernen, für Spanisch blieb da leider wenig Zeit“, erinnert sich Barbara, „ohne praktische Erfahrungen in einem englischsprachigen Land war es einfach nicht möglich, am Institut zu bestehen. Für das Lehramt hätte mir ein zweites Fach gefehlt, aber ich wollte ohnehin nicht Lehrerin werden. Also blieb nur der Weg auf die Romanistik. Dort bestand zudem die Möglichkeit, Portugiesisch zu studieren, was mir sehr gefiel. Ich dachte sogar daran, später das Studium der Transkulturellen Kommunikation in Wien wieder aufzunehmen, denn dort wird es mit den Fächern Spanisch/Portugiesisch angeboten“, erzählt Barbara.

Barbara Perl-Ortiz
Barbara Perl-Ortiz

Ihr privates Umfeld ermutigte sie zum Studium der Transkulturellen Kommunikation, denn die Begriffe „Dolmetschen“ und „Übersetzen“ sind allseits bekannt, auch war der Weg nach dem Abschluss klar vorgezeichnet. Schwieriger war es da bei der Romanistik. „Als ich zur Romanistik wechselte, bekam ich nicht mehr durchwegs positive Resonanz. Viele können sich darunter einfach nichts vorstellen, bzw. wissen nicht, was man damit später machen kann. Aber ich dachte mir, wenn es ein Studium gibt, muss es doch auch verwertbar sein“, meint Barbara. Das Studium war ihrer Meinung nach grundsätzlich sehr gut aufgebaut, die Sprachkurse sehr fordernd und die Lehrenden sehr qualifiziert. Der Fokus lag aber klar auf dem Spracherwerb. Barbara fände es hilfreich, wenn bereits während des Studiums berufliche Chancen aufgezeigt würden. „Viele studieren Romanistik auf Lehramt – für diejenigen, die das nicht möchten, gibt es nicht wirklich eine berufliche Perspektive, außer an der Uni zu bleiben. Deswegen war es für mich auch uninteressant, einen Master anzuhängen. Vielleicht könnte man Praktika ins Studium einbauen oder es mit Lateinamerika-Studien und internationalen Beziehungen vernetzen. Auch das Feld der Erwachsenenbildung könnte stärker eingebunden werden, gerade für diejenigen, die kein Lehramtsstudium absolvieren“, denkt Barbara.

Doch es kam alles anders. Nach Abschluss ihres Bachelorstudiums der Romanistik im Jahr 2012 beschloss sie, noch einmal ein Jahr in Argentinien, in Buenos Aires, zu verbringen – zum einen, um ihre Sprachkenntnisse zu festigen, zum anderen, um dort ihrer zweiten Leidenschaft, der Backkunst nachzugehen. Sie meldete sich dort an der renommierten Gastronomieschule IAG, dem Instituto Argentino de Gastronomía an, um sich zur pastelera profesional, sprich zur Konditorin ausbilden zu lassen. „Die Schule hat einen guten Ruf, viele erhalten nach Abschluss gleich eine Stelle. Obwohl es dort sehr international zuging, war ich in meinem Jahrgang die einzige Österreicherin, was etwa zu Diskussionen um den ‚authentischen‘ Apfelstrudel führte“, schmunzelt Barbara. Die Zeit an der Gastronomieschule war für sie äußerst wertvoll, sie lernte viel – und nebenbei perfektionierte sie ihre Sprachkenntnisse. Trotzdem wurde die Ausbildung aufgrund fehlender Praxis in Österreich nicht anerkannt. Es gab zwar die Möglichkeit in Argentinien Praktika zu absolvieren, doch aufgrund ihres Einreisestatus als Studentin war ihr dies nicht möglich. Deswegen entschloss sie sich kurzerhand, die fehlende Praxis nachzuholen. Sie bewarb sich um eine Lehrstelle bei der Schokoladenmanufaktur Zotter und wurde aufgenommen. „Für mich wie auch für mein Umfeld war es anfangs recht ungewohnt, dass ich als Akademikerin nun eine Lehre absolviere. Ich erinnere mich, dass bereits in meiner Schulzeit eine Lehrende zu uns sagte, dass man nicht maturieren solle, wenn man ohnehin ‚nur‘ vorhabe, eine Lehre zu absolvieren. Diese Geringschätzung macht mich traurig“, so Barbara.

Vier Jahre lang arbeitete sie bei der Schokoladenmanufaktur und darf sich seit Abschluss der Lehre als Bonbon- und Konfektmacherin bezeichnen. Doch damit nicht genug – im heurigen Jahr legte sie zusätzlich die Meisterprüfung am WIFI in Graz ab und wird in Kürze ihre eigene Café-Konditorei eröffnen. Obwohl Barbaras Weg sie letztendlich woanders hingeführt hatte als anfangs gedacht, war das Romanistik-Studium keineswegs umsonst. „Durch mein Studium und meine Auslandserfahrung habe ich gelernt, über den Tellerrand zu schauen. Ich kann mich gut selbst organisieren und mich weiterbilden. Dazu kommt noch ein enormes sprachliches Wissen. Ich habe täglich mit Fremdsprachen zu tun, denn die Inspiration für meine Kreationen hole ich mir aus englisch-, französisch- und spanischsprachigen Backbüchern.“

Barbara hat ihren Weg also gefunden, auch mit Unterstützung aus ihrem privaten Umfeld. Rückblickend gesehen hätte sie sich aber mehr Beratung und Information hinsichtlich der vielen Möglichkeiten nach der Matura gewünscht: „Meiner Meinung nach würden verpflichtende Praktikumswochen in verschiedenen Betrieben und Unternehmen sicherlich zielführend sein. Oft ist zudem der gesellschaftliche Druck hoch und man wird in eine bestimmte Richtung gedrängt. Wichtig ist es, sich für etwas zu entscheiden, was man gerne macht, egal ob an der Uni oder anderswo, dann wird es auch klappen“, meint Barbara.

Text: Birgit Nikzat / KUG

Karrierewege von GeisteswissenschaftlerInnen – Vol. 16

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Von Vorbildern lernen

Laut Christian Ehetreiber leben wir in einer vorbildlosen Zeit. Dabei ist das Festhalten an Vorbildern längst nicht so altmodisch wie es vielleicht klingt, denn Lernen vom erfolgreichen Modell ist Gold wert, so der Germanist und Pädagoge. Christian Ehetreiber studierte Germanistik sowie Philosophie, Pädagogik und Psychologie für Lehramt. Als er 1982 nach Graz fuhr, um sich an der Karl-Franzens-Universität zu inskribieren, war klar, dass es Germanistik sein sollte: „Mein großer Lehrmeister war Dr. Robert Hinteregger, mein Klassenvorstand am Gymnasium und späterer Landesschulinspektor. Sein Unterricht war so legendär lässig, dass ich bereits damals gewusst habe, dass ich Germanistik studieren möchte. Für das zweite Fach, zunächst Sport, habe ich mich sehr kurzfristig entschieden – zehn Minuten vor der Inskription“, lacht Ehetreiber. Nach vier Semestern Sportwissenschaften wechselte er dann jedoch zu Philosophie, Pädagogik und Psychologie. „Das passte schließlich besser, dort konnte man die humboldtsche Freiheit der Universität noch spüren“, schmunzelt der Germanist.

Fotocredit: ARGE Jugend gegen Gewalt und Rassismus
Fotocredit: ARGE Jugend gegen Gewalt und Rassismus

Obwohl die Aussichten auf eine Stelle als Lehrer schlecht waren, entschied sich Ehetreiber für das Lehramtsstudium. „Das war eine stählerne, rostige Zeit für LehramtsabsolventInnen. Bereits Ende der 70er Jahre war bekannt, dass eine Lehrerschwemme kommen wird. Dementsprechend haben alle davon abgeraten, Lehramt zu studieren. Ich war mir aber sicher, dass ich nicht warten werde, sondern dass sich etwas für mich ergeben werde“, erinnert sich Ehetreiber. Warum er sich überhaupt für den Beruf Lehrer entschied, kann der Pädagoge schnell beantworten: „Das war bei mir klassisch – ich dachte, ich kann das sicher besser als einige meiner Lehrer. Ich wollte einen humanistischen Unterricht, ohne jemanden zu tyrannisieren. In meiner Schulzeit gab es ja noch eine Kommando- und Herrschaftssprache á la ‚Maierhofer, was ist mit du‘. Das wollte ich ändern. Außerdem gefällt es mir, anderen etwas beizubringen.“
Nach seinem Studienabschluss im Jahr 1991 bekam er zwar keine Stelle als Lehrer, wurde aber von seiner ehemaligen Studienkollegin Reis-Klingspiegl gefragt, ob er nicht das Gesundheits- und Präventionsprojekt „Gesunde Volksschule“ leiten möchte. Ehetreiber sagte zu und war ein Jahr lang dafür zuständig, Kindern eine erweiterte schulärztliche und orthopädische Untersuchung, ein gesunde Jause sowie eine Kariesprophylaxe zukommen zu lassen. Zeitgleich arbeitete er ehrenamtlich am Franz-Nabl-Institut für Literaturforschung. Ehetreiber hatte eine Einladung zur Mitarbeit für die Einreichung des FWF-Projekts „Die internationale Rezeption der Grazer Gruppe“ erhalten. „Das war genau das meine“, erzählt Ehetreiber, „ich habe gemerkt, dass meine ganze Energie dorthin fließt. Als das Projekt angenommen wurde, bin ich sofort eingestiegen. Zwei Jahre lang habe ich dort mit großer Freude gearbeitet, der Verlängerungsantrag wurde aber leider abgelehnt.“

Wenig später kontaktierte ihn die damalige Vorstandsvorsitzende von ISOP, Ingrid Kohlberger, und machte ihm ein Jobangebot. „Ja, das war interessant“, erinnert sich Ehetreiber, „ich hatte damals, als junger Unterrichtspraktikumsvertreter, den Landesschulratspräsidenten Bernd Schilcher recht kritisch befragt und Frau Kohlberger, die auch anwesend war, dachte sich anscheinend, dass sie so einen wie mich in der ISOP gut brauchen könnten.“ Ehetreiber nahm das Angebot folglich an und war von 1993 bis 1998 Bildungsreferent in der ISOP. Sein Tätigkeitsbereich umfasste die interne Schulung von KollegInnen, die Ausrichtung der Bildungsreihe im Bereich des interkulturellen Lernens, interkulturelle Pädagogik sowie Anti-Rassismus-Forschung. Zusätzlich betreute er die, wie es seinerzeit hieß, Ausländerberatungsstelle Mürzzuschlag. Zwar kam inzwischen wieder ein Angebot vom Franz-Nabl-Institut für Literaturforschung, doch Ehetreiber lehnte ab: „Der Fortsetzungsantrag des FWF-Projektes wurde schließlich doch angenommen, aber ich habe mich trotzdem für die ISOP entschieden. Inzwischen war nämlich meine erste Tochter geboren worden – da wollte ich finanziell abgesichert sein“, resümiert Ehetreiber.

Neben seiner Haupttätigkeit wurde er immer wieder um Beratungen in Zusammenhang mit Projektmanagement und Marketing gefragt, weswegen er sich 1997 zusätzlich noch den Gewerbeschein holte. Seitdem ist er selbständiger Berater für Marketing und Projektmanagement, wobei er sich mittlerweile auf ausgewählte Stammkunden konzentriert. Bereits ein Jahr später, 1998, erhielt Ehetreiber das nächste Jobangebot: „Peter Scheibengraf, der vormalige Geschäftsführer der ARGE Jugend gegen Gewalt und Rassismus, fragte mich, ob ich nicht die Geschäftsführung übernehmen wolle. Als ISOP Bildungsreferent hatte ich schon damals gemeinsam mit der ARGE Jugend Projekte durchgeführt. Ich sagte zu, und wir begannen, die Übergabe vorzubereiten. Im Jänner 1999 habe ich dann offiziell die Geschäftsführung übernommen“, so Ehetreiber und fügt hinzu: „Die ARGE Jugend gegen Gewalt und Rassismus ist eine überparteiliche Fachstelle für Gewaltprävention, Menschenrechtsbildung und Antidiskriminierungsarbeit und bietet unter anderem Beratung und Workshops zu den Themen der Menschenrechtsbildung, Demokratiebildung, Gewaltprävention, Förderung von soziokultureller Vielfalt, und vieles mehr.“ Bereits seit der Gründung der ARGE Jugend wird zudem besonderer Augenmerk auf die zeitgeschichtliche Erinnerungs- und Gedenkarbeit gelegt. Bei mehr als 30 verschiedenen Gedenkvorhaben in der Steiermark hat die ARGE Jugend in verschiedenen Rollen mitgewirkt, bis hin zu Buchpublikationen zu diesem Thema.

Und was sagt Ehetreiber zur Perspektivenlosigkeit vieler GEWI-Absolventen? „Ich denke, die meisten GEWI-AbsolventInnen scheitern nicht an der Fachlichkeit, sondern am mentalen Mindset. In den Beratungen die ich durchführe, höre ich immer wieder den Satz ‚Ich kann ja nichts‘. Woher kommt das? Im Studium wird oft von Anfang an vermittelt – und das werfe ich der GEWI vor – dass man als GEWI-Absolvent nicht gefragt sei, dass man das Erlernte nicht verwerten könne, dass diese Studien ja nur etwas Schöngeistiges für den Elfenbeinturm wären etc. Das sickert dann in diese mentalen Modelle ein und verdichtet sich zu ganz festen Glaubenssätzen. Ich kenne aber viele GEWIs, die etwas aus ihrem Studium gemacht haben. Aber das hat auch oft mit einem Selbstorganisationsvermögen und der Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen, zu tun. Arbeit bekommt man mit Einsatz, Engagement und mit Aufzeigen. Ich möchte aber jedem auf den Weg geben, dass er sein Studium, egal welche Richtung, mit äußerstem Einsatz führt. Und damit meine ich nicht in Mindeststudiendauer, sondern dass die Studierenden die Fächer, die sie mögen, mit einem hohen Impetus absolvieren. Auch sollten sich GEWI-Studierende nicht von den Begriffen Vermarktung und Marketing abschrecken lassen. Jede Chance sollte genutzt werden, auch im erweiterten Umfeld, um sie als großes Lern- und Erfahrungsbiotop zu verwenden.“

Text: Birgit Nikzat / KUG

Karrierewege von GeisteswissenschaftlerInnen – Vol. 15

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Wo entsteht Gesundheit?

Diese und noch weitere Fragen beschäftigen Karin Reis-Klingspiegl in ihrer Funktion als Geschäftsführerin von Styria vitalis. Die Germanistin und Ethnologin gehört zur ersten Generation in der österreichischen Gesundheitsförderung und stärkt gemeinsam mit einem Team von rund 65 Angestellten in Kooperation mit Kindergärten, Schulen, Gemeinden und Betrieben die Ressourcen für Gesundheit in der Steiermark.

© Stiefkind/Remling
© Stiefkind/Remling

Sie begann im Jahr 1982 mit dem Studium der Deutschen Philologie, heute Germanistik, und wählte als Zweitfach Europäische Ethnologie. „Germanistik studierte ich aus Leidenschaft, am meisten gefiel mir, hemmungslos lesen zu dürfen“, schmunzelt sie. Sie hatte zunächst die Idee, Journalistin zu werden: „Dass man als Literaturwissenschafterin keine Arbeit bekommt, war doch sehr naheliegend, und in die Schule wollte ich nicht. Auch für EthnologInnen gab es keine Perspektiven – damals war die Volkskunde noch konservativ, der Fokus lag eher auf der historischen Alltagskultur. Ich kann mich erinnern, dass ich viele Bienenkörbe und Rechen gezeichnet habe“, lacht Reis-Klingspiegl.

Bereits während des Studiums hatte sie als Mitarbeiterin in den Kulturredaktionen bei der Kleinen Zeitung und der Steirerkrone gearbeitet. Durch ihre journalistische Tätigkeit kam sie auch erstmals mit der Steirischen Gesellschaft für Gesundheitsschutz, heute Styria vitalis, in Berührung. Sie wurde gefragt, ob sie nicht Interesse hätte, die Organisation von Pressekonferenzen zu übernehmen. „So bin ich zum Gesundheitssektor gestoßen“, erzählt Reis-Klingspiegl, „und irgendwann habe ich dann die Öffentlichkeitsarbeit übernommen, bis ich mein Studium abschloss.“

Danach kam das Angebot, am Institut für Sozialmedizin an der Karl-Franzens-Universität Graz mitzuarbeiten. „Damals war das Institut neu besetzt und der neue Leiter, Horst Noack, fragte mich, ob ich nicht Interesse hätte, mit ihm zusammen zu arbeiten. Ich interessierte mich damals sehr für die Theorie der Gesundheitsförderung, wollte wissen, wie sich das Konzept operationalisieren lässt, welche Zugänge es gibt. Wie entwickelt sich Gesundheit, wie kann man sie beeinflussen? Das alles war sehr interessant. Mit der Zeit habe ich so im Tun gelernt, sozialwissenschaftlich zu arbeiten, habe dann auch viel unterrichtet“, erklärt Reis-Klingspiegl. Nach der Pensionierung von Horst Noack und dem Auslaufen des letzten großen Projektes, stand sie vor einer Neuorientierung. Eine Dissertation als Geisteswissenschafterin an der Medizinischen Universität Graz war seinerzeit nicht möglich, was Reis-Klingspiegl heute als Limitierung empfindet. „Dann bin ich im Jahr 2005 gefragt worden, ob ich mir vorstellen könne, die Geschäftsführung von Styria vitalis zu übernehmen. Es gab damals kein Bewerbungsverfahren, ich bin vom Vereinsvorstand gewählt worden“, erinnert sich Reis-Klingspiegl. Heute kümmert sie sich um gesundheitsbezogene Organisationsentwicklung, Angebote im Bereich der Gemeinschaftsverpflegung und um das Steirische Kariesprophylaxeprogramm, das einzige flächendeckende Präventionsprogramm in der Steiermark.

Die Frage, ob sie das Wissen aus der Germanistik und der Ethnologie in ihrer Tätigkeit als Geschäftsführerin verwenden könne, bejaht Reis-Klingspiegl sofort. „Ich glaube, dass einem die Germanistik überall hilfreich ist. Ich kenne keinen Beruf, in dem man nicht schreiben, lesen oder sprechen können muss, deshalb finde ich, dass man mit der Germanistik eine sehr gute Grundlage hat. Ich habe zwar nicht alle StudienkollegInnen im Auge, aber ich habe schon das Gefühl, dass sich alle engagierten durchsetzen konnten. Die Ethnologie ist vor allem methodisch gesehen hilfreich. Die Gesundheitsförderung ist ja eher eklektizistisch und holt sich ihre Methoden und Zugänge aus anderen Bereichen – da hat mir die Ethnologie mit ihren Methoden, zum Beispiel mit der teilnehmenden Beobachtung, geholfen. Qualitative Arbeit ist im Kontext der Gesundheitsförderung generell interessant, weil man ja nicht immer Hypothesen hat, die man überprüft, sondern auch offen ins Feld geht und schaut, was gerade passiert. Außerdem kommt der Bereich der Gesundheitsförderung eigentlich aus dem angloamerikanischen Raum, also Kanada, Australien, Neuseeland, USA, den skandinavischen Ländern und Großbritannien, sie sind bis heute Vorreiter. Dort arbeiten viele Sozial- und KulturanthropologInnen in diesem Bereich“, erklärt Reis-Klingspiegl.

Rückblickend gesehen hat ihr das Studium eine gute Grundlage geboten und sie würde dieselbe Wahl nochmals treffen. Außerdem ist sie der Meinung, dass ein Studium dazu qualifizieren sollte, sich selbst neue Felder zu öffnen: „Das Wichtigste ist, ein Studium mit Leidenschaft zu bestreiten. Man sollte nicht erwarten, dass einem das Studium alles bietet. Man muss nicht jedes Angebot haben, es kann durchaus beschränkt sein, aber was da ist, muss gut sein. Dann hat man auch das nötige Rüstzeug. Ich denke, man muss sich über die eigenen Fähigkeiten bewusst sein und das, was man gelernt hat, abstrahieren können, um zu schauen, wo es anschlussfähig ist, welche Felder dazu passen und versuchen, dort unterzukommen. Frechheit siegt da oft.“

Text: Birgit Nikzat / KUG

Karrierewege von GeisteswissenschaftlerInnen – Vol. 14

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Von der Pädagogik zum Projektmanagement

Bereits im Gymnasium entdeckte Brigitte Brand die Liebe zur Literatur und zur Sprache. Somit fiel die Studienwahl nicht schwer und sie begann an der Karl-Franzens-Universität Graz das Lehramtsstudium für Anglistik und Germanistik. Prinzipiell konnte sie es sich gut vorstellen zu unterrichten, zudem dachte sie, dass sie ein Lehramtsstudium im späteren Berufsleben auch abseits der Schule gut brauchen könnte. Sie absolvierte ein Auslandssemester in den USA, in Ohio, und begann bereits während ihrer Studienzeit bei dem Verein Deutsch in Graz zu unterrichten: „Wir unterrichteten damals für Erwachsene in Kleingruppen und haben auch die Lehrmaterialien selbst erstellt. Ein bisschen hat mich diese Arbeit für die Schule verdorben. Wir gestalteten dort nämlich einen sehr anschaulichen Unterricht mittels Team-Teaching und veranstalteten Praxis-Nachmittage an denen das Erlernte ausprobiert werden konnte. Das kann man in der Schule auf diese Art nicht umsetzen“, erklärt Brigitte. Auch arbeitete sie als Sprachassistentin in Kent, England, und meint, dass ihr diese Erfahrung bei späteren Bewerbungen sicher geholfen hat. Nach Abschluss der Studien im Jahr 1991 und dem Unterrichtspraktikum war schnell klar, dass es aussichtslos war, eine Stelle als Lehrerin zu bekommen: „KollegInnen von mir haben jahrelang auf einen Platz warten müssen. Nur mit den Fächern Mathematik und Physik hatte man damals die Chance, gleich einen Job zu bekommen. Da wurde mir bewusst, dass ich einen anderen Weg einschlagen muss“, resümiert Brigitte Brand. Sie musste jedoch nicht lange suchen, denn ein paar Tage nach ihrer Diplomprüfung bekam sie ein Jobangebot vom LFI, dem ländlichen Fortbildungsinstitut. „Am Donnerstag hatte ich meine Diplomprüfung und am Montag darauf einen Job – ohne danach gesucht zu haben“, schmunzelt sie.

Ein Jahr lang arbeitete sie daraufhin gemeinsam mit einer Studienkollegin als Deutschtrainerin in einer Berufsorientierungsmaßnahme für AsylwerberInnen in Voitsberg. „Da habe ich dann gemerkt, dass Berufsorientierung eine spannende Sache ist“, so Brigitte, „und begann eine einjährige Ausbildung zur Sozial- und Berufspädagogin.“ Somit wechselte sie vom Unterricht ins Training und arbeitete in den nächsten Jahren als Trainerin, Beraterin und Coach in diversen, meist vom AMS geförderten Maßnahmen. Auch in den Gesundheitsbereich schnupperte sie hinein, als sie im Zuge ihrer Tätigkeit bei Alpha Nova den Gesundheitssprengel in Kalsdorf aufbaute. Zusätzlich absolvierte sie eine zweijährige berufsbegleitende Ausbildung für Prozessmoderation und systemische Organisationsentwicklung.

Brigitte Brand
Brigitte Brand

Nach einigen einjährigen Jobs übernahm Brigitte Brand dann 1995 bei ISOP – Innovative Sozialprojekte – die Geschäftsführung. Bereits 1994 war sie einmal bei ISOP als Trainerin tätig gewesen, damals unterstützte sie im Rahmen eines arbeitsmarktpolitischen Selbstorganisationsprojekts arbeitssuchende PädagogInnen bei ihrer Neuorientierung. „Später kam dann die Anfrage von ISOP, ob ich mich nicht für den frei gewordenen Geschäftsführerposten interessieren würde. Sie konnten sich noch an mich erinnern und meinten, dass das gut für mich passen könnte. Somit bin ich schließlich ganz ins Projektmanagement gerutscht. Tätigkeiten im Bereich Controlling, Finanzen, Budgetentwicklung, Kostenrechnung, Bilanzierung, Personalauswahl, Projektanträge und Verhandlungen mit Fördergebern zählten plötzlich zu meinen Hauptaufgaben“, erzählt Brigitte. Das Wissen dazu erwarb sie sich in verschiedenen Seminaren beim Controller Institut in Wien und auch bei der Unternehmerschule am WIFI. „Der Rest“, so Brigitte, „war learning by doing. Aber das hätte ich mir seinerzeit nicht gedacht, dass ich als Literaturfreak bei der Kostenrechnung lande. Trotzdem hat das Gewi-Studium gut gepasst, denn für Projektanträge und dergleichen ist von Vorteil, wenn man formulieren und Dinge gut zusammenfassen kann. Auch meine Sprachkenntnisse habe ich wunderbar einsetzen können, denn wir hatten viele von der EU geförderte, transnationale Projekte mit AustauschpartnerInnen. Da war Englisch fast immer die Projektsprache.“

Nach 22 Jahren als ISOP Geschäftsführerin hat sich Brigitte nun aus dem operativen Bereich zurückgezogen, als Vorstandsmitglied ist sie weiterhin tätig. „Unter 55 Arbeitsstunden pro Woche bin ich nie nach Hause gegangen und auch an den Wochenenden war immer wieder die eine oder andere Projektausschreibung zu erledigen“, erzählt Brigitte. „Gerade in der letzten Periode hatten wir sehr viele ESF-Projekte [Europäischer Sozialfond] mit zunehmend herausfordernden Bedingungen und einem horrenden Abrechnungsaufwand. Da ging meine Tätigkeit fast nur mehr ins Controlling. Deshalb habe ich dann den Entschluss gefasst, noch einmal einen beruflichen Neubeginn zu wagen und mich als Unternehmensberaterin und Trainerin selbständig zu machen.“ Dazu absolvierte Brigitte Brand das Unternehmergründungsprogramm, das sie im Februar abgeschlossen hat. Parallel dazu lässt sie sich zur diplomierten Resilienztrainerin ausbilden.

Brigitte hatte nie das Gefühl, dass ihr die geisteswissenschaftlichen Studien einen Nachteil gebracht hätten: „Wahrscheinlich liegt das aber auch daran, dass ich etwas Anderes ausgestrahlt habe“, überlegt sie. „Da hat mir mein Aufenthalt in den USA sehr geholfen, denn dort ist es egal, was man studiert hat, was zählt, ist der Uni-Abschluss. Dieses Denken habe ich mitgenommen und mich auf meinem Weg nicht beirren lassen, denn ich bin nach wie vor der Meinung, dass man mit geisteswissenschaftlichen Studien ein tolles Rüstzeug für viele Berufe hat“, ist Brigitte überzeugt.

Text: Birgit Nikzat / KUG

 

 

Karrierewege von GeisteswissenschaftlerInnen – Vol.13

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Die Welt sehen – das wollte David Zottler bereits als Kind. Heute ist der Geisteswissenschaftler in ganz Europa beruflich unterwegs.

Alles begann mit dem Kunstgeschichtestudium an der Karl-Franzens-Universität in Graz und einem Auslandssemester in Straßburg. „Die Zeit in Frankreich hat mich komplett verändert, plötzlich war mir ein Studium nicht mehr genug und ich inskribierte mich nach meiner Rückkehr zusätzlich noch für Geschichte und Französisch.“ David, der übrigens der erste in der Geschichte der Karl-Franzens-Universität Graz war, der drei Studien gleichzeitig abgeschlossen hatte, betätigte sich nebenbei ehrenamtlich für den Verein Erasmus Student Network (ESN) und betreute Incoming-Studenten aus aller Welt: „Damals in Frankreich gab es diesbezüglich wenig Infrastruktur. Deswegen wollte ich mich engagieren, um den internationalen Studierenden hier unter die Arme zu greifen.“ Bald darauf folgten weitere Auslandsaufenthalte, wie etwa ein Praktikum in Brüssel bei der EU: „Ich war der erste Geisteswissenschaftler, der das Praktikum dort bekommen hat. Ich arbeitete bei der Vertretung des Landes Steiermark in der EU, durfte dort bei vielen Meetings und Konferenzen wie etwa im EU-Parlament oder in der EU-Kommission als Repräsentant dabei sein, die für die Steiermark relevanten Informationen aufbereiten und übersetzen. Dieses Praktikum hat meine Überzeugung von der EU gestärkt. Danach lebte ich noch ein halbes Jahr als Sprachassistent in Dijon, Frankreich, und habe später auch in Paris für ein weiteres EU-Projekt gearbeitet. Mein Wissen aus den Studien konnte ich besonders bei der Sprachassistenz gut nutzen, da ich dort vor allem viele landeskundliche Themen in meinen Unterricht einfließen ließ“, meint David.

David Zottler
David Zottler

Noch während seiner Studien in Graz entschied sich David, die zweijährige Ausbildung zum Austria Guide, die berufsbegleitend am WIFI angeboten wird, zu beginnen. Diese staatliche Ausbildung befähigt nach erfolgreicher Absolvierung aller Prüfungen als Fremdenführer in ganz Österreich Führungen durchzuführen, aber auch zu organisieren und zu planen. „Bereits neben den Studien begann ich in Graz, als Austria Guide zu arbeiten“, erzählt David, „und mit der Zeit übernahm ich zusätzlich auch immer mehr Reiseleitungen. Ich habe dazu eine eigene Ausbildung als Reiseleiter absolviert, und leite und organisiere seit damals Reisen in ganz Europa. Als Reiseleiter kann prinzipiell jeder tätig sein, aber Führungen darf man nur dann anbieten, wenn man staatlich geprüfte/r FremdenführerIn ist. Dass ich beide Qualifikationen habe, was relativ selten vorkommt, erweist sich dabei für mich als großer beruflicher Vorteil.

Für diesen Job wird einem eine hohe Belastbarkeit abverlangt und die Bereitschaft, sich ständig weiterzubilden und viel und oft im Ausland unterwegs zu sein. Zudem ist viel Geduld und große Flexibilität nötig und ein offenes Ohr für jedes Wehwehchen: „Es muss alles im Vorfeld abgestimmt werden – Hotels, Restaurants, etc. Die Leute kommen mit allen Problemen zu einem, denn man ist oft ihr einziger Ansprechpartner. Man ist ständig mit ihnen unterwegs, das heißt die soziale Komponente ist überaus wichtig. Wenn man eine Führung anbietet, steht das Fachliche und Inhaltliche im Vordergrund und nach der Führung geht man sozusagen nach Hause. Als Reiseleiter bin ich aber beispielsweise dafür verantwortlich, die unterschiedlichsten Essensallergien zu berücksichtigen, zu wissen, wo ich im Notfall eine Nachtapotheke finde – oder ich muss im Hotel ein neues Zimmer organisieren, wenn etwas nicht passt, und vieles mehr. Das ist zwar anstrengend und verlangt ein hohes Maß an Verantwortung, aber ich liebe meine Arbeit“, schwärmt David, der seine Touren auf Deutsch, Französisch, Englisch und Spanisch durchführt. Derzeit leitet er vor allem viele Bildungsreisen, wie etwa für das amerikanische Unternehmen Road Scholar, eine der weltweit größten Lifelong Learning-Organisationen: „Hier führe und begleite ich US-Amerikaner, die sich für klassische Musik begeistern, auf thematischen Reisen, wie zum Beispiel The Great Composers of Europe, erklärt David. Aber auch in weniger bekannten Gegenden war er schon unterwegs: „Zuletzt fuhr ich mit einer Reisegruppe nach Friesland, in die Niederlande. Da muss man sich schon sehr gut vorbereiten.“

Mit den Studien an der Karl-Franzens-Universität war David prinzipiell sehr zufrieden, nur etwas mehr Internationalität und Interdisziplinarität hätte er sich gewünscht. Generell ist er davon überzeugt, dass es keinen Sinn hat, Studien nur aufgrund der sogenannten „Wirtschaftlichkeit“ auszuwählen. Demnach lautet Davids Appell: „Man sollte das studieren, was einem selbst Freude bereitet, denn nur dann ist man wirklich gut darin und wird Erfolg haben – auch sollte man offen und neugierig sein und sich vielfältig engagieren. Und was ich ganz besonders wichtig finde: jeder sollte unbedingt möglichst viele Erfahrungen im Ausland sammeln, um den persönlichen Horizont zu erweitern und Vorurteile abzubauen!“

Mag. David Zottler, BA BA
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Text: Birgit Nikzat / KUG

Karrierewege von GeisteswissenschaftlerInnen – Vol.12

Gepostet am Aktualisiert am

Kreativ in der Wirtschaft

Was hat eine Geisteswissenschafterin mit der Produktion von Holzmöbeln oder Müllzerkleinerungsanlagen namens Terminator zu tun? Mag.a Margret Hausegger ist Projektmanagerin bei der Creative Industries Styria (CIS). Dort koordiniert sie ein Projekt, das zum Ziel hat, Jung und Alt Einblicke in innovative, steirische Unternehmen zu ermöglichen, damit sie Produktion live erleben können.

Margret_Hausegger / Foto: © Stephan Friesinger
Margret Hausegger / Foto: © Stephan Friesinger

Als Margret Hausegger 2003 ihr Diplomstudium Anglistik und Amerikanistik an der Karl-Franzens-Universität Graz begann, hat sie sich diesen Schritt in die Wirtschaft noch nicht vorstellen können. Die Studienwahl traf sie unmittelbar nach der Matura und hat sie bis heute nicht bereut. „Es wäre für mich keine Option gewesen, rein aus Vernunft etwas anderes zu studieren“, erklärt Margret, die sich auch für Kunstgeschichte inskribierte, dieses Studium dann aber nach einiger Zeit zugunsten der Anglistik/Amerikanistik aufgab – ausschlaggebend war die progressive Ausrichtung des Instituts für Amerikanistik.

Als Ergänzungsfach wählte sie Medienwissenschaften sowie Freifächer aus Geschichte und Germanistik. Ihr Interesse für Sprachen zeigte sich auch in der Neigung zu unterrichten und zu schreiben, weswegen sie überlegte, an der Universität zu bleiben. „Das hätte schon gut gepasst, gleichzeitig war ich aber immer offen für alle Möglichkeiten“, meint die gebürtige Wienerin.

Kommunikation als Passion

Während des Studiums – auch während eines Auslandsjahres in Irland – engagierte sich Margret in der Studienvertretung, was Ausdruck ihrer Begeisterung für Kommunikation war. Auf Kommunikation im weitesten Sinne waren auch viele Inhalte des Studiums ausgerichtet, so wurde beispielsweise Augenmerk auf Textsorten gelegt, die für einen möglichen beruflichen Kontext in den Bereichen Marketing, PR oder Medien interessant sein könnten –  sicherlich mit ein Grund, warum viele ihrer ehemaligen Mitstudierenden, die nicht Lehramt studiert haben, nach dem Studium im Kommunikationsbereich tätig wurden.

Nach Beendigung des Diplomstudiums begann Margret das Doktoratsstudium an der Amerikanistik und arbeitete nebenbei am Institut. Zusätzlich war sie als selbständige Werbetexterin für die Styria Media Group AG und für Grazer Werbeagenturen tätig und entdeckte ihre zweite Leidenschaft, nämlich Yoga zu unterrichten, was sie bis heute praktiziert. Das Doktoratsstudium hat sie letztlich abgebrochen. „Es fehlte mir das Feuer. Die Beschäftigung mit Lyrik ist zwar wunderschön, aber irgendwann fehlte dann doch die Verbindung zum Rest der Welt“, berichtet die Geisteswissenschafterin.

Aufbruch in die Kreativwirtschaft

Über eine Werbeagentur ist sie schließlich zu Creative Industries Styria GmbH gekommen, wo sie mittlerweile seit bald fünf Jahren im Projektmanagement beschäftigt ist. Konkret betreut sie das Programm „Erlebniswelt Wirtschaft – made in Styria“ und engagiert sich dabei für die Zusammenarbeit zwischen Wirtschaftsbetrieben und der Kreativszene. Unternehmen öffnen im Zuge des Projekts in Form von Erlebnistouren ihre Türen für eine breite Öffentlichkeit. Die Touren werden von AusstellungsdesignerInnen und Werbeagenturen gestaltet. Auf ihren Arbeitsalltag angesprochen beschreibt Margret: „Mein Kollege und ich begleiten Betriebe und Kreativteams im Entstehungsprozess der Erlebnistour von der Konzeption bis zur Umsetzung. Außerdem kümmern wir uns um die Vernetzung der beteiligten Unternehmen sowie um Öffentlichkeitsarbeit und Werbemaßnahmen.“

Margret zeigt sich begeistert von der steirischen Wirtschaft: „Als Geisteswissenschafterin sieht man ja kaum Produktionsbetriebe. Wenn man aber verschiedenste Branchen kennenlernt, entwickelt man viel Wertschätzung für deren Leistungen.“ Dass sie die Welt anders sieht als zum Beispiel ein Techniker, ist ihr bewusst, etwa bei der Zusammenarbeit mit ihrem unmittelbaren Partner im Projekt, der auf der Montanuniversität in Leoben studiert hat: „Natürlich haben wir andere Zugänge und unsere Prioritäten unterscheiden sich. Im Endeffekt empfinden wir aber beide die unterschiedlichen Sichtweisen als bereichernd.“

Vom Wert anderer Sichtweisen

Außerhalb ihres direkten Arbeitsumfeldes fällt ihr gelegentlich ein gewisser Vorbehalt gegenüber GeisteswissenschafterInnen auf: „Es gibt manchmal Unverständnis bezüglich der wirtschaftlichen Relevanz eines solchen Studiums. Viele haben keine Vorstellung davon, was zum Beispiel Anglistik/Amerikanistik genau ist. Besonders Literatur- und Kulturwissenschaft sind oft relativ abstrakt. Auch ist es nicht immer leicht zu verstehen, warum es einen Unterschied macht, ob ein Text oder eine Übersetzung professionell gemacht werden. „Ich finde, es ist ausgesprochen wertvoll sich eine Zeit lang mit Dingen zu beschäftigen, die nicht unmittelbar mit dem Verdienen des Lebensunterhalts zu tun haben. Ich habe aber auch nie den Anspruch gehabt, dass mein Studium mich unmittelbar auf einen speziellen Beruf vorbereitet. Auch wenn in meiner jetzigen Tätigkeit ein Großteil des Wissens aus meinem Studium kaum gefordert ist, kann ich im beruflichen Alltag jederzeit auf meine Englischkenntnisse zurückgreifen. Wichtig ist für mich, regelmäßig neue Herausforderungen zu bekommen“, meint Margret.

Text: Birgit Nikzat