Geisteswissenschaften

Karrierewege von GeisteswissenschaftlerInnen – Vol.11

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Nina Bercko, MA

Masterstudium Germanistik
Projektmitarbeiterin
am Institut für Germanistik an der Universität Graz
Mitgründerin
des Start-ups PILZKISTE

Wirtschaftsgeist.com stellt heute – in Kooperation mit alumni Uni Graz – die Germanistin Frau Nina Bercko in der Reihe Karrierewege von GeisteswissenschaftlerInnen vor. Mit Ihrem Start-up PILZKISTE will sie gemeinsam mit Ihren Mitstreiterinnen Mercedes Springer und Jasmin Kabir auf nährstoffhaltigen Kaffeesatz – rund sechs Tonnen davon werden an einem durchschnittlichen Tag in Graz produziert – Austernpilze züchten.

Wie die Idee entstanden ist und wie man sich bei diesem Crowdfunding-Projekt auch selbst einbringen kann, verrät Germanistin Nina Bercko im Alumna des Monats-Interview.

Buchvorstellung – Monster zähmen

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Der Wirtschaftsgeist-Blog hat sich mit der Neuerscheinung „Monster zähmen“ der Autorin Ulrike Schneeberg auseinandergesetzt, welche sich dem Spannungsfeld Geisteswissenschaftler_innen/Orientierung/Beruf/Leben widmet und möchte den interessierten Leser_innen einen kleinen Einblick in das Buch geben.

Der Übergang vom Studium in die Berufswelt kann für Absolvent_innen geisteswissenschaftlicher Studien ein langwieriger und auch frustrierender Schritt sein. Absagen und mangelndes oder kein Feedback zur Bewerbung sind nicht selten ein Grund in dieser Übergangsphase an sich und seinen Fähigkeiten zu zweifeln. Der Untertitel „Ein Übungs- und Unterhaltungsbuch für Geisteswissenschaftler*innen auf Jobsuche“ macht bereits deutlich, worum es sich bei diesem kürzlich erschienen Buch handelt. „Monster zähmen“ bezieht sich auf Ulrike Schneebergs Dissertation über Monster in Bilderbüchern, welche im Zuge einer Auseinandersetzung oder genaueren Betrachtung gezähmt, oder zu Freunden werden können. Schneeberg studierte Sprachen und Literatur in Cambridge, Montreal sowie Berlin.
Die Autorin erzählt nicht nur von ihrer Suche nach dem richtigen Job, sondern berichtet auch gleichzeitig in Ausschnitten von 25 anderen Absolvent_innen der Geisteswissenschaften, die nach Abschluss ihrer Studien entweder in gänzlich anderen Berufen gelandet sind oder nach längerem Suchen ihre „Berufung“ – im Sinne einer erfüllenden Tätigkeit – gefunden haben.
In zwölf Kapiteln widmet sich Ulrike Schneeberg verschiedenen Aspekten, die alle Arbeitssuchenden sowie auch Arbeitnehmer_innen an einem Punkt in ihrem Leben eventuell beschäftigen werden. Beispielsweise die Suche nach Orientierung, das Treffen von Entscheidungen, die Notwendigkeit von Netzwerken oder wie man Kinder und Arbeit unter einen Hut bringt. Dabei erzählt sie in Episoden von sich selbst, schildert ihre Gedankengänge und Fragen, die sie sich im Laufe der Zeit zwischen Promotion und Arbeit gestellt hat und ergänzt ihre Sichtweisen mit jenen der 25 anderen Geisteswissenschaftler_innen, welche sie für dieses Buch interviewt hat. Das Spektrum an Studien umfasst beispielsweise Skandinavistik, Ethnologie, vergleichende Literaturwissenschaft, Philosophie, Archäologie und die Interviewten sind zwischen 27 und 48 Jahre alt. Sie arbeiten als Slam Poet, Tangolehrer, Sales- und Projektmanagerin, Sekretärin, Inhaberin eines Buchladens oder freiberufliche Journalistin – um ein paar Beispiele anzuführen.
Neben diesem „Unterhaltungsteil“ bietet das Buch auch Übungen, die in jedem Kapitel (dem jeweiligen Schwerpunkt entsprechend) gemacht werden können. Andere Übungen sollen einem selbst seine eigenen Ansichten und auch Verhaltensweisen bewusst machen und dazu anregen, sie vielleicht neu zu evaluieren und ein etwaiges „Monster zu zähmen“. Das Buch verspricht keine Lösung für alle Probleme und ist auch nicht darauf ausgelegt für alle Probleme Lösungen zu finden. Aber es versucht mit dem kritischen Denken von Absolvent_innen der Geisteswissenschaften zu spielen und dieses Denken im Übergangsprozess als hilfreiches Werkzeug zu verwenden, nicht als jene selbstzerstörerische Kraft, die sie manchmal gegenüber einem selbst sein kann.
Manche dieser Übungen mögen etwas banal erscheinen, wie beispielsweise jene Übung, sich seine eigene Orientierungslosigkeit zu vergegenwärtigen und die damit verbundenen Gedanken und Gefühle als Teil seines Selbst „mit Wohlwollen und Freundlichkeit“ zu akzeptieren. Andere Übungen zielen schlicht auf eine Beschäftigung ab, die einem das Gefühl vermitteln sollen, etwas zu unternehmen: Beispielsweise ein Profil auf einem virtuellen Netzwerk wie Xing oder LinkedIn zu erstellen und dort jemanden, der einen selbst definierten Wunschjob ausübt, mit einer „interessanten Frage“ zu kontaktieren. Wieder andere Übungen sind hilfreich, sich seiner eigenen Wünsche und Werte für Leben und Beruf bewusst zu werden, wie beispielsweise sich mit einer Vertrauensperson der Frage „Was macht dein Leben sinnvoll?“ zu stellen und diese monologisierend zu erörtern.

In seiner Gesamtheit regt dieses Buch zum Denken und ausprobieren an. Vor allem die leicht jovial wirkende Sprache, die Offenheit mit welcher die Autorin Themengebiete anspricht und behandelt, machen es zu einem recht kurzweiligen Werk. Für Suchende, denen der Bewerbungsprozess nur Frustration zu bieten hat, oder Absolvent_innen die sich ihrer Entscheidungen nicht sicher sind in ihrer beruflichen Orientierung noch nach passenden Hilfestellungen suchen ist dieses Buch eine geeignete Stütze.

© Marta Press
© Marta Press

Monster zähmen“ von Ulrike Schneeberg
erschienen im Marta Press Verlag (Hamburg), Mai 2017;
Preis: 26€; ISBN: 978-3-944442-66-2

Text: Martin Schönbauer/KUG

„alumni UNI graz. das absolventInnen-netzwerk“ im Interview mit wirtschaftsgeist.com

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Der alumni UNI graz ist der AbsolventInnen-Verein der Universität Graz. Er bietet AbsolventInnen ein breites Angebot an Möglichkeiten mit ihrer Universität in Kontakt zu bleiben, beispielsweise sich bei fachspezifischen Veranstaltungen über neueste Forschungsergebnisse zu informieren. Für Studierende ist der Verein ein Bindeglied zu den AbsolventInnen. Durch gezielte Programme können sich Studierende mit AbsolventInnen austauschen und von ihnen lernen sowie von deren Erfahrungen profitieren.

„alumni UNI graz. das absolventInnen-netzwerk“ hat in den letzten Jahren ein zielgruppengerechtes, fakultätsübergreifendes Netzwerk aufgebaut, das sich derzeit auf 17 Sektionen (Fachgruppen) und zahlreiche internationale Chapter und Kontaktstellen erstreckt. Alleine für den geisteswissenschaftlichen Bereich gibt es acht Sektionen, darunter alumni English & Amercian Studies, alumni historiae, alumni Philosophie, alumni Romanstik, etc.

Der Wirtschaftsgeist-Blog hat sich mit den alumni UNI graz Mitarbeiterinnen Mag. Tanja Baumgartner und Mag. Carmen Teubenbacher, MA, über die historische Entwicklung, die speziellen Angebote sowie über eine Absolventin der Geisteswissenschaftlichen Fakultät, die sich mit einem nachhaltigen Start-up Unternehmen selbstständig gemacht hat, unterhalten.

Tanja Baumgartner absolvierte das Studium der Pädagogik mit Schwerpunkt Erwachsenenbildung. Schon während des Studiums war sie in vielen Projekten an der Uni beruflich involviert, wie bspw. im Studieninfoservice und in der Organisation der „Kinder Uni Graz“. Sie ist seit 2005 am Aufbau des Vereins dabei und zuständig für das Programm für Studierende gegen Studienende und JungakademikerInnen, sowie für das Marketing für diese Zielgruppe.

Carmen Teubenbacher absolvierte das Studium Anglistik/Amerikanistik an der Uni Graz und schloss berufsbegleitend einen Masterlehrgang in Medienwissenschaften ab. Nach unterschiedlichen beruflichen Stationen im Bildungs- und Medienbereich, wechselte sie 2012 zum alumni UNI graz und ist dort zuständig für Marketing und PR.

Frau Mag. Baumgartner, darf ich Sie bitten uns die Initiative „alumni UNI graz. das absolventInnen-netzwerk“ kurz vorzustellen?

Baumgartner: Der heutige alumni UNI graz baut auf dem 1995 gegründeten „Abso-Verein“ auf. Seit dem Relaunch im Jahr 2005 konnte der alumni UNI graz seine Mitgliederanzahl von rund 350 auf rund 4500 ausweiten. Das gesamte Netzwerk umfasst rund 20.000 Kontakte zu AbsolventInnen und Studierenden, die regelmäßig über Veranstaltungen und Neuigkeiten der Karl-Franzens-Universität informiert werden. Damit zählt der alumni UNI graz zu den größten AbsolventInnenvereinen im deutschsprachigen Raum.

Frau Mag. Teubenbacher, von welchen Leistungen profitieren die Mitglieder in Ihrem Netzwerk?

Teubenbacher: Der alumni UNI graz versteht sich als Plattform, um mit den AbsolventInnen in Kontakt zu bleiben. Unser Angebot reicht von Weiterbildungs- und Netzwerkveranstaltungen bis hin zum Erfahrungsaustausch unter den AbsolventInnen und der Universität. Zudem soll auch der Kontakt zwischen Studierenden und AbsolventInnen gepflegt werden, um den Austausch über zukünftige berufliche Perspektiven zu fördern.

In den letzten Jahren hat sich zusätzlich zu den fachspezifischen Sektionen ein weltweites Netzwerk an internationalen Chapter und Kontaktstellen – regionale Gruppen weltweit – entwickelt. So engagieren sich die AbsolventInnen der Universität Graz ehrenamtlich vor Ort in New York, Brüssel, Shanghai, Washington D.C., Moskau, London und in vielen weiteren Regionen rund um den Globus.

Gibt es Beispiele von Geistes-, Sozial- und KulturwissenschafterInnen, die sich in Ihrem AbolventInnennetzwerk im privatwirtschaftlichen Bereich besonders hervorgetan haben und was hat diese Persönlichkeiten besonders ausgezeichnet, um in diesem Bereich als GSK-AbsolventIn reüssieren zu können?

Teubenbacher: Da fällt mir das Unternehmen das Gramm – der erste verpackungsfreie Lebensmittelladen in Graz – ein. Verena Kassar, eine der Geschäftsführerinnen des Unternehmens hat an der Uni Graz Kunstgeschichte studiert. Sie war gemeinsam mit Ihrer Geschäftspartnerin, Sarah Reindl, Alumna des Monats April 2016. Sie betonte im Gespräch, dass geisteswissenschaftliche Studien das vernetzte Denken, den interdisziplinären Zugang, sowie die Fähigkeit, sich eigene Wege zu schaffen, fördern. Die Notwendigkeit, viel selbst erarbeiten zu müssen, fördert gleichzeitig auch die Fähigkeit, sich eigene berufliche Perspektiven zu schaffen und das fernab von vorgegeben Strukturen, wie sie in anderen Studienrichtungen oftmals vorgezeichnet werden.

Was sind Ihrer Ansicht und Erfahrung nach potentielle Hemmnisse für GeisteswissenschafterInnen, um einen reibungslosen beruflichen Einstieg zu schaffen? Wie kann man Ihnen dabei helfen?

Baumgartner: Ich sehe es als unsere Aufgabe, Studierenden die Möglichkeit anzubieten, mit AbsolventInnen in Kontakt treten zu können, um ihnen zu zeigen was alles möglich ist. Die Vielfalt an Berufsfeldern nimmt ständig zu. Hier finden wir es wichtig – und das beschränkt sich nicht nur auf Gewi-Studierende – zu erkennen, in welcher Tätigkeit man aufgeht. Oft kommt da der Ausspruch: „Ich kann eigentlich viel, aber ich weiß nicht, was ich damit machen soll“. Ein Ansatz wäre, unsere AbsolventInnen Gespräche zu besuchen, sich Ideen von Karrierewegen, wie auf eurem Wirtschaftsgeist-Blog oder auch Plattformen wie Whatchado zu holen, oder sich auf unserer Website die Alumni.Portraits anzuschauen. In den Studienplänen ist zwar nachzulesen, für welche Berufsfelder man (aus-)gebildet wird, aber auf den genannten Plattformen können konkrete Berufsvorbilder identifiziert werden. Dieses Sichtbarmachen von Möglichkeiten kann AbsolventInnen von Gewi-Studienrichtungen ermutigen, ihren eigenen beruflichen Weg zu erschaffen.

Teubenbacher: Vielleicht eine kleine Geschichte am Rande: Wir hatten letztes Jahr in unserer Veranstaltungsreihe „Perspektive Studium“, die Anglistik/Amerikanistik als Schwerpunkt mit ca. 40 Studierenden, die am Ende ihres Studiums waren. Wir hatten am Anfang gefragt, ob sie schon wissen, in welche Richtung sie sich beruflich orientieren werden und nur ca. fünf TeilnehmerInnen hatten eine konkrete Vorstellung. Deshalb ist es wichtig, den Studierenden solche Anregungen, wie die genannten, zu geben.

Sie bieten außerdem auch das sogenannte „Alumni Career Mentoring“ Programm an. Was hat es damit auf sich?

Baumgartner: Speziell mit dem Mentoring Programm von alumni UNI graz und Uni Career Center möchten wir dabei unterstützen, den Berufswunsch von Studierenden gegen Ende des Studiums zu schärfen. Wir setzen dazu eine branchenerfahrene Person – MentorIn – ein, die der/dem Mentee in der Berufsorientierungsphase zur Seite steht. Studierende ab dem fünften Semester können sich das gesamte Jahr über für dieses Programm bewerben. Für Mentees wird von alumni UNI graz und Uni Career Center ein begleitendes Rahmenprogramm angeboten. Wie sich die Zusammenarbeit im Mentoring-Tandem gestaltet, wird individuell vereinbart. Besonders hervorzuheben ist, dass sich die Mentorinnen und Mentoren ehrenamtlich für das Programm engagieren. Hier freuen wir uns immer, wenn jemand auf uns zukommt und auf diese Art und Weise, ihrer/seiner Alma Mater etwas zurückgibt.

Zudem haben Sie für die JungabsolventInnen ein eigenes Paket – „junior alumni“ – geschaffen? Von welchen Vorteilen profitieren die JungabsolventInnen?

Baumgartner: Wir bieten speziell für JungabsolventInnen das Servicepaket „junior alumni“ an. Wir fördern die JungabsolventInnen mit einer einjährigen kostenlosen Mitgliedschaft, mit einem -50 % Gutschein für ein professionelles Bewerbungsfoto, regelmäßigen Austauschmöglichkeiten mit berufserfahrenen AbsolventInnen, Mobilitätsstipendien für Auslandspraktika und die Teilnahme am Mentoring-Programm, um den beruflichen Einstieg zu unterstützen.

Das Career Center sowie das alumni UNI graz arbeiten eng zusammen. Beide Institutionen sind bei der Bewerbung der bisherigen „Wirtschaftsgeist-Workshops“ als Multiplikatoren hilfreich zur Seite gestanden. Was könnte Ihrer Meinung nach dieses Format bewirken?

Teubenbacher: Mit dem Wirtschaftsgeist-Workshop wird für Studierende, die eigenverantwortlich ihre beruflichen Perspektiven ausloten wollen, die Möglichkeit geboten, in den Aufbau eines Unternehmens hinein zu schnuppern und diesen aktiv mitzugestalten. Der Workshop zeigt auch auf, was durch Eigeninitiative möglich ist. Gerade GSK-Studierende sind in ihren Studien besonders gefordert Eigeninitiative zu entwickeln. Berufswege sind noch nicht vorgezeichnet, wie oftmals in anderen Studienrichtungen. Der Workshop bietet hier die Möglichkeit mit Berufsvorbildern in Kontakt zu treten und zu erkennen, dass man eigentlich viel kann und nun auch weiß, was man damit machen kann.

Vielen Dank für das Gespräch!

Karrierewege von GeisteswissenschafterInnen Vol. 10

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Dr. Bettina Habsburg-Lothringen

Seit 2014 ist sie die Chefin der größten historischen Waffensammlung der Welt: Worin Bettina Habsburg-Lothringen die heutige Rolle des Landeszeughauses sieht, was die Besucherinnen und Besucher im neugestalteten Museum im Palais erwartet und warum sie den wieder erstarkten Kontakt zu ihrer Alma Mater besonders schätzt, verrät die Historikerin im „Alumna des Monats“-Interview.

Studium der Geschichte und Deutschen Philologie, Universität Graz
Seit 2010: Leitung der Museumsakademie | Universalmuseum Joanneum
Seit 2014: Leitung der Abteilung Kulturgeschichte im Universalmuseum Joanneum: Museum im Palais, Landeszeughaus, Volkskundemuseum, Multimediale Sammlungen und Museumsakademie

Karrierewege von GeisteswissenschafterInnen Vol. 9

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Philosophisch praktischer Brückenbau

Der Jurist und Philosoph Harald Friedl blickt auf eine ereignisreiche berufliche Laufbahn zurück. Rückblickend würde er sich als nonkonformistisch beschreiben – als jemanden, der sich durch überkommene Strukturen herausgefordert fühlte. Er begann in Graz Rechtswissenschaften zu studieren, merkte aber schnell, dass ihm das noch nicht genügte: „Zum einen hatte ich einen Hang zur Gerechtigkeit und hing damals noch der Illusion an, mit Jus könne man dazu beitragen. Zum anderen stellte ich fest, dass meine eigentlichen Fragen durch die Rechtswissenschaften nicht beantwortet werden konnten. Auch das Philosophie-Studium lieferte mir letztlich keine Antworten auf meine wichtigen Fragen, doch habe ich dort gelernt zu suchen und zu forschen, nachzubohren und zu analysieren. Damals hatte ich zudem noch die schöne Freiheit mittels Fächerbündel alles zu studieren, was mir irgendwie interessant erschien, Soziologie, Psychologie, Politologie – im Prinzip habe ich überall dort hineingeschnuppert, was mir seltsam erschien, weshalb ich mehr darüber erfahren wollte.“ Bereits während des Studiums begann Harald Friedl als Journalist und Reiseleiter zu arbeiten. Das hatte damit zu tun, dass er bereits mit 21 Jahren, im Jahr 1989, in die Sahara gereist war: „Ich hatte damals das drängende Gefühl aus- und aufbrechen zu müssen. Ich brauchte diese Reise um mich aus meinem ‚Milchbuben-Dasein’ zu befreien und mich weiterzuentwickeln. Das war für mich eine nachhaltig prägende Erfahrung – vor allem die Begegnung mit ‚exotischen‘ Kulturen, ja überhaupt die Begegnung mit dem ‚Fremden’, die ja immer auch eine Begegnung mit sich selbst ist.“ So wurde Harald Friedl 1991 zunächst Reiseleiter, um „mehr“ von der Fremde zu bekommen.

Prof. (FH) Mag. Mag. Dr. Harald Friedl in der Sahara – die „Magie der Wüste“

Mit der Zeit wurde ihm der Aufklärungsaspekt immer wichtiger, weshalb er sich zunehmend in entwicklungspolitische Zusammenhänge vertiefte. Er begann für mehrere Magazine, darunter Südwind, und auch für Zeitungen wie den Standard zu schreiben. Unter Christian Brünner arbeitete Harald Friedl dann auch als Presserechtsexperte beim Liberalen Forum. „Ende der 90er-Jahre nahte dann der zweite Studienabschluss. Für mich lag es nahe, etwas mit Tourismus zu machen. Ich hatte mir damals die Frage gestellt, welche negativen Auswirkungen der Tourismus mit sich bringt, und inwieweit man zu reisen überhaupt vertreten könne. Damals hatte ich Vorlesungen von Dr. Andreas Obrecht zum Thema Globalisierungstheorie besucht. Er motivierte mich, für ein halbes Jahr nach Afrika zu gehen um empirisch zu forschen. Also lebte ich 1999-2000 für ein halbes Jahr bei den Tuareg im Norden der Republik Niger und forschte über die dortigen Folgen des Tourismus. Dabei entwickelte ich weitreichende neue Theorien über Tourismusethik. Aus meiner umfangreichen Diplomarbeit entstanden dann auch zwei Buchpublikationen, ‚Tourismusethik‘ und ‚Respektvoll Reisen‘.“

Auf Basis dieser neuen Erkenntnisse entwickelte Harald Friedl in Kooperation mit Kneissl Touristik und Hauser Exkursionen möglichst umwelt- und sozialverträgliche Touren. Parallel dazu konnte er seine Forschungen fortführen, da er zu dieser Zeit an seiner Dissertation schrieb und weiterhin als Journalist arbeitete. Von einer Kollegin erfuhr er wenig später von einem neuen Studiengang an der FH Joanneum in Bad Gleichenberg, ‚Gesundheitsmanagement im Tourismus‘: „Meine Kollegin sagte mir, es gäbe niemanden, der Ethik im Tourismus anbieten könne, und ich dachte mir, doch, es gibt jemanden: mich. Also habe ich mich bei der Studiengangsleiterin gemeldet und mir wurde gleich ein kompletter Lehrstuhl für Tourismuswissenschaften angeboten.“ Seit 2004 unterrichtet Harald Friedl nun Tourismusethik, Nachhaltigkeit im Tourismus und touristische Produktentwicklung im Naturtourismus. Nachdem der Studiengang noch jung war, hatte er die Möglichkeit zur Mitgestaltung. „Parallel dazu habe ich bis 2012 noch Touren geführt, das war eine schöne Wechselwirkung. Währenddessen hat sich aber in der Sahara, meinem ‚Spezial-Reiseziel‘, durch Rückkoppelungen auf Globalisierungsprozesse sehr viel verändert – der sogenannte Krieg gegen den Terrorismus, der zunehmende Staatenzerfall, die Zerstörung Libyens, etc. De facto wurden diese Gebiete von der touristischen Landkarte radiert. Deswegen pausiere ich derzeit als Reiseleiter, bin aber schon wieder im Aufbau mit Kooperationen, zurzeit mit Weltweitwandern. Was ich mittlerweile mache, ist eine Art philosophischer Brückenbau zwischen konkretem Tourismus und seiner Metaebene, indem ich analysiere, welche Konsequenzen Tourismus mit sich bringt. Da dient mir meine philosophische Ausbildung in hohem Maße. Das systemisch analysierende, verstehende Denken ist hier sehr hilfreich um Zusammenhänge zu erfassen und Missverständnisse aufzuklären. Ein klassischer Touristiker, der nur Techniken zur Optimierung seines Systems gelernt hat, kann das nicht.“

Harald Friedl erklärt, dass Tourismus, im Gegensatz zu nichtorganisiertem Reisen, die Ausdehnung des Wohnzimmers bedeutet, während man als Reisender die eigenen vertrauten Systemgrenzen überschreitet um bislang Fremdes bewältigbar zu machen und es dadurch ins eigene System zu integrieren. Tourismus setzt notwendigerweise kolonialistische Rahmenbedingungen voraus, denn Tourismus konnte nur dort beginnen, wo die notwendigen Bedingungen des organisierten Reisens, wie Infrastruktur, Friede, Wohlverhalten infolge von Unterwerfung des Andersartigen herrschten. Ein Tourist möchte kein Risiko eingehen. Es fehlt ihm das Wissen über die zu bereisende Kultur und die nötige Sozialkompetenz. Diese fehlenden Kompetenzen werden durch den Kauf eines organisierten Tourismusprodukts kompensiert. Dadurch kann er gefahrenlos unterwegs sein. Dafür ist aber innerhalb dieses organisierten Rahmens eine authentische Begegnung nicht möglich, es sei denn, der Tourist überschreitet die Grenzen des Organisierten und lässt sich auf Unvorhersehbares ein. Jenseits der Authentizität aber herrscht laut Harald Friedl die Unterwerfung einer fremden und darum zu beherrschenden Kultur. Dem gegenüber zeichnet sich nachhaltige Tourismusentwicklung durch partizipative, bedürfnisorientierte Integration von „Bereisten“ aus. Es geht um eine langfristige Balance zwischen Ressourcen und Bedürfnissen der Beteiligten anstelle von maximaler Gewinnorientierung.

Harald Friedl mit einem Tuareg im Dorf Timia, Niger

Harald Friedl sieht die Schlüsselfähigkeit von GeisteswissenschafterInnen in der Fähigkeit, Brücken zwischen verschiedenen Denksystemen herzustellen, in der Stärke, auf Metaebenen zu denken, vorhandene Ideen zu nutzen, um sie zu transformieren und zu transportieren, um dadurch neue hilfreiche Konzepte zu entwickeln. All das leistet einen wertvollen Beitrag um neue, konkrete Probleme zu lösen. Deswegen ist Harald Friedl zusätzlich im Bereich Förderung und Entwicklung von Unternehmenskulturen tätig: „Was ist denn Kultur überhaupt? Ich kann Kultur ja nur beeinflussen, wenn ich ein Verständnis, ein Konzept davon habe. So war es für mich als Philosoph und Touristiker anfangs in diesem Studiengang „Gesundheitsmanagement im Tourismus“ etwas schwer, laut über Gesundheit nachzudenken, weil wir – aufgrund unserer jeweiligen Ausbildungskultur – gewohnt waren innerhalb unserer Disziplinen zu verharren. Das hat uns alle betroffen und hat uns anfangs die Arbeit erschwert. Mit der Zeit haben wir jedoch gelernt eine inter- und transdisziplinäre Kultur zu entwickeln, indem wir über die Grenzen schauten und wie Reisende uns Schritt für Schritt auf die uns fremde Disziplinen einließen. Und darin liegt die Stärke der Kultur unseres Studienganges, dass wir über einander nachdenken, dadurch die anderen Disziplinen immer mehr verstehen und uns immer besser verknüpfen können.

Was in der universitären Ausbildung laut Harald Friedl fehlt, ist die Ermutigung zu eigenem experimentierendem Forschen, zu schlichtem ‚trial and error‘: „Und das ist ja auf gut Deutsch unternehmerisches Denken“, erläutert er. „Das erklärt für mich auch, warum so viele GeisteswissenschafterInnen eher die Uni als ihr Wirkungsfeld betrachten. Denn eines ist klar: Man muss die Sprache des ‚Feldes‘, der Wirtschaft und der Menschen da draußen, lernen und die bisherige eigene Form der Auseinandersetzung mit dem Feld überdenken. Das war für mich anfangs ein sehr schmerzhafter, lernintensiver Prozess. Ich war früher eher ein Außenseiter, als der ich zwar wahnsinnig viel wusste, doch hatte ich es nicht geschafft dieses Wissen hilfreich rüberzubringen. Dann habe ich angefangen darüber nachzudenken, wie es auf andere wirkt, wenn ich bestimmte Dinge sage. Und das ist ja eigentlich ‚Sprachenlernen’. Aber diesen Prozess der Selbstbeobachtung und Selbstreflexion lernt man nur im Feld, nicht aber, wenn ich immer nur am selben Institut mit denselben Leuten zusammenarbeite. Das wäre ja gleichsam ‚geistiger Inzest‘. Deswegen denke ich, dass Erasmus-Programme einen unheimlich wichtigen Beitrag liefern, um als Geisteswissenschaftler den eigenen Horizont zu überschreiten, neue Sprachen zu erlernen. Ich war 1994 einer der ersten Philosophie-Studenten, die einen Erasmus-Aufenthalt absolviert hatten. Ich konnte mein halbes Jahr in Caen, Frankreich, auch sofort verlängern, denn in meiner Studienrichtung gab es fast niemanden, der dieses Programm nutzen wollte. Die wahrscheinlich damalige Einstellung meiner KollegInnen war wohl: Warum in die Welt hinausgehen, wenn ich alles in Büchern finde. Der springende Punkt ist aber: Ich muss mich herauswagen, die Dinge angreifen, die ich nicht kenne oder die mir gar Angst machen, um mit der Welt da draußen vertraut zu werden. Genau darum habe ich mich in so vielen Kulturen bewegt – ob in jenen von Ländern, Berufen oder Wissenschaftsdisziplinen.“

Abseits der FH arbeite Harald Friedl zusätzlich als interkultureller Trainer und Konsulent, unter anderem für die Friedenstruppen des Österreichischen Bundesheeres sowie für die bundesdeutsche Marine. Außerdem unterrichtet er Themen wie Konfliktmanagement und „Partnersuche im Internet“ im Bereich der Erwachsenenbildung.

Die große Herausforderung für junge Menschen sieht Harald Friedl heutzutage darin, Entscheidungen zu treffen und wichtige Fragen, oder besser gesagt, Grenzfragen zu stellen. Etwa die Frage, wie Geisteswissenschaften wertschöpfend praktiziert werden können ohne gleichzeitig von einer rein gewinnmaximierenden Kultur ausgebeutet zu werden oder sich ihr völlig zu unterwerfen. Um sich solche Fragen stellen zu können muss man jedoch in beiden Feldern stehen und Mut beweisen: „Wenn ich den Mut dazu nicht aufbringe, bleibt mir nichts Anderes übrig, als ewig Bücherstaub zu schlucken“, schmunzelt Harald Friedl.

Text: Birgit Nikzat

Veranstaltungstipp: Perspektive Geschichte

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Das erfolgreiche Berufsleben von AbsolventInnen nach der Studienzeit

Im Rahmen der Veranstaltung „Perspektive Geschichte“ erzählen erfahrene AbsolventInnen von ihrer täglichen Arbeit, der beruflichen Laufbahn und ihren Erfahrungen rund um das Studium. Sie vermitteln somit einen umfassenden Überblick über die Perspektiven nach Studienabschluss.

* Wie gelingt der berufliche Einstieg nach der Universität?
* Welche Erfahrungen machen AbsolventInnen meiner Studienrichtung?
* Und welche Fähigkeiten sind im Berufsalltag besonders gefordert?

Antworten auf diese Fragen – und viele weitere spannende Themen – werden bei „Perspektive Geschichte“ präsentiert und diskutiert.

Details zu den Podiumsgästen folgen demnächst.
Die Teilnahme ist kostenfrei.

WANN & WO?
Datum: Mittwoch, 17.05.2017
Zeit: 17:30 – 19:00 Uhr
Ort: Alumni/Career Center Veranstaltungsraum, Elisabethstraße 32, 2. Stock, 8010, Graz

WEITERE INFORMATIONEN
Beschreibung: https://careercenter.uni-graz.at/de/bewerberinnen/veranstaltungen/?esraSoftIdva=213474

Eine Initiative von alumni UNI graz, Sektion alumni historiae sowie Uni Career Center.

Anmelden zum Wirtschaftsgeist Workshop!

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Aufgrund des großen Erfolgs der ersten beiden Wirtschaftsgeist-Workshops lädt das WTZ Süd bereits am 12. Mai 2017 zur dritten Ausgabe! JETZT ANMELDEN!

WIRTSCHAFTSGEIST_web_

Zielgruppe:
Studierende der Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften und der Künste an der Karl-Franzens-Universität Graz, der Alpen-Adria Universität Klagenfurt und an der Kunstuniversität Graz.
Start-ups aus unterschiedlichen Bereichen

WAS?
Der WIRTSCHAFTSGEIST Workshop bringt Studierende der Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften und der Künste mit Start-ups aus Graz zusammen. Studierende, die Interesse an einer wirtschaftlichen Berufsperspektive haben, treffen auf junge UnternehmerInnen, um einander kennenzulernen und gemeinsam an einer Challenge zu arbeiten.

WOFÜR?
Es entsteht eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten: Die Studierenden erhalten einen Einblick in die Wirtschaftswelt, während die Start-ups die vielseitige Expertise von Studierenden im geisteswissenschaftlichen Bereich kennenlernen und von deren kreativen Problemlösungsansätzen profitieren.

WIE?
Für jedes teilnehmende Start-up wird ein interdisziplinäres Studierenden-Team gebildet. Gemeinsam mit dem Start-up arbeitet jedes Team an einer Challenge aus der Praxis. Dabei werden Lösungsansätze aus unterschiedlichen Disziplinen kombiniert. Ein Kreativcoach gibt dabei wertvolle Impulse und vermittelt nützliche Kreativitätstechniken, um die einzelnen Workshop-Projekte zu optimieren.

WANN & WO?
Freitag, 12. Mai 2017, 11.00 Uhr bis 16.00 Uhr
Ort: Performancesaal der Kunstuniversität Graz, Reiterkaserne EG, Leonhardstraße 82-84, 8010 Graz
Weitere Informationen und Anmeldung: wirtschaftsgeist@uni-graz.at
Anmeldefrist für Studierende und Start-ups: 28.04.2017