Karrierewege

Karrierewege von GeisteswissenschaftlerInnen – Vol. 14

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Von der Pädagogik zum Projektmanagement

Bereits im Gymnasium entdeckte Brigitte Brand die Liebe zur Literatur und zur Sprache. Somit fiel die Studienwahl nicht schwer und sie begann an der Karl-Franzens-Universität Graz das Lehramtsstudium für Anglistik und Germanistik. Prinzipiell konnte sie es sich gut vorstellen zu unterrichten, zudem dachte sie, dass sie ein Lehramtsstudium im späteren Berufsleben auch abseits der Schule gut brauchen könnte. Sie absolvierte ein Auslandssemester in den USA, in Ohio, und begann bereits während ihrer Studienzeit bei dem Verein Deutsch in Graz zu unterrichten: „Wir unterrichteten damals für Erwachsene in Kleingruppen und haben auch die Lehrmaterialien selbst erstellt. Ein bisschen hat mich diese Arbeit für die Schule verdorben. Wir gestalteten dort nämlich einen sehr anschaulichen Unterricht mittels Team-Teaching und veranstalteten Praxis-Nachmittage an denen das Erlernte ausprobiert werden konnte. Das kann man in der Schule auf diese Art nicht umsetzen“, erklärt Brigitte. Auch arbeitete sie als Sprachassistentin in Kent, England, und meint, dass ihr diese Erfahrung bei späteren Bewerbungen sicher geholfen hat. Nach Abschluss der Studien im Jahr 1991 und dem Unterrichtspraktikum war schnell klar, dass es aussichtslos war, eine Stelle als Lehrerin zu bekommen: „KollegInnen von mir haben jahrelang auf einen Platz warten müssen. Nur mit den Fächern Mathematik und Physik hatte man damals die Chance, gleich einen Job zu bekommen. Da wurde mir bewusst, dass ich einen anderen Weg einschlagen muss“, resümiert Brigitte Brand. Sie musste jedoch nicht lange suchen, denn ein paar Tage nach ihrer Diplomprüfung bekam sie ein Jobangebot vom LFI, dem ländlichen Fortbildungsinstitut. „Am Donnerstag hatte ich meine Diplomprüfung und am Montag darauf einen Job – ohne danach gesucht zu haben“, schmunzelt sie.

Ein Jahr lang arbeitete sie daraufhin gemeinsam mit einer Studienkollegin als Deutschtrainerin in einer Berufsorientierungsmaßnahme für AsylwerberInnen in Voitsberg. „Da habe ich dann gemerkt, dass Berufsorientierung eine spannende Sache ist“, so Brigitte, „und begann eine einjährige Ausbildung zur Sozial- und Berufspädagogin.“ Somit wechselte sie vom Unterricht ins Training und arbeitete in den nächsten Jahren als Trainerin, Beraterin und Coach in diversen, meist vom AMS geförderten Maßnahmen. Auch in den Gesundheitsbereich schnupperte sie hinein, als sie im Zuge ihrer Tätigkeit bei Alpha Nova den Gesundheitssprengel in Kalsdorf aufbaute. Zusätzlich absolvierte sie eine zweijährige berufsbegleitende Ausbildung für Prozessmoderation und systemische Organisationsentwicklung.

Brigitte Brand
Brigitte Brand

Nach einigen einjährigen Jobs übernahm Brigitte Brand dann 1995 bei ISOP – Innovative Sozialprojekte – die Geschäftsführung. Bereits 1994 war sie einmal bei ISOP als Trainerin tätig gewesen, damals unterstützte sie im Rahmen eines arbeitsmarktpolitischen Selbstorganisationsprojekts arbeitssuchende PädagogInnen bei ihrer Neuorientierung. „Später kam dann die Anfrage von ISOP, ob ich mich nicht für den frei gewordenen Geschäftsführerposten interessieren würde. Sie konnten sich noch an mich erinnern und meinten, dass das gut für mich passen könnte. Somit bin ich schließlich ganz ins Projektmanagement gerutscht. Tätigkeiten im Bereich Controlling, Finanzen, Budgetentwicklung, Kostenrechnung, Bilanzierung, Personalauswahl, Projektanträge und Verhandlungen mit Fördergebern zählten plötzlich zu meinen Hauptaufgaben“, erzählt Brigitte. Das Wissen dazu erwarb sie sich in verschiedenen Seminaren beim Controller Institut in Wien und auch bei der Unternehmerschule am WIFI. „Der Rest“, so Brigitte, „war learning by doing. Aber das hätte ich mir seinerzeit nicht gedacht, dass ich als Literaturfreak bei der Kostenrechnung lande. Trotzdem hat das Gewi-Studium gut gepasst, denn für Projektanträge und dergleichen ist von Vorteil, wenn man formulieren und Dinge gut zusammenfassen kann. Auch meine Sprachkenntnisse habe ich wunderbar einsetzen können, denn wir hatten viele von der EU geförderte, transnationale Projekte mit AustauschpartnerInnen. Da war Englisch fast immer die Projektsprache.“

Nach 22 Jahren als ISOP Geschäftsführerin hat sich Brigitte nun aus dem operativen Bereich zurückgezogen, als Vorstandsmitglied ist sie weiterhin tätig. „Unter 55 Arbeitsstunden pro Woche bin ich nie nach Hause gegangen und auch an den Wochenenden war immer wieder die eine oder andere Projektausschreibung zu erledigen“, erzählt Brigitte. „Gerade in der letzten Periode hatten wir sehr viele ESF-Projekte [Europäischer Sozialfond] mit zunehmend herausfordernden Bedingungen und einem horrenden Abrechnungsaufwand. Da ging meine Tätigkeit fast nur mehr ins Controlling. Deshalb habe ich dann den Entschluss gefasst, noch einmal einen beruflichen Neubeginn zu wagen und mich als Unternehmensberaterin und Trainerin selbständig zu machen.“ Dazu absolvierte Brigitte Brand das Unternehmergründungsprogramm, das sie im Februar abgeschlossen hat. Parallel dazu lässt sie sich zur diplomierten Resilienztrainerin ausbilden.

Brigitte hatte nie das Gefühl, dass ihr die geisteswissenschaftlichen Studien einen Nachteil gebracht hätten: „Wahrscheinlich liegt das aber auch daran, dass ich etwas Anderes ausgestrahlt habe“, überlegt sie. „Da hat mir mein Aufenthalt in den USA sehr geholfen, denn dort ist es egal, was man studiert hat, was zählt, ist der Uni-Abschluss. Dieses Denken habe ich mitgenommen und mich auf meinem Weg nicht beirren lassen, denn ich bin nach wie vor der Meinung, dass man mit geisteswissenschaftlichen Studien ein tolles Rüstzeug für viele Berufe hat“, ist Brigitte überzeugt.

Text: Birgit Nikzat / KUG

 

 

Karrierewege von GeisteswissenschafterInnen Vol. 7

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Tanz in die Privatwirtschaft

Klaus Höllbacher wechselte in seiner Karriere nicht nur einmal die Branche. Zunächst schien es so, als würde die Elektrotechnik seine Zukunft bestimmen. Nach der HTL in Salzburg begann Klaus Höllbacher das Studium der Elektrotechnik in Graz – doch nach Abschluss des ersten Studienabschnittes wurde ihm klar, dass seine Leidenschaft woanders liegt. So wechselte er zur Geschichte und Germanistik mit dem Gedanken: „Ich probiere es zwei Semester lang, entweder funktioniert es, oder ich gehe in die Wirtschaft.“ Nach den Übersichtsvorlesungen machte sich schnell die Faszination für diese Fachgebiete breit und als sich auch bei den Prüfungen das Erfolgserlebnis einstellte, beschloss er, die beiden Studien fortzuführen. Im 2. Studienabschnitt hörte Klaus Höllbacher zufällig einen Gastvortrag über Wissenschaftsgeschichte von einem Gastprofessor aus den USA. In diesem Vortrag ging es um die Geschichte der Atomphysik. Da schloss sich für Höllbacher der Kreis: „Ich dachte, das möchte ich auch machen, das passt genau zu meinem technischen Hintergrund. Meine Idee war es, die Entwicklung der Elektrotechnik in Österreich auszuarbeiten und ich habe schließlich darüber auch meine Diplomarbeit geschrieben.“ Er begann bei seinem damaligen Professor für Wissenschaftsgeschichte zuerst als Studienassistent, dann als Universitätsassistent zu arbeiten. „Ich habe aber leider gesehen, dass die Vorstellung meines Professors mit meinen nicht übereinstimmt. Ich war dermaßen mit administrativen Tätigkeiten eingedeckt, dass meine Dissertation auf der Strecke blieb.“ Klaus Höllbacher beendete zwar das Doktorat, beschloss aber nicht an der Universität zu bleiben und schlug einen anderen Weg ein: „Ich habe bereits während meines Studiums viel getanzt und die 3-jährige Tanzlehrerausbildung absolviert. Irgendwann dachte ich mir dann: So, jetzt reicht es! Ich mache mich mit einer eigenen Tanzschule selbständig – also weg von den Geisteswissenschaften, hin zur Privatwirtschaft.“ Der Wechsel an sich fiel ihm nicht schwer, da er bereits zuvor auf selbständiger Basis tätig war. Dennoch ist der Erklärungsbedarf bis heute groß. Oft wird er mit Fragen wie „Haben sie tanzen studiert?“ konfrontiert und muss dann erklären, dass der Doktortitel nicht vom Tanzen kommt. „Generell werde ich nicht gefragt von welcher Studienrichtung der Titel kommt. Die Leute fragen einfach nach dem Herrn Doktor. Jedoch sehe ich darin eher einen Vorteil als einen Nachteil, denn der Titel Doktor‘ heißt für viele, dass diese Person schon mehr können muss.“

Dr. Klaus Höllbacher, Quelle: www.dietanzschule.at
Dr. Klaus Höllbacher

Nachträglich gesehen hätte er sich jedoch als Geisteswissenschafter mehr „Rüstzeug“ für den Start in die Privatwirtschaft gewünscht. Er hatte zwar zusätzlich noch zwei Semester BWL studiert, doch hatte die Theorie wenig mit der Praxis zu tun: „Das war eindeutig zu wenig und nicht das was man braucht, um sich selbständig zu machen. Da würde ich mir wünschen, dass einem während des Studiums zumindest ein paar Grundkenntnisse vermittelt werden. GeisteswissenschafterInnen werden nicht auf die Wirtschaft vorbereitet, weil man gar nicht auf die Idee kommt, dass ein Geisteswissenschafter, eine GeisteswissenschafterIn, mit der Wirtschaft was zu tun hätte. Zu meiner Zeit sah der klassische Karriereweg eines Universitätsprofessors folgendermaßen aus: Volksschule, Gymnasium, Universitätsstudium, Universitätsassistent und schließlich Universitätsprofessor. Das bedeutet, dass dieser Mensch nie in der Wirtschaft gearbeitet hat. Bei den naturwissenschaftlichen Fächern sieht es dagegen anders aus. Oft wird bereits nach Abschluss der höheren technischen Schule gearbeitet, dann ein Technikstudium angehängt, um danach wieder in die Wirtschaft zu gehen. Zu guter Letzt bleiben dann viele als Professoren an der TU. So jemand hat natürlich eine ganz andere Beziehung zur Wirtschaft und auch weniger Probleme, dort für sein Institut investitionsfreudige Partner zu finden. Welcher Geisteswissenschafter, welche Geisteswissenschafterin macht das? Ich denke, dass viele Angst haben in die Wirtschaft zu gehen.“

Dabei wäre diese Angst laut Höllbacher unbegründet. Viele würden ihr Licht unter den Scheffel stellen. Er ist außerdem der Meinung, dass GeisteswissenschafterInnen mehr Know-How besitzen als sie denken. Die Stärke der Geisteswissenschaften sei die Fähigkeit zum vernetzten Denken: „Das Studium bedeutet ja nicht nur ein Sammeln von Wissen – dazu bräuchte ich nicht studieren, nur googlen – sondern das Wissen zu kombinieren, um daraus wieder neue Dinge zu erschaffen. Das ist es, was man als GeisteswissenschafterIn gut lernt und was die Wirtschaft und die Gesellschaft in Zukunft mehr brauchen wird. Da werden eher Berufe wie Rechtsanwalt in Zukunft obsolet sein. Gesetzestexte lassen sich relativ gut in Formeln fassen und diese kann ich somit sehr gut abfragen. Aber vernetztes Denken, das ist Kreativität, das ist viel schwerer von irgendeinem System nachzubauen als Strukturen. Und ehrlich gesagt ist Jus nichts anderes als Struktur. Da dürfen sich die GeisteswissenschafterInnen ruhig den Mut nehmen und sagen: ich kann das.“

Höllbacher räumt auch ein, dass sich die Gesellschaft leider oft nicht darüber bewusst ist, was ein Geisteswissenschafter, eine Geisteswissenschafterin, macht. Dabei werden so wichtige Fragen wie etwa über die Integration oder das Bildungssystem von GeisteswissenschafterInnen beantwortet. Beispielsweise erkennen HistorikerInnen, wie stark sich historische Entwicklungen auch heute noch auswirken. Viele würden das nicht verstehen, weswegen dann Fragen wie: „Warum ist diese Person hier?“ „Warum sind sie anders?“ etc. auftauchen. Viele GeisteswissenschafterInnen können, so Höllbacher, der Gesellschaft Fragen beantworten, die sie vielleicht noch gar nicht hat.

Text: Birgit Nikzat

Karrierewege von GeisteswissenschafterInnen – Vol. 6

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Ein offener Geist

Alexandra Ritter hat an der Karl-Franzens-Universität Theologie und Italienisch auf Lehramt studiert und begann 1996 am HAK-Maturalehrgang der Skihandelsschule Schladming zu unterrichten. In den darauffolgenden Jahren absolvierte sie zusätzlich die Direktorenausbildung und hatte große Pläne für die Zukunft der Schule: „Ich habe offensichtlich in meinem inneren Wesen diesen Freigeist – oder vielleicht Privatwirtschafterin – in mir. Ich wollte, dass die Skihandelsschule Schladming mindestens genauso bekannt wird wie das Skigymnasium Stams. Leider stieß ich dabei auf Widerstände bei der Lehrerschaft“ erzählt Alexandra. Da sie nicht die Möglichkeit sah ihre Pläne verwirklichen zu können, zog sie kurzerhand die Konsequenzen und verließ die Schule für immer. „Ich habe nicht gewusst, was auf mich zukommt – ich bin gegangen, ohne etwas in der Hand zu haben. Unter der Hand wurde sogar gemunkelt, dass ich es mit meinen Fächern, Theologie und Italienisch, in der Privatwirtschaft nicht schaffen würde“, erinnert sich Alexandra. Sie begann im Sommer des Jahres 2002 als Teamleiterin bei AWD Finanzdienstleistungen in Graz zu arbeiten, wechselte aber bald darauf nach Wien zur Tageszeitung „Die Presse“. „Ich werfe mich immer ins Wasser und rudere einfach“, meint Alexandra, „ich fragte damals meinen zukünftigen Vorgesetzten, was ich denn finanziell auf die Beine stellen müsste, um ein eigenes Magazin zu kreieren. Danach habe ich mich mit einem Redakteur zusammengesetzt und mich auf die Suche nach Sponsoren gemacht. Und ich habe es geschafft. Im Endeffekt habe ich bei der Tageszeitung „Die Presse“ den Österreichtourismus aufgebaut – wenn du für etwas brennst, dann machst du es einfach.“ Heute gibt es diese spezielle Seite 3 im Reiseteil nicht mehr.

Alexandra Ritter
Alexandra Ritter

Bis 2006 arbeitete Alexandra bei „Die Presse“, danach ließ sie sich von der Veranstaltungsagentur Kursalon Hübner in Wien abwerben. Als Salesmanager für Österreich und Italien war sie für die Kundenbetreuung, Vermarktung, Planung und Durchführung von Tourneen des Salonorchesters Alt Wien zuständig. Nach relativ kurzer Zeit beschloss Alexandra jedoch, sich mit einer eigenen Künstleragentur selbständig zu machen: „Ich war mit der Arbeitsethik des Kursalons Hübner nicht einverstanden und habe daraufhin eine eigene Künstleragentur, MusicArtsVienna, gegründet, um zu zeigen, dass es auch anders geht – aus keinem anderen Motiv heraus habe ich mich selbständig gemacht. Da hat mein Gerechtigkeitssinn einfach überhandgenommen.“ Um sich das fehlende Fachwissen anzueignen, absolvierte sie parallel zum Aufbau der Agentur auf der Universität für angewandte Kunst in Wien das Masterstudium „Art & Economy“. Zusätzlich arbeitete sie nebenbei bei Nespresso, um sich besser finanzieren zu können. Der Anfang war schwer: „Ich habe im Namen meiner neuen Agentur an die 200 Hotels angeschrieben – ohne Erfolg. Ich entwickelte daraufhin ein Kulturkonzept für Zell am See – eine Konzertreihe am Berg unter dem Titel ‚Hochkultur‘. Ich stellte den Zuständigen mein Konzept vor und es wurde angenommen. Wenn sie mich damals gefragt hätten, wie viele Konzerte dieser Art ich schon organisiert hatte, hätte ich sagen müssen: noch kein einziges. Aber es hat niemand gefragt. Vier Jahre lang, bis 2011, habe ich in Zell am See ‚Hochkultur‘ gemacht. Mittlerweile läuft meine Agentur sehr gut, ich vermittle die Künstler nicht nur, ich manage sie auch. An die 120 Konzerte organisiere und betreue ich im Jahr.“ resümiert Alexandra.

Alexandra Ritter hat eine abwechslungsreiche Karriere mit vielen Höhen und Tiefen hinter sich und hat sich schließlich mit ihrer eigenen Agentur verwirklicht. „Manchmal weiß man nicht, wohin der Weg führt, aber es ist wert, ihn zu gehen. Gleich dem Motto ‚Der Weg ist das Ziel‘. Ich denke, man sollte nicht zweifeln sondern es schlichtweg versuchen. Wir verhindern uns oft selbst – wir sollten unser Bewusstsein öffnen und uns die geistige Freiheit bewahren… nachdenken, forschen, rebellieren. Warum sollten wir uns etwas vorsetzen lassen? Ich würde jedem Geisteswissenschafter, jeder Geisteswissenschafterin, empfehlen selbständig zu werden, denn es entspricht unserem geisteswissenschaftlichen Denken“ ist Alexandra überzeugt.

Text: Birgit Nikzat