Philosophie

Karrierewege von GeisteswissenschaftlerInnen – Vol. 16

Gepostet am Aktualisiert am

Von Vorbildern lernen

Laut Christian Ehetreiber leben wir in einer vorbildlosen Zeit. Dabei ist das Festhalten an Vorbildern längst nicht so altmodisch wie es vielleicht klingt, denn Lernen vom erfolgreichen Modell ist Gold wert, so der Germanist und Pädagoge. Christian Ehetreiber studierte Germanistik sowie Philosophie, Pädagogik und Psychologie für Lehramt. Als er 1982 nach Graz fuhr, um sich an der Karl-Franzens-Universität zu inskribieren, war klar, dass es Germanistik sein sollte: „Mein großer Lehrmeister war Dr. Robert Hinteregger, mein Klassenvorstand am Gymnasium und späterer Landesschulinspektor. Sein Unterricht war so legendär lässig, dass ich bereits damals gewusst habe, dass ich Germanistik studieren möchte. Für das zweite Fach, zunächst Sport, habe ich mich sehr kurzfristig entschieden – zehn Minuten vor der Inskription“, lacht Ehetreiber. Nach vier Semestern Sportwissenschaften wechselte er dann jedoch zu Philosophie, Pädagogik und Psychologie. „Das passte schließlich besser, dort konnte man die humboldtsche Freiheit der Universität noch spüren“, schmunzelt der Germanist.

Fotocredit: ARGE Jugend gegen Gewalt und Rassismus
Fotocredit: ARGE Jugend gegen Gewalt und Rassismus

Obwohl die Aussichten auf eine Stelle als Lehrer schlecht waren, entschied sich Ehetreiber für das Lehramtsstudium. „Das war eine stählerne, rostige Zeit für LehramtsabsolventInnen. Bereits Ende der 70er Jahre war bekannt, dass eine Lehrerschwemme kommen wird. Dementsprechend haben alle davon abgeraten, Lehramt zu studieren. Ich war mir aber sicher, dass ich nicht warten werde, sondern dass sich etwas für mich ergeben werde“, erinnert sich Ehetreiber. Warum er sich überhaupt für den Beruf Lehrer entschied, kann der Pädagoge schnell beantworten: „Das war bei mir klassisch – ich dachte, ich kann das sicher besser als einige meiner Lehrer. Ich wollte einen humanistischen Unterricht, ohne jemanden zu tyrannisieren. In meiner Schulzeit gab es ja noch eine Kommando- und Herrschaftssprache á la ‚Maierhofer, was ist mit du‘. Das wollte ich ändern. Außerdem gefällt es mir, anderen etwas beizubringen.“
Nach seinem Studienabschluss im Jahr 1991 bekam er zwar keine Stelle als Lehrer, wurde aber von seiner ehemaligen Studienkollegin Reis-Klingspiegl gefragt, ob er nicht das Gesundheits- und Präventionsprojekt „Gesunde Volksschule“ leiten möchte. Ehetreiber sagte zu und war ein Jahr lang dafür zuständig, Kindern eine erweiterte schulärztliche und orthopädische Untersuchung, ein gesunde Jause sowie eine Kariesprophylaxe zukommen zu lassen. Zeitgleich arbeitete er ehrenamtlich am Franz-Nabl-Institut für Literaturforschung. Ehetreiber hatte eine Einladung zur Mitarbeit für die Einreichung des FWF-Projekts „Die internationale Rezeption der Grazer Gruppe“ erhalten. „Das war genau das meine“, erzählt Ehetreiber, „ich habe gemerkt, dass meine ganze Energie dorthin fließt. Als das Projekt angenommen wurde, bin ich sofort eingestiegen. Zwei Jahre lang habe ich dort mit großer Freude gearbeitet, der Verlängerungsantrag wurde aber leider abgelehnt.“

Wenig später kontaktierte ihn die damalige Vorstandsvorsitzende von ISOP, Ingrid Kohlberger, und machte ihm ein Jobangebot. „Ja, das war interessant“, erinnert sich Ehetreiber, „ich hatte damals, als junger Unterrichtspraktikumsvertreter, den Landesschulratspräsidenten Bernd Schilcher recht kritisch befragt und Frau Kohlberger, die auch anwesend war, dachte sich anscheinend, dass sie so einen wie mich in der ISOP gut brauchen könnten.“ Ehetreiber nahm das Angebot folglich an und war von 1993 bis 1998 Bildungsreferent in der ISOP. Sein Tätigkeitsbereich umfasste die interne Schulung von KollegInnen, die Ausrichtung der Bildungsreihe im Bereich des interkulturellen Lernens, interkulturelle Pädagogik sowie Anti-Rassismus-Forschung. Zusätzlich betreute er die, wie es seinerzeit hieß, Ausländerberatungsstelle Mürzzuschlag. Zwar kam inzwischen wieder ein Angebot vom Franz-Nabl-Institut für Literaturforschung, doch Ehetreiber lehnte ab: „Der Fortsetzungsantrag des FWF-Projektes wurde schließlich doch angenommen, aber ich habe mich trotzdem für die ISOP entschieden. Inzwischen war nämlich meine erste Tochter geboren worden – da wollte ich finanziell abgesichert sein“, resümiert Ehetreiber.

Neben seiner Haupttätigkeit wurde er immer wieder um Beratungen in Zusammenhang mit Projektmanagement und Marketing gefragt, weswegen er sich 1997 zusätzlich noch den Gewerbeschein holte. Seitdem ist er selbständiger Berater für Marketing und Projektmanagement, wobei er sich mittlerweile auf ausgewählte Stammkunden konzentriert. Bereits ein Jahr später, 1998, erhielt Ehetreiber das nächste Jobangebot: „Peter Scheibengraf, der vormalige Geschäftsführer der ARGE Jugend gegen Gewalt und Rassismus, fragte mich, ob ich nicht die Geschäftsführung übernehmen wolle. Als ISOP Bildungsreferent hatte ich schon damals gemeinsam mit der ARGE Jugend Projekte durchgeführt. Ich sagte zu, und wir begannen, die Übergabe vorzubereiten. Im Jänner 1999 habe ich dann offiziell die Geschäftsführung übernommen“, so Ehetreiber und fügt hinzu: „Die ARGE Jugend gegen Gewalt und Rassismus ist eine überparteiliche Fachstelle für Gewaltprävention, Menschenrechtsbildung und Antidiskriminierungsarbeit und bietet unter anderem Beratung und Workshops zu den Themen der Menschenrechtsbildung, Demokratiebildung, Gewaltprävention, Förderung von soziokultureller Vielfalt, und vieles mehr.“ Bereits seit der Gründung der ARGE Jugend wird zudem besonderer Augenmerk auf die zeitgeschichtliche Erinnerungs- und Gedenkarbeit gelegt. Bei mehr als 30 verschiedenen Gedenkvorhaben in der Steiermark hat die ARGE Jugend in verschiedenen Rollen mitgewirkt, bis hin zu Buchpublikationen zu diesem Thema.

Und was sagt Ehetreiber zur Perspektivenlosigkeit vieler GEWI-Absolventen? „Ich denke, die meisten GEWI-AbsolventInnen scheitern nicht an der Fachlichkeit, sondern am mentalen Mindset. In den Beratungen die ich durchführe, höre ich immer wieder den Satz ‚Ich kann ja nichts‘. Woher kommt das? Im Studium wird oft von Anfang an vermittelt – und das werfe ich der GEWI vor – dass man als GEWI-Absolvent nicht gefragt sei, dass man das Erlernte nicht verwerten könne, dass diese Studien ja nur etwas Schöngeistiges für den Elfenbeinturm wären etc. Das sickert dann in diese mentalen Modelle ein und verdichtet sich zu ganz festen Glaubenssätzen. Ich kenne aber viele GEWIs, die etwas aus ihrem Studium gemacht haben. Aber das hat auch oft mit einem Selbstorganisationsvermögen und der Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen, zu tun. Arbeit bekommt man mit Einsatz, Engagement und mit Aufzeigen. Ich möchte aber jedem auf den Weg geben, dass er sein Studium, egal welche Richtung, mit äußerstem Einsatz führt. Und damit meine ich nicht in Mindeststudiendauer, sondern dass die Studierenden die Fächer, die sie mögen, mit einem hohen Impetus absolvieren. Auch sollten sich GEWI-Studierende nicht von den Begriffen Vermarktung und Marketing abschrecken lassen. Jede Chance sollte genutzt werden, auch im erweiterten Umfeld, um sie als großes Lern- und Erfahrungsbiotop zu verwenden.“

Text: Birgit Nikzat / KUG

Karrierewege von GeisteswissenschafterInnen Vol. 9

Gepostet am

Philosophisch praktischer Brückenbau

Der Jurist und Philosoph Harald Friedl blickt auf eine ereignisreiche berufliche Laufbahn zurück. Rückblickend würde er sich als nonkonformistisch beschreiben – als jemanden, der sich durch überkommene Strukturen herausgefordert fühlte. Er begann in Graz Rechtswissenschaften zu studieren, merkte aber schnell, dass ihm das noch nicht genügte: „Zum einen hatte ich einen Hang zur Gerechtigkeit und hing damals noch der Illusion an, mit Jus könne man dazu beitragen. Zum anderen stellte ich fest, dass meine eigentlichen Fragen durch die Rechtswissenschaften nicht beantwortet werden konnten. Auch das Philosophie-Studium lieferte mir letztlich keine Antworten auf meine wichtigen Fragen, doch habe ich dort gelernt zu suchen und zu forschen, nachzubohren und zu analysieren. Damals hatte ich zudem noch die schöne Freiheit mittels Fächerbündel alles zu studieren, was mir irgendwie interessant erschien, Soziologie, Psychologie, Politologie – im Prinzip habe ich überall dort hineingeschnuppert, was mir seltsam erschien, weshalb ich mehr darüber erfahren wollte.“ Bereits während des Studiums begann Harald Friedl als Journalist und Reiseleiter zu arbeiten. Das hatte damit zu tun, dass er bereits mit 21 Jahren, im Jahr 1989, in die Sahara gereist war: „Ich hatte damals das drängende Gefühl aus- und aufbrechen zu müssen. Ich brauchte diese Reise um mich aus meinem ‚Milchbuben-Dasein’ zu befreien und mich weiterzuentwickeln. Das war für mich eine nachhaltig prägende Erfahrung – vor allem die Begegnung mit ‚exotischen‘ Kulturen, ja überhaupt die Begegnung mit dem ‚Fremden’, die ja immer auch eine Begegnung mit sich selbst ist.“ So wurde Harald Friedl 1991 zunächst Reiseleiter, um „mehr“ von der Fremde zu bekommen.

Prof. (FH) Mag. Mag. Dr. Harald Friedl in der Sahara – die „Magie der Wüste“

Mit der Zeit wurde ihm der Aufklärungsaspekt immer wichtiger, weshalb er sich zunehmend in entwicklungspolitische Zusammenhänge vertiefte. Er begann für mehrere Magazine, darunter Südwind, und auch für Zeitungen wie den Standard zu schreiben. Unter Christian Brünner arbeitete Harald Friedl dann auch als Presserechtsexperte beim Liberalen Forum. „Ende der 90er-Jahre nahte dann der zweite Studienabschluss. Für mich lag es nahe, etwas mit Tourismus zu machen. Ich hatte mir damals die Frage gestellt, welche negativen Auswirkungen der Tourismus mit sich bringt, und inwieweit man zu reisen überhaupt vertreten könne. Damals hatte ich Vorlesungen von Dr. Andreas Obrecht zum Thema Globalisierungstheorie besucht. Er motivierte mich, für ein halbes Jahr nach Afrika zu gehen um empirisch zu forschen. Also lebte ich 1999-2000 für ein halbes Jahr bei den Tuareg im Norden der Republik Niger und forschte über die dortigen Folgen des Tourismus. Dabei entwickelte ich weitreichende neue Theorien über Tourismusethik. Aus meiner umfangreichen Diplomarbeit entstanden dann auch zwei Buchpublikationen, ‚Tourismusethik‘ und ‚Respektvoll Reisen‘.“

Auf Basis dieser neuen Erkenntnisse entwickelte Harald Friedl in Kooperation mit Kneissl Touristik und Hauser Exkursionen möglichst umwelt- und sozialverträgliche Touren. Parallel dazu konnte er seine Forschungen fortführen, da er zu dieser Zeit an seiner Dissertation schrieb und weiterhin als Journalist arbeitete. Von einer Kollegin erfuhr er wenig später von einem neuen Studiengang an der FH Joanneum in Bad Gleichenberg, ‚Gesundheitsmanagement im Tourismus‘: „Meine Kollegin sagte mir, es gäbe niemanden, der Ethik im Tourismus anbieten könne, und ich dachte mir, doch, es gibt jemanden: mich. Also habe ich mich bei der Studiengangsleiterin gemeldet und mir wurde gleich ein kompletter Lehrstuhl für Tourismuswissenschaften angeboten.“ Seit 2004 unterrichtet Harald Friedl nun Tourismusethik, Nachhaltigkeit im Tourismus und touristische Produktentwicklung im Naturtourismus. Nachdem der Studiengang noch jung war, hatte er die Möglichkeit zur Mitgestaltung. „Parallel dazu habe ich bis 2012 noch Touren geführt, das war eine schöne Wechselwirkung. Währenddessen hat sich aber in der Sahara, meinem ‚Spezial-Reiseziel‘, durch Rückkoppelungen auf Globalisierungsprozesse sehr viel verändert – der sogenannte Krieg gegen den Terrorismus, der zunehmende Staatenzerfall, die Zerstörung Libyens, etc. De facto wurden diese Gebiete von der touristischen Landkarte radiert. Deswegen pausiere ich derzeit als Reiseleiter, bin aber schon wieder im Aufbau mit Kooperationen, zurzeit mit Weltweitwandern. Was ich mittlerweile mache, ist eine Art philosophischer Brückenbau zwischen konkretem Tourismus und seiner Metaebene, indem ich analysiere, welche Konsequenzen Tourismus mit sich bringt. Da dient mir meine philosophische Ausbildung in hohem Maße. Das systemisch analysierende, verstehende Denken ist hier sehr hilfreich um Zusammenhänge zu erfassen und Missverständnisse aufzuklären. Ein klassischer Touristiker, der nur Techniken zur Optimierung seines Systems gelernt hat, kann das nicht.“

Harald Friedl erklärt, dass Tourismus, im Gegensatz zu nichtorganisiertem Reisen, die Ausdehnung des Wohnzimmers bedeutet, während man als Reisender die eigenen vertrauten Systemgrenzen überschreitet um bislang Fremdes bewältigbar zu machen und es dadurch ins eigene System zu integrieren. Tourismus setzt notwendigerweise kolonialistische Rahmenbedingungen voraus, denn Tourismus konnte nur dort beginnen, wo die notwendigen Bedingungen des organisierten Reisens, wie Infrastruktur, Friede, Wohlverhalten infolge von Unterwerfung des Andersartigen herrschten. Ein Tourist möchte kein Risiko eingehen. Es fehlt ihm das Wissen über die zu bereisende Kultur und die nötige Sozialkompetenz. Diese fehlenden Kompetenzen werden durch den Kauf eines organisierten Tourismusprodukts kompensiert. Dadurch kann er gefahrenlos unterwegs sein. Dafür ist aber innerhalb dieses organisierten Rahmens eine authentische Begegnung nicht möglich, es sei denn, der Tourist überschreitet die Grenzen des Organisierten und lässt sich auf Unvorhersehbares ein. Jenseits der Authentizität aber herrscht laut Harald Friedl die Unterwerfung einer fremden und darum zu beherrschenden Kultur. Dem gegenüber zeichnet sich nachhaltige Tourismusentwicklung durch partizipative, bedürfnisorientierte Integration von „Bereisten“ aus. Es geht um eine langfristige Balance zwischen Ressourcen und Bedürfnissen der Beteiligten anstelle von maximaler Gewinnorientierung.

Harald Friedl mit einem Tuareg im Dorf Timia, Niger

Harald Friedl sieht die Schlüsselfähigkeit von GeisteswissenschafterInnen in der Fähigkeit, Brücken zwischen verschiedenen Denksystemen herzustellen, in der Stärke, auf Metaebenen zu denken, vorhandene Ideen zu nutzen, um sie zu transformieren und zu transportieren, um dadurch neue hilfreiche Konzepte zu entwickeln. All das leistet einen wertvollen Beitrag um neue, konkrete Probleme zu lösen. Deswegen ist Harald Friedl zusätzlich im Bereich Förderung und Entwicklung von Unternehmenskulturen tätig: „Was ist denn Kultur überhaupt? Ich kann Kultur ja nur beeinflussen, wenn ich ein Verständnis, ein Konzept davon habe. So war es für mich als Philosoph und Touristiker anfangs in diesem Studiengang „Gesundheitsmanagement im Tourismus“ etwas schwer, laut über Gesundheit nachzudenken, weil wir – aufgrund unserer jeweiligen Ausbildungskultur – gewohnt waren innerhalb unserer Disziplinen zu verharren. Das hat uns alle betroffen und hat uns anfangs die Arbeit erschwert. Mit der Zeit haben wir jedoch gelernt eine inter- und transdisziplinäre Kultur zu entwickeln, indem wir über die Grenzen schauten und wie Reisende uns Schritt für Schritt auf die uns fremde Disziplinen einließen. Und darin liegt die Stärke der Kultur unseres Studienganges, dass wir über einander nachdenken, dadurch die anderen Disziplinen immer mehr verstehen und uns immer besser verknüpfen können.

Was in der universitären Ausbildung laut Harald Friedl fehlt, ist die Ermutigung zu eigenem experimentierendem Forschen, zu schlichtem ‚trial and error‘: „Und das ist ja auf gut Deutsch unternehmerisches Denken“, erläutert er. „Das erklärt für mich auch, warum so viele GeisteswissenschafterInnen eher die Uni als ihr Wirkungsfeld betrachten. Denn eines ist klar: Man muss die Sprache des ‚Feldes‘, der Wirtschaft und der Menschen da draußen, lernen und die bisherige eigene Form der Auseinandersetzung mit dem Feld überdenken. Das war für mich anfangs ein sehr schmerzhafter, lernintensiver Prozess. Ich war früher eher ein Außenseiter, als der ich zwar wahnsinnig viel wusste, doch hatte ich es nicht geschafft dieses Wissen hilfreich rüberzubringen. Dann habe ich angefangen darüber nachzudenken, wie es auf andere wirkt, wenn ich bestimmte Dinge sage. Und das ist ja eigentlich ‚Sprachenlernen’. Aber diesen Prozess der Selbstbeobachtung und Selbstreflexion lernt man nur im Feld, nicht aber, wenn ich immer nur am selben Institut mit denselben Leuten zusammenarbeite. Das wäre ja gleichsam ‚geistiger Inzest‘. Deswegen denke ich, dass Erasmus-Programme einen unheimlich wichtigen Beitrag liefern, um als Geisteswissenschaftler den eigenen Horizont zu überschreiten, neue Sprachen zu erlernen. Ich war 1994 einer der ersten Philosophie-Studenten, die einen Erasmus-Aufenthalt absolviert hatten. Ich konnte mein halbes Jahr in Caen, Frankreich, auch sofort verlängern, denn in meiner Studienrichtung gab es fast niemanden, der dieses Programm nutzen wollte. Die wahrscheinlich damalige Einstellung meiner KollegInnen war wohl: Warum in die Welt hinausgehen, wenn ich alles in Büchern finde. Der springende Punkt ist aber: Ich muss mich herauswagen, die Dinge angreifen, die ich nicht kenne oder die mir gar Angst machen, um mit der Welt da draußen vertraut zu werden. Genau darum habe ich mich in so vielen Kulturen bewegt – ob in jenen von Ländern, Berufen oder Wissenschaftsdisziplinen.“

Abseits der FH arbeite Harald Friedl zusätzlich als interkultureller Trainer und Konsulent, unter anderem für die Friedenstruppen des Österreichischen Bundesheeres sowie für die bundesdeutsche Marine. Außerdem unterrichtet er Themen wie Konfliktmanagement und „Partnersuche im Internet“ im Bereich der Erwachsenenbildung.

Die große Herausforderung für junge Menschen sieht Harald Friedl heutzutage darin, Entscheidungen zu treffen und wichtige Fragen, oder besser gesagt, Grenzfragen zu stellen. Etwa die Frage, wie Geisteswissenschaften wertschöpfend praktiziert werden können ohne gleichzeitig von einer rein gewinnmaximierenden Kultur ausgebeutet zu werden oder sich ihr völlig zu unterwerfen. Um sich solche Fragen stellen zu können muss man jedoch in beiden Feldern stehen und Mut beweisen: „Wenn ich den Mut dazu nicht aufbringe, bleibt mir nichts Anderes übrig, als ewig Bücherstaub zu schlucken“, schmunzelt Harald Friedl.

Text: Birgit Nikzat

Herausforderung: Wissenstransfer in den Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften

Gepostet am Aktualisiert am

Während bei den Technischen Wissenschaften und den Wirtschaftswissenschaften Patente, Erfindungen und Unternehmensausgründungen als klassische Ergebnisse von Wissenstransfer gelten, ist die Definition für die Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften schwieriger. Das Wissenstransferzentrum Süd hat daher ein Projekt ins Leben gerufen, das sich darum bemüht, den Wissenstransfer in diesen Fächern genauer zu spezifizieren. Das Projekt ist am Institut für Philosophie an der Alpen-Adria-Universität angesiedelt. Projektleiterin ist Alice Pechriggl, wissenschaftliche Projektmitarbeiter sind Daniel Wutti und Markus Hayden.

18 Interviews hat Daniel Wutti mit Forscherinnen und Forschern der Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften geführt, um einer Definition von Wissenstransfer in diesen Fächern nachzuspüren. Gleichzeitig ging es ihm auch darum zu eruieren, warum die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sich um Wissenstransfer bemühen, welche Erfolge sie dabei verzeichnen und welche Hemmnisse sie erleben. Die Definition lässt sich laut ihm wie folgt zusammenfassen: „Wissenstransfer in den Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften ist Vermittlung von wissenschaftlichen Erkenntnissen in die Öffentlichkeit bzw. die Praxis und auch wieder zurück, unter Anderem zum Zwecke der Bewusstseinsherstellung.“ Zu betonen sei dabei, dass Wissenstransfer in diesen Fächern keine primär ökonomische Zielsetzung habe und sich vom Begriff des Wissenstransfers in technischen oder wirtschaftlichen Bereichen sowie ebenso vom Transfer von Wissen innerhalb der Scientific Community abgrenze.

Wutti führt weiter aus: „Ein bedeutender Teilbereich betrifft die Wissenschaftskommunikation, etwa die Kooperation mit Medien.“ Als Beispiele für ihre Arbeit in Sachen Wissenstransfer nannten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die „Lange Nacht der Forschung“, die „UNI für Kinder“, aber auch andere Veranstaltungsformate, die an die Öffentlichkeit gerichtet sind. Viele Forscherinnen und Forscher seien demnach im engen Kontakt mit Medien und würden eigene Aktivitäten setzen. Ein wichtiger Teilbereich sei die so genannte „Science-to-Professionals“-Arbeit: Wissenschaftliche Erkenntnisse werden direkt an die betroffene Berufsgruppe vermittelt, oft wird sogar in enger Partnerschaft mit den ProfessionalistInnen geforscht. Beispielsweise ist dies bei der Didaktikforschung der Fall, wenn Wissenstransfer an Lehrerinnen und Lehrer stattfindet. „Auch die universitäre Lehre verstehen viele als Wissenstransfer, werden doch oft alltagsrelevante bzw. gesellschaftlich relevante Themen in der Lehre behandelt oder Lehrveranstaltungen mit konkretem Praxisbezug angeboten“, so Wutti.

Viele Geistes-, Sozial- und KulturwissenschaftlerInnen, so zeigen die Ergebnisse von Wutti und Hayden, würden diese Arbeit im Bereich des Wissenstransfers als persönliche Pflicht begreifen, da es gelte, die Gesellschaft über die Forschungsarbeit zu informieren und auch zur Verbesserung gesellschaftlicher Verhältnisse beizutragen. Die Ansprache eines über die Scientific Community hinaus erweiterten Publikums erleben viele als lohnend, aber auch die Erlangung von Reputation, die Aufbesserung des eigenen Lebenslaufs oder finanzielle Interessen könnten hinter dem Engagement in Sachen Wissenstransfer stehen.

Wutti und Hayden wollen im zweiten Projektjahr nun verstärkt an Visionen und Vorschlägen arbeiten, wie Wissenstransfer zu größerer Würdigung, Wahrnehmung und Unterstützung kommen könnte. „Es geht darum, Wissenstransfer in den Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften sicht- und darstellbar zu machen.“ Dabei müsse über die Grenzen von klassischer „Wissenschaftskommunikation“ hinaus gedacht werden. Wissenstransfer könnte demnach beispielsweise auch bei klassischen Science-to-Science-Projekten mitgedacht und in der Folge auch gewürdigt werden.

Quelle: https://www.aau.at/blog/wissen-in-die-gesellschaft-transferieren-die-aau-im-wissenstransferzentrum-sued/