WTZ Süd

Der Begriff „Wissenstransfer“ im Fokus

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Im Rahmen des Wissenstransferzentrum Süd (WTZ-Süd) wurde an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt (AAU) eine Erhebung zum Thema Wissenstransfer durchgeführt. Der Wirtschaftsgeist-Blog verfolgt die Entwicklung der Studie von Beginn an und hat in der Vergangenheit („Herausforderung: Wissenstransfer GSK“ und „Wissenstransfer – Quo Vadis?“) bereits darüber berichtet. Mag. Markus Hayden von der Alpen-Adria Universität Klagenfurt hat im Wirtschaftsgeist-Interview weitere interessante Ergebnisse zur nun österreichweiten Studie vorgelegt.

Markus Hayden / Alpen Adria Universität Klagenfurt / © Fotocredit Walter Elsner riccio.at /AAU
Markus Hayden / Alpen Adria Universität Klagenfurt / © Fotocredit Walter Elsner riccio.at /AAU

Im Rahmen des WTZ-Süd wurde an der AAU eine österreichweite Erhebung zum Thema Wissenstransfer durchgeführt. Können Sie nochmals kurz darstellen worum es dabei ging?

Die Erhebung ist die Fortführung einer qualitativen Pilotstudie, die wir bereits im ersten Projektjahr durchgeführt haben. Wir haben mit dem aktuellen Fragebogen mehrere Ziele verfolgt: Einerseits haben wir erhoben, was Forscherinnen und Forscher überhaupt unter dem Begriff verstehen und welche Teilaspekte sie mit dem Thema Wissenstransfer verbinden. Darüber hinaus haben wir gefragt, welche Gründe es gibt, Wissenstransfer zu betreiben, bzw. welche Faktoren ein stärkeres Engagement im Bereich Wissenstransfer ver- oder behindern. Der größte Teil der Erhebung hat sich schließlich mit der Wahrnehmung und Bewertung von Wissenstransfer befasst – sowohl subjektiv aus Sicht des_der Forscher_in, als auch innerhalb der Gesellschaft und der Scientific Community.

Wer hat an der Erhebung teilgenommen?

Die Erhebung richtete sich an Forscher_innen aller Karrierestufen, die zum Zeitpunkt der Erhebung an einer österreichischen Universität beschäftigt waren. Einladungen zur Teilnahme wurden an alle WTZ-Universitäten versendet. Dabei sind wir schrittweise vorgegangen: zuerst haben wir Daten an der AAU und an der Karl-Franzens-Universität erhoben. Im nächsten Schritt haben wir uns an die anderen Universitäten des WTZ-Süd gewandt, also an die Montanuniversität Leoben, die Universität für Musik und darstellende Kunst Graz, an die technische sowie an die medizinische Universität Graz. Nach Abschluss der zweiten Phase haben wir eine Zwischenevaluation vorgenommen und den Fragebogen geringfügig adaptiert. Danach wurde dieser an die restlichen Universitäten der Wissenstransferzentren ausgesendet.

Letztendlich haben 285 Forscher_innen von 18 Universitäten an der Erhebung teilgenommen. Der Ausbildungsstand innerhalb des Samples war sehr hoch, da gut dreiviertel aller Befragten promoviert oder habilitiert sind. Entsprechend ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass rund 40% der Teilnehmer_innen ihre aktuelle Position als ordentliche-, außerordentliche- oder assoziierte Professuren beschreiben. Was die wissenschaftlichen Disziplinen der Befragten anbelangt, so sind mehr als die Hälfte von ihnen den Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften (GSK) zuzuordnen. Der Rest teilt sich auf Naturwissenschaften, technische und Ingenieurswissenschaften, medizinische Wissenschaften, Wirtschafts- und Rechtswissenschaften, Umweltwissenschaften sowie sonstige auf.

Wieso fragen Sie, was man unter dem Begriff versteht? Liegt das nicht auf der Hand?

Nein, das tut es bei weitem nicht. Wissenstransfer ist ein sehr großes Feld, das vieles sowohl beinhalten als auch exkludieren kann. Manch eine_r mag das Verfassen von Fachartikeln als Wissenstransfer einordnen, für eine andere Person ist Wissenstransfer ausschließlich auf die Vermittlung von Wissen aus der Universität heraus, hin zu einem nichtwissenschaftlichen Publikum beschränkt. Ein_e Dritte_r versteht darunter vielleicht die Zusammenarbeit mit Personen aus der Praxis oder der Politik. Für uns war es wichtig, einmal darzulegen, was Wissenschaftler_innen eigentlich darunter verstehen. Im weiteren Verlauf werden wir uns auch anschauen, ob es einen Unterschied zwischen den Disziplinen gibt, sprich ob unter Wissenstransfer in verschiedenen Disziplinen auch etwas Anderes verstanden wird.

Gibt es hier schon vorläufige Ergebnisse?

Wir sind noch mit der Auswertung der Daten beschäftigt, aber erste, vorsichtige Interpretationen deuten darauf hin, dass in den GSK-Wissenschaften das Verständnis doch anders gefasst ist, als beispielsweise in den naturwissenschaftlichen und technischen Fächern. Wissenschaftler_innen der ersten Kategorie nennen häufiger den Wissensfluss sowie die Kooperation mit Praktiker_innen und der Gesellschaft, wohingegen speziell Techniker_innen häufiger Wirtschaftspartnerschaften und Industriekontakte benennen.

Wie sieht es mit den Teilkomponenten des Themas Wissenstransfer aus? Welche Leistungen werden als Wissenstransferleistungen benannt?

Das ist ein sehr interessanter Punkt. Ganz besonders häufig wurden Wissenschaftskommunikation und Öffentlichkeitsarbeit (>90% Zustimmung) sowie Vorträge und Tagungen außerhalb der Scientific Community (>80% Zustimmung) erwähnt. Auch universitäre Lehre, Fortbildungen für die Praxis sowie Kooperationen mit außeruniversitären (Forschungs-)Einrichtungen wurden häufig genannt. Die „klassischen“ Kennzahlen (Patente, Spin-Offs, Auftragsforschung) wurden hingegen deutlich seltener ausgewählt.

Sie haben nach Motivatoren und Hindernissen gefragt. Was geben die Befragten hier an?

Über drei Viertel der Befragten sagen, dass es die persönliche Motivation ist, die sie antreibt. Zudem geben zwei Drittel an, dass sie durch gesellschaftliche Aspekte motiviert werden. Die Verbesserung des Ansehens von Universität/Fakultät/Institut/Forschungsgruppe, die Information der Öffentlichkeit über eigene Forschungsleistungen bzw. –Ergebnisse sowie der Wunsch, Wissen auch anwendbar zu machen, wirken jeweils für die Hälfte der Wissenschaftler_innen motivierend. Finanzielle Interessen, wie etwa durch Projektförderungen oder Subventionen, sowie die Vermarktung von Wissen in Form von Patenten oder ähnlichem, sind unseren Ergebnissen zufolge nur für einen sehr kleinen Kreis interessant.

Mit dem Wirtschaftsgeist-Blog möchten wir eine Schnittstelle zwischen Wirtschaft und den Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften darstellen. Welche Kooperationen bzw. Strategien gibt es hier?

Unseren Ergebnissen zufolge sind die Wissenstransferleistungen in diesem Bereich recht vielfältig, aber in der Regel dennoch anders als beispielsweise in den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik). GSK-Wissenschaftler_innen arbeiten eher direkt mit den Expert_innen im jeweiligen Feld zusammen, als mit Firmen oder Konzernen. Sie veranstalten Workshops zu spezifischen praxisrelevanten Fragestellungen, halten Vorträge oder bieten Fort- bzw. Weiterbildungen an. Auch das Verfassen Lehrbüchern oder die Erarbeitung von Praxisleitfäden sollte hier nicht unterschätzt werden. Für viele GSK-Wissenschaftler_innen ist es ein wichtiges Ziel, Forschung zu betreiben, die den Expert_innen in ihrer beruflichen Praxis weiterhilft. In diesem Zusammenhang wird häufig erwähnt, dass durch die Zusammenarbeit auch Wissen und Erfahrungen von den Expert_innen zurück an die Universität fließt, was im weiteren Verlauf wiederum zu neuen Forschungsansätzen führen kann.

Kommen wir zur Frage der Wahrnehmung. Wie bewerten die Befragten das Thema?

Für die Forscher_innen hat das Thema Wissenstransfer einen hohen Stellenwert. Sie sehen es als einen essenziellen Bestandteil der wissenschaftlichen Arbeit an, der im Großen und Ganzen zwei Aufgaben erfüllt. Einerseits geht es um die Schnittstelle zwischen der Wissenschaft im Allgemeinen bzw. den Universitäten im Speziellen auf der einen Seite und der breiten Öffentlichkeit auf der anderen Seite. Die Befragten geben beispielsweise an, dass das öffentliche Interesse bedient werden sollte und Universitäten einen wichtigen Beitrag zur Bewusstseinsbildung leisten. Zudem wird immer wieder erwähnt, dass Wissenstransfer auch in Bezug auf die Rechtfertigung von Steuergeldern wichtig ist.

Der zweite Bereich, der hervorgehoben wurde, ist die Vernetzung von Theorie und Praxis. Abgesehen von der Tatsache, dass durch Wissenstransfer Anwendungsfelder für theoretisches Wissen geschaffen bzw. erschlossen werden können, bewertet es ein Großteil der Befragten als sehr positiv, Forschung mit dem Ziel der Verbesserung der Praxis zu betreiben. Darüber hinaus kommen durch die Kooperationen auch wichtige Informationen und Praxiswissen zurück an die Universitäten.

Laut den Teilnehmer_innen unserer Studie wird Wissenstransfer sowohl von den verschiedenen praktischen Feldern, als auch von der Wirtschaft allgemein als positiv bewertet. Auch die breite Öffentlichkeit sei diesem Thema gegenüber sehr positiv eingestellt. Andererseits merken die Befragten an, dass Wissenstransfer für die Karriere nicht besonders förderlich ist und innerhalb der Scientific Community nicht wirklich wertgeschätzt wird.

Ein weiterer Punkt ist die Darstellung von Wissenstransferleistungen: bis vor kurzem wurden hauptsächlich Patente und Spin-Offs als Kennzahlen für Wissenstransferleistungen herangezogen. Das wurde von den Befragten durchaus kritisiert. Inzwischen gibt es aber schon einige Bestrebungen, die hier ansetzen. So wurden zum Beispiel an einigen Universitäten schon Kennzahlen für Publikationen und Vorträge mit Fokus auf außeruniversitäres Publikum, wie etwa Praktiker_innen oder Laien, eingeführt. Im Rahmen des WTZ-Süd arbeiten wir zurzeit überdies an einem erweiterten Kennzahlenkatalog, der noch einige weitere Punkte beinhalten soll.

Welche Schritte stehen nun als nächstes an?

Zuerst müssen wir die Daten fertig auswerten, was noch einige Zeit in Anspruch nehmen wird. Speziell die qualitativen Items benötigen dabei recht viel Ausdauer unsererseits. Danach werden wir die Ergebnisse bei Kongressen und Forschungsupdates vorstellen und diskutieren. Außerdem ist es uns überaus wichtig, dass die Ergebnisse auch veröffentlicht werden. Hier wird von unserer Seite aus grundsätzlich eine open-access-Strategie verfolgt.

Vielen Dank für das Gespräch!

Seminar zu Schutzrechten und Verwertungsmöglichkeiten

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Ein Weiterbildungs-Tipp des Wissenstransferzentrum Süd (WTZ Süd) – auch für Geistes-, Sozial und KulturwissenschafterInnen interessant:

Das WTZ Süd bietet über UNI for LIFE das Seminar „Schützen und verwerten Sie Ihre wissenschaftlichen Ergebnisse – eine Übersicht über Schutzrechte und Verwertungsmöglichkeiten“ an, das Sie bei der Beantwortung folgender Fragestellungen unterstützt:

• Grundlagen zu geistigem Eigentum und gewerblichen Schutzrechten
• Wie schütze ich naturwissenschaftlich oder technisch orientierte Forschungsergebnisse (Erfindungen)?
• Wie schütze ich andere Forschungsergebnisse wie Ideen, Know-How, Software und Ergebnisse der Literatur und Kunst?
• Warum können Patente auch für Universitäten sinnvolle Werkzeuge sein und wie werden diese angewendet?
• Wie wird geistiges Eigentum an den Universitäten verwertet und welche Möglichkeiten zur Weiterentwicklung gibt es?
• Wie gestalte ich die Regelungen zu geistigem Eigentum in meinen Forschungsprojekten?

WER?
• ForscherInnen der Universität Graz
• DiplomandInnen
• DissertantInnen aller Fachbereiche

WANN & WO?
Datum und Zeit: Donnerstag, 12. Januar 2017, 9:00 Uhr bis 17:00 Uhr
Ort: Technische Universität Graz, Institut für Betriebswirtschaftslehre und Betriebssoziologie, Kopernikusgasse 24/2. Stock, Raum SR2 NT 02100

Klicken Sie hier für weitere Informationen und Anmeldung!

Wissenstransfer – QUO VADIS?

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Was bedeutet der Begriff „Wissenstransfer“ überhaupt – und wie sehen aktuelle Trends in diesem komplexen Themenfeld aus? Damit beschäftigen sich Daniel Wutti und Markus Hayden von der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt im Rahmen einer umfassenden Studie. Im Wirtschaftsgeist-Interview verraten sie uns erste Ergebnisse und erklären, welche Rolle die Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften dabei spielen.

Wir haben im Frühjahr über Eure Initiative zur Definition des Begriffs „Wissenstransfer“ berichtet. Seither habt Ihr eine aufwändige Studie zum Thema erstellt. Könnt Ihr kurz erläutern, worum es dabei geht und was in den vergangenen Wochen passiert ist?
Wir haben in einer Umfrage mehrere Ziele auf einmal verfolgt:
Zu aller erst wollten wir wissen, welche Begriffe Forscherinnen und Forscher implizit mit dem Thema Wissenstransfer verbinden. Zudem haben wir uns auch angeschaut, welche Komponenten sie explizit mit der Thematik verknüpfen. In einem weiteren Schritt haben wir eruiert, welche Motivatoren es für Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen gibt, Wissenstransfer zu betreiben und welche Hindernisse häufig auftreten. Der letzte Teil der Erhebung bestand aus einem umfangreichen Fragebogen zu Bewertung von Wissenstransfer, wie etwa im Hinblick auf Nutzen, Möglichkeiten sowie Stellung innerhalb der Scientific Community.
Im Speziellen waren wir auch daran interessiert, ob es zwischen den verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen – beispielsweise zwischen den Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften auf der einen und den naturwissenschaftlichen und technischen Studien auf der anderen Seite – Unterschiede in Verständnis und Zugang zur Thematik des Wissenstransfers gibt.
Unsere Daten haben wir im Frühjahr an den Universitäten in Kärnten und der Steiermark erhoben. Seit damals sind wir vordergründig mit der Auswertung beschäftigt.

Was sind grundlegende Ergebnisse Eurer Studie – bzw. welche zentralen Aussagen lassen sich aus der Studie jetzt bereits treffen?
Die Auswertungen sind aktuell noch nicht abgeschlossen, da es eine Fülle an Daten gibt – sowohl quantitativer als auch qualitativer Natur.
Was wir aber schon sagen können ist, dass es ein großes Interesse an der Thematik gibt. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler messen Wissenstransfer einen hohen Stellenwert und einen großen Nutzen zu. Vor allem der gegenseitige Austausch mit Expertinnen und Experten in praktischen Feldern wird als produktiv bewertet. Zeitgleich haben die Forscher_innen allerdings auch das Gefühl, dass innerhalb der Scientific Community nur wenig Wert darauf gelegt wird. Das bedeutet unter anderem auch, dass für die Karriere nach wie vor fast ausschließlich die „klassischen“ Leistungen, wie etwa Veröffentlichungen und Vorträge vor wissenschaftlichem Publikum zählen. Wissenstransferleistungen werden nach Meinung der Befragten hingegen kaum gewürdigt. Dabei ist Wissenstransfer für beide Seiten von Vorteil: das universitäre Wissen kommt in praktische Felder und findet dort Anwendung, andererseits fließt aber auch Praxiswissen zurück an die Universitäten. Nicht zuletzt werden auch gegenwärtig bedeutende Themen aus der Praxis von Forscherinnen und Forschern aufgegriffen. Somit profitieren alle Beteiligten.
Was die wesentlichen Teilkomponenten des Themas Wissenstransfer anbelangt, so deuten unsere Ergebnisse darauf hin, dass einige Bereiche kaum Beachtung bekommen. Die universitäre Lehre wurde beispielsweise von der überwiegenden Mehrheit der Befragten als essentiell benannt, wohingegen andere Faktoren, wie etwa Patentierungen – die sogar als Wissenstransferleistungen in den Wissensbilanzen der Universitäten erfasst werden – deutlich seltener sowohl implizit als auch explizit mit dem Thema Wissenstransfer verknüpft wurden.
In diesem Zusammenhang ist es jedoch wichtig anzumerken, dass die Forscherinnen und Forscher, die an unserer Erhebung teilgenommen haben, zum Großteil den Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften zuzurechnen sind. Es könnte durchaus sein, dass der niedrige Anteil an technischen- und Ingenieurswissenschaftler_innen die Ergebnisse etwas verzerrt hat. Darauf wollen wir im nächsten Schritt, einer österreichweiten Studie, besonderes Augenmerk legen.

Am 5. Oktober gab es ein universitätsübergreifendes Treffen in Graz, bei dem Ihr erste Ergebnisse Eurer Studie präsentiert habt. Wie haben die TeilnehmerInnen reagiert, die ja aus unterschiedlichen Bereichen kamen – von den Geisteswissenschaften über Medizin bis hin zur Technik?
Die Ergebnisse wurden von den Anwesenden mit Interesse angenommen. Der Wert unserer Arbeit liegt wohl auch darin begründet, dass wir das Thema wissenschaftlich bearbeiten. Innerhalb des Wissenstransferzentrums Süd, wo es ansonsten viele interessante und innovative praktische Tätigkeiten und Projekte gibt, ergänzen wir also den thematischen Bereich aus einer theoretischeren Sichtweise. Uns ist es ausdrücklich wichtig, verschiedene Disziplinen an der Forschung miteinzubeziehen, daher haben wir uns auf eine interdisziplinäre Diskussion gefreut. Die Diskussion zeigte, dass die Zeit reif ist für solche übergreifende Initiativen – wir stehen noch am Anfang, das universitätsübergreifende Treffen in Graz hat aber gezeigt, dass es sinnvoll ist, breiter anzulegen. Diskussionsbedarf gab es insbesondere bei dem Thema „Kennzahlen zu Wissenstransfer“. Es geht um die bedeutende Frage, wie Wissenstransfer-Leistungen adäquat in Forschungsbilanzen und Leistungsvereinbarungen abgebildet werden könnten, ohne ihr Kreativitätspotenzial zu gefährden. Die Diskussion war fruchtbar und wir konnten gute nächste Schritte planen.

Mit dem Wirtschaftsgeist-Blog sind wir an der Schnittstelle GSK/Wirtschaft angesiedelt. Daher interessiert uns, ob Eure Studie auch über diesen speziellen Bereich Aufschluss gibt. Wie sehen Geistes-, Sozial- und KulturwissenschafterInnen den Wissenstransfer zur Wirtschaft? Gibt es eine solche Art des Wissenstransfers überhaupt?
Ja, Wissenstransfer wird auch in den GSK-Disziplinen betrieben. Allerdings stehen häufig andere Themenkomplexe im Vordergrund, als jene, die bisher in Kennzahlen abgebildet werden. Erkenntnisse der GSK-Wissenschaften lassen sich in der Regel nicht in Form von Patenten vermarkten und führen häufig auch nicht zu sog. „Spin-Offs“. Dennoch gibt es etwa im Bereich von Praxisforschung bzw. daraus entstehenden Fortbildungen für Praktiker_innen klare Überschneidungsbereiche. Auch sollte nicht unterschätzt werden, dass den GSK-Fächern oftmals eine bedeutende Rolle im Hinblick auf Bewusstseinsbildung, sowohl im politischen, wie auch im volkswirtschaftlichen Sinn zukommt. Luk Van Langenhove, der Leiter des Institute on Comparative Regional Integration Studies der United Nations University in Bruges, Belgium forderte 2012 sogar in einem Nature Artikel dazu auf, diese Ausrichtung weiter zu forcieren.

Welchen Nutzen seht Ihr im Wissenstransfer zwischen Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften und der Wirtschaft?
Diese spezielle Art des Wissenstransfers ist leider aktuell in vielen Belangen noch stark unterschätzt, obwohl GSK-Wissenschaftler_innen in den unterschiedlichsten Branchen einen großen Mehrwert leisten können und auch der Rückfluss von Informationen aus der Wirtschaft an die Universitäten nicht unterschätzt werden sollte. Dementsprechend ist unserer Ansicht nach ein stärkeres Zusammenarbeiten zwischen Forscher_innen und Wirtschaft nicht nur in den eben schon beschriebenen Themengebieten durchaus zu forcieren.

Wie sieht die Zukunft Eurer Wissenstransfer-Studie aus? Was habt Ihr damit vor?
Zu aller erst einmal haben wir die Erhebung in leicht abgeänderter Art und Weise nun auch an den anderen österreichischen Universitäten gestartet. Wir möchten somit ein möglichst repräsentatives Ergebnis für Österreich erhalten.
Unsere Studie sehen wir gewissermaßen als explorativ an. Die Daten sollen dementsprechend natürlich auch eine Grundlage bilden, auf die sich weitere Arbeiten stützen können. Bisher gibt es beispielsweise noch keine einheitliche Definition von Wissenstransfer – weder interdisziplinär noch innerhalb bestimmter Disziplinen wie etwa den Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sollen vermehrt für diese Thematik sensibilisiert werden. Viele bedeutende Förderinstitutionen wie etwa der FWF oder Horizon 2020 verlangen ja inzwischen explizit, Wissenstransfer in Forschungsprojekte mit einzubeziehen, beispielsweise indem der Dissemination oder Open Access besondere Aufmerksamkeit zukommt. Zugleich wird aber Wissenstransfer an den Universitäten, wo vordergründig „Science to Science“ zählt, noch recht stiefmütterlich behandelt. Es ist ein Ungleichgewicht, wenn Universitäten und die dort betriebene Forschung öffentlich finanziert werden, die Ergebnisse aber nur innerhalb der Scientific Community bleiben. Wissenstransfer kann hier Abhilfe schaffen. Wir hoffen, dass unsere Ergebnisse diesbezüglich einen Beitrag zur Sensibilisierung leisten können. Im Bereich der GSK-Wissenschaften geht es auch darum, Wissenschafter_innen zum Wissenstransfer zu ermutigen: vieles, was bereits getan wird, ist gewiss Wissenstransfer zuzuordnen, allerdings findet es aktuell keinen Eingang in Leistungsvereinbarungen, es wird nicht gewichtet. Hierbei geht es darum, Qualitätskriterien zu finden, um schlussendlich auch diese Leistungen adäquat abbilden zu können.
Was die Veröffentlichung der Ergebnisse anbelangt, so möchten wir natürlich auch dem von uns selbst proklamierten Weg treu bleiben und streben dementsprechend einen Open-Access-Weg an. Darüber hinaus werden die Ergebnisse im Rahmen der Wissenstransferzentren publik gemacht und auch kritisch diskutiert. Damit soll und wird der Prozess aber noch nicht am Ende stehen. Viele wesentliche Schritte kommen erst im Anschluss. Dazu zählt vor allem auch die Diskussion der Ergebnisse mit dem Ministerium und den unterschiedlichen Universitäten.

Interview/Text: Roland Reiter